Ohne Holzhammer keine Marsmission. Auch Schraubzwingen und Klebeband fehlen nicht in Riccardo Nadalinis Hightech-Labor. Sie sind ebenso unentbehrlich wie 3D-Drucker und die teuren Apparaturen, mit deren Hilfe Nadalini forscht, entwickelt und seine jüngsten Erfindungen unter Weltraumbedingungen testet. „Alles, was wir entwickeln, ist ein Unikat und beginnt bei Punkt null“, erklärt der Weltraumexperte.

Der 41-Jährige – ganz Italiener elegant in Anzug, Hemd und Krawatte – ist Gründer und Chef der Active Space Technologies GmbH (AST). Wenn man so will, ist er der erste Marsianer unter den fast 16.000 Menschen, die im Wissenschafts- und Technologiepark Berlin-Adlershof (Wista), forschen und arbeiten. Nadalini hat sich dem Roten Planeten verschrieben.

An Nasa-Programm beteiligt

Als Kind ist er mit Büchern wie „Ich, der Roboter“ oder „Sterne wie Staub“ des einstigen Science-Fiction-Autors Isaac Asimov aufgewachsen. Später, als er in Mailand Raumfahrttechnik studierte, kam jede Menge Fachliteratur hinzu. Seine Diplomarbeit in Köln schrieb er zum Thema „Mars-Roboter“. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre am Institut für Planetologie der Uni Münster, bis er seinem Chef nach Berlin ans Institut für Planetenforschung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) folgte.

2007 erfüllte sich Nadalini einen weiteren Traum: Er gründete mit AST sein eigenes Unternehmen, das heute 20 Mitarbeiter zählt. Das Unternehmen entwickelt vor allem spezielle Lösungen auf dem Gebiet der Thermik für Satelliten. Unter anderem ist AST am Insight-Programm der US-Raumfahrtbehörde Nasa beteiligt. Insight ist eine Mars-Mission, bei der ein stationärer Lander auf der Oberfläche des Roten Planeten abgesetzt und mit dessen Hilfe die frühgeologische Entwicklung des Mars erforscht werden soll.

„Wir waren gemeinsam mit dem DLR am Bau eines Maulwurf-Roboters für die Mission beteiligt“, berichtet Nadalini. Der Maulwurf soll vollautomatisch bis zu fünf Meter tief in den Marsboden vordringen. Daraus erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die thermische Entwicklung des Planeten und über die Prozesse, die bei der Entstehung und Entwicklung eines erdähnlichen Planeten ablaufen. Der Start der Mission sollte 2016 erfolgen, wurde aber auf 2018 verschoben.

Da viele Länder in der Weltraumerforschung aktiv sind, zählt AST viele potenzielle Kunden. Mit Höhen und Tiefen: „Wir spüren es sofort, wenn in der sehr teuren Raumfahrt der Rotstift angesetzt wird“, sagt er. „Wir haben schon gute und schwierige Zeiten durchgemacht – aber immer überlebt.“

Marktführer sitzen im Wista

Damit liegt der Unternehmer quasi im Trend am Hightech-Standort Adlershof. In 25 Jahren ist dort auf einem 4,2 Quadratkilometer großen Areal der größte Wissenschafts- und Technologiepark (Wista) Deutschlands entstanden. Der steht nicht für klassische Industriearbeitsplätze, sondern für Zukunftsjobs.

„Wenn es gelingen sollte, in Berlin wieder eine nachhaltige Industrie aufzubauen, dann musste sie wissenschaftsnah sein“, nennt der Sprecher der Wista Management GmbH, Peter Strunk, eine Grundidee. Aus der Idee wurde eine Erfolgsgeschichte. Heute arbeiten in Adlershof mehr als 1000 Unternehmen mit 16.000 Beschäftigten, darunter vor allem im Technologiezentrum viele, die zu den Marktführern in ihren Nischen gehören.

Bis auf den Einbruch der Solarindustrie hat es in Adlershof seit Gründung keine Erschütterungen gegeben. Die Insolvenzrate liegt bei unter zwei Prozent. „Wir haben hier viele Vorteile“, sagt Nadalini: Gute Räumlichkeiten, günstige Mieten, Service, perfekte Infrastruktur und benachbarte Firmen, von denen man profitieren könne. „Wir haben das Gefühl, uns hier in einem lebenden Fluss zu befinden.“

Selbst renommierte Firmen aus den alten Ländern sehen das Adlershofer Potenzial. „Es kommt immer öfter vor, dass sie Forschungsabteilungen bei uns ansiedeln“, sagt Strunk. Würth, Trumpf, Harting, Corning Cable – sie alle schätzen die Vorteile und Kreativität am Standort.

BER-Eröffnung sehnsüchtig erwartet

Zudem finden sie hier schneller talentierte Fachkräfte als an ihren alten Standorten. Platz gebe es in Adlershof noch genug, wirbt Strunk. Und wenn der Flughafen BER in Schönefeld öffnet, „möchte ich nicht wissen, was das für einen zusätzlichen Boom hier auslösen wird.“ Adlershof ist die erste Autobahnabfahrt Richtung City.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb man bei Wista sehnsüchtig auf die BER-Eröffnung wartet: Das Wista-Management ist beauftragt, das Gelände des dann nicht mehr benötigten Flughafens in Tegel ebenfalls zu einem Forschungs- und Industriepark zu entwickeln, spezialisiert auf urbane Technologien. Das ist eine Riesen-Chance für Berlin, sich weiter als Standort der Zukunftstechnologien zu profilieren. Doch das dürfte noch dauern. Gut möglich, dass sich Riccardo Nadalini vorher seinen Traum erfüllt: „Einmal in den Weltraum fliegen.“