In der glühenden Mittagshitze brodelt Öl im Topf auf dem Gaskocher. Im Eimer daneben ruht eine klebrige weiße Masse. „Das ist Reismehl mit Kokoswasser, Sesam, Palmzucker und Salz“, erklärt die Frau, die hinter dem Kocher auf einem Hocker sitzt und in flinken Bewegungen Kochbananen in Scheiben schneidet, die dann im Teig gewendet und im Fett ausgebacken werden. „Ein Rezept von meiner Oma“, sagt die Frau, die sich als Jiraphan vorstellt und lächelnd ein heißes Stück Banane herüberreicht. Eigentlich ist es viel zu warm für warmes Essen, und doch will man am liebsten alles probieren, was hier so zubereitet wird. Alles, bis auf die frittierten Insekten vom Nachbarstand vielleicht.

An diesem Sonntag sind um die hundert asiatische Frauen auf der Liegewiese im Preußenpark zusammengekommen, für die sich längst der Name Thaiwiese eingebürgert hat. Unter bunten Sonnenschirmen haben Thailänderinnen, aber auch Philippinerinnen und Vietnamesinnen kleine, improvisierte Stände aufgebaut. Sie bereiten frische Mangosalate zu, es gibt gegrillte Tilapiabarsche, Hähnchenspieße, Kokosmilchsuppen, gedämpften Tofu im Bananenblatt. Die Frauen sitzen auf der Erde oder auf kleinen Plastikstühlchen, um sie herum riesige Einkaufstüten und Kühlboxen.

Eines der beliebtesten Gerichte an heißen Tagen ist der berühmte scharfe Papayasalat Som Tam. Während eine Frau in Windeseile Bohnen, Tomaten und unreife Papayafrüchte schnippelt, zerstampft eine andere im Tontopf das Gemüse und vermengt es mit Limettensaft, Fischsauce, Chili und Knoblauch.

Es dauert ein bisschen, bis man sich im Gewusel zurechtfindet, doch dann ist es auf einmal da – dieses Gefühl, sehr weit weg von Berlin zu sein, mittendrin in den Garküchen von Bangkok, Hanoi oder Manila. Fast vergessen, dass man sich doch eigentlich auf einem recht ausgetretenen Stück Wiese befindet, umstanden von ein paar hohen Bäumen, begrenzt von unansehnlichen Verwaltungsgebäuden. Doch das bunte Gewirr von Bambusmatten und klappernden Pfannen, das Durcheinander der vielen Sprachen und die fernöstlichen Gerüche machen das triste Stück Park nördlich des Fehrbelliner Platzes jedes Wochenende lebendig.

Gerade mal zwei Euro nimmt Jiraphan für eine große Schale von ihren Kochbananen. Sie schmecken köstlich, besser als in jedem Thai-Restaurant. Die 60-jährige Wilmersdorferin ist heute mit ihrer Tochter gekommen, die in Prenzlauer Berg lebt. Ailada hilft ihrer Mutter, am Stand der beiden herrscht Hochbetrieb. Jiraphan kommt seit einem Jahr jedes Wochenende als Köchin her, steht morgens um sechs Uhr auf, um mit den Vorbereitungen zu beginnen. Davor war sie schon viele Jahre lang als Besucherin hier.

Für die Asiatinnen ist die Wiese auch ein Treffpunkt, hier können sie mit Bekannten und Freunden in ihrer Sprache reden, ein Schwätzchen halten über die Gesundheit, über die deutschen Ehemänner oder einfach über das Wetter. Viele Frauen, die hier kochen, stammen aus dem Nordosten Thailands, kamen in den 70ern und 80ern hierher, heirateten deutsche Männer, um der Armut in der Heimat zu entfliehen. Mit dem bisschen Geld, das sie hier verdienen, können sie ihre Familien zumindest etwas unterstützen.

Platz zum Plauschen

Jiraphan kam 1978 aus der Provinz Khon Kaen nach Deutschland, auch sie heiratete einen Deutschen. Mit der Sprache tut sie sich heute noch schwer, gerade deshalb ist die Wiese für sie ein wichtiger Treffpunkt. Während ihre Frauen kochen, tauschen sich im Hintergrund die Ehemänner aus. Sie sitzen bei einem Bier zusammen, reden über Fußball und über die Dokusoap „Traumfrau gesucht“, in der deutsche Männer auf eine Partnerin aus dem Ausland hoffen. Man könnte hier endlose ethnologische und soziologische Studien durchführen. Oder einfach nur am Strohhalm ziehen, der in der Kokosnuss steckt, und den Frauen und Kindern beim Tanzen zusehen. An diesem Tag ist im Park eine Bühne aufgebaut, auf der junge Männer beim Karaoke thailändische Popsongs schmettern. Beachtlich, wie viel Leidenschaft sie in ihre Auftritte legen. Auf der Wiese werden die Sänger frenetisch gefeiert. Später geht es auf der Brandenburgischen Straße zurück zum U-Bahnhof. Ein Auto hupt, ein Radfahrer zetert. Die Reise ist zu Ende.