Klessin - Durch den Wald des kleinen Oderbruchdörfchens Klessin ziehen sich tiefe Gräben. Uwe Noack steht bis zur Brust in einer der Rinnen. Kraftvoll stößt der Mann in dem orangefarbenen Overall seinen Spaten in den sandigen Boden, schaut dann aufmerksam auf die ausgehobene Erde, ob da noch irgendwas steckt. Ein Knopf etwa oder ein Stück Uniform.

Es ist die Stelle, an der er und andere Freiwillige vor wenigen Stunden auf Knochen gestoßen sind. Dann auf einen Stahlhelm, in den ein Granatsplitter ein Loch gerissen hat. Dann eine Erkennungsmarke. Sie weist den Toten als Angehörigen des Volkssturms in Hessen aus. Seinen Namen kennt Noack nicht, der wird nun erst bei den zuständigen Stellen in Berlin geklärt.

Der Tote ist einer von etwa 200 Gefallenen, die noch immer in der Erde um Klessin vermutet werden. Es waren deutsche und sowjetische Soldaten, die sich hier im Februar und März 1945 kurz vor der Schlacht um die Seelower Höhen erbitterte Kämpfe geliefert haben. 17-Jährige waren darunter, die ihr Leben noch gar nicht richtig begonnen hatten, aber auch weit über 50 Jahre alte Männer.

Das kleine Klessin mit seinem Gutshof, den drei Landarbeiterhäusern und den wenigen Bauerngehöften galt für die Kämpfe als strategisch wichtig. Von dort konnte man die Oder beobachten und die Brücken, die die sowjetischen Truppen gebaut hatten, um ihr Kriegsgerät für den Großangriff auf Berlin über den Fluss zu bringen.

Gefallen in den letzten Kriegstagen

Uwe Noack ist 70 Jahre alt, er kommt aus Berlin. Er ist Mitglied des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa. Die Freiwilligen des Vereins suchen nicht nur in Deutschland nach Kriegstoten, sondern überall in Europa. Seit Sonnabend gräbt Noack mit 34 anderen Freiwilligen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Polen, Russland und Frankreich nach den sterblichen Überresten von Männern, die noch in den letzten Kriegstagen gefallen sind und die nie eine würdige Ruhestätte bekommen haben.

„Es gibt noch so viele Menschen, die nicht wissen, was mit ihren Männer, Vätern oder Brüdern geschehen ist. Es ist schön, wenn man ihnen nach so langer Zeit endlich Gewissheit geben kann“, erklärt Noack die Motive für seine Arbeit.

Die Gräben im Wald, das sind die einstigen Schützengräben, die die Soldaten im Frühjahr 1945 in aller Eile ausgehoben haben. Luftbilder zeigen, wo sie sich einst befanden. Dort wird nach Toten gesucht, aber auch auf einem Feld gleich nebenan.

„Menschen, die im Krieg sinnlos verheizt wurden.“

Drei kleine Särge stehen dort am Feldrain. In ihnen liegen die Knochen von drei deutschen Soldaten, die seit Beginn der diesjährigen Suchaktion am Sonnabend gefunden wurden. Bei zwei von ihnen lag eine Erkennungsmarke. Gute Voraussetzungen, um die noch namenlosen Toten zu identifizieren, Angehörige zu informieren und den Toten eine letzte Ruhestätte zu geben.

„Wir sind seit 2005 jedes Jahr einmal hier in Klessin“, erzählt Albrecht Laue. Der 38-Jährige ist der Vorsitzende des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa mit Sitz in Hamburg. Der hauptberufliche Kaufmann erzählt, er sei zu dem Verein gekommen, nachdem er sich mit dem Schicksal seines Großvaters befasst habe, der 1942 bei Woronesch gefallen sei.

„Wir suchen hier nicht nach sowjetischen, deutschen oder polnischen Toten, wir suchen nach Menschen“, sagt Laue. „Menschen, die im Krieg sinnlos verheizt wurden.“ Es mache keinen Unterschied, ob man einen deutschen oder sowjetischen Soldaten findet. „Ein deutscher Toter sieht aus wie ein sowjetischer Toter.“ Und genauso wie man die Toten nicht unterteilen würde, mache es auch keinen Unterschied, ob die Helfer aus Deutschland, Polen oder Russland kommen.

Die Helfer tragen ihre Kosten selbst

Unweit von den Gräben im Klessiner Wald steht Hans-Peter Jung an einem riesigen ausgehobenen Loch, in dem sein russischer Kollege mit einer Sonde nach Metallteilen sucht. Jung hat in Frankreich einen Dachdeckerbetrieb, er hat seinen Jahresurlaub genommen, um nach Klessin zu kommen. Die 460 Euro für den Flug hat er aus eigener Tasche bezahlt. Er wohnt, wie die anderen Freiwilligen, in einem Zeltcamp im nahen Podelzig. „Zwei Brüder meiner Pflegemutter gelten noch immer als vermisst“, begründet er sein Engagement für den Verein.

In dem riesigen Loch wurde ein Massengrab mit sowjetischen Gefallenen gefunden. Eine alte Frau hatte dem Verein einen Hinweis auf das Grab gegeben. „Die sterblichen Überreste von 20 Soldaten konnten wir bisher bergen“, erzählt Jung. Sie liegen in kleinen Särgen, die ebenso wie die Särge mit den deutschen Toten dem Volksbund für Kriegsgräberfürsorge übergeben und dann würdig bestattet werden.

Albrecht Laue sitzt auf einer Bank und füllt Dokumente aus, Exhumierungsprotokolle. Er hat viel zu tun in diesem Jahr. In der Zeit von 2005 bis 2011 hat der Verein 35 Kriegstote geborgen. Doch allein in den vergangenen fünf Tagen waren es 23 Tote. Laue muss alles aufschreiben, was bei den Toten gefunden wurde. Ein Kamm, eine Dose Schuhcreme, ein zerbrochener Löffel, Gürtelteile – das alles lag in dem Graben bei dem toten Volkssturmmann aus Hessen. „Es ist nicht viel, was hier von einem Menschen übrig geblieben ist“, sagt er. Aber die Erkennungsmarke lässt ihn hoffen. Wenigstens den Namen wolle er den Toten mit ins Grab geben.