Laufübungen: Maria Thiele wird von einer Nachbarin gehalten.
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Modernisierung in Lichtenberg - Lob des Kachelofens: Maria Thiele

In der Lichtenberger Wohnung, in der ich aufwuchs, standen früher drei große schöne Kachelöfen. Um zu heizen, gingen mein Bruder und ich mit jeweils zwei Metallbehältern in den Händen die Treppen herunter in den Keller, in dem ein großer Haufen schwarzer Kohleblöcke lag. Jeder von uns schnappte sich dann ein paar Kohlestücke, stapelte diese in den Behältern und schleppte sie nach oben zum Steinofen. Dann schoben wir ein paar Kohlestücke in die obere Kaminöffnung, zündeten ein Zündi an, schoben es vorsichtig dazu und beobachteten fasziniert das Spektakel der tänzelnden Flammen.

Wenn es dann allmählich warm wurde, liebte ich es, oben auf den Ofen hinaufzuklettern und mich mit einer Decke auf die Kacheln zu legen, bis nach einer Stunde das ganze Zimmer beheizt war. Im Jahr 1998 erhielten meine Eltern einen Brief vom Vermieter. Ich hörte das Wort Modernisierung. Ich spürte die Anspannung und die Unruhe, verstand jedoch nicht, was das alles bedeutete. Irgendwann waren alle unsere Freunde und Nachbarn weg. Dann rückten Bagger und Kräne an, es wurde laut und dreckig. Aus unserem Wohnblock zogen circa 180 Familien aus, nur zwei blieben – darunter wir.

„Die Partisanen, die der Mieterhöhung trotzten“, sagte neulich unser ehemaliger Nachbar „Onkel Mario“. In unserer Wohnung stapelten wir damals all unsere Möbel und all unsere Sachen, einfach alles jeweils in der Mitte der Zimmer. Ständig kamen Handwerker herein, liefen durch die Wohnung, schoben unsere Sachen beiseite, rissen den Boden auf und die Fenster ein. Als unsere Wohnung an der Reihe war, zog meine Familie für etwa ein halbes Jahr sechs Häuser weiter in eine der nun leer stehenden, noch nicht umgebauten Wohnungen.

Dort gab es nichts außer ein paar Luftmatratzen, auf denen wir schliefen, eine Campingkühlbox und einen Stuhl mit einem kleinen batteriebetriebenen Schwarz-Weiß-Fernseher drauf. Irgendwann zogen wir endlich wieder zurück in unsere richtige Wohnung. Die Öfen waren nun weg, an deren Stelle gab es nun ein eingenageltes Brett. Dafür hingen Zentralheizungen unter jedem Fenster. Die Häuserfassade war nicht mehr grau, sondern sonnengelb.

Die Stellen, an denen die Fassade bis auf den Ziegelstein abgefallen war, waren neu gemacht. Wenn mir heute kalt ist, drehe ich die Zentralheizung auf, und innerhalb weniger Minuten wird es warm, ohne dass ich schwere Kohlebehälter schleppen muss. Ein Spektakel ist es jedoch nicht. Das bleibt den Öfen meiner Kindheit vorbehalten. Der Moment, in dem mir die Auswirkungen der Wende in allen Zügen deutlich wurden, war der, als ich den dreiseitigen Mietvertrag meiner Eltern von 1987 wiederfand.

Damals zogen sie in die oben beschriebene Wohnung ein. In dem Dokument steht: „Der Mietpreis für die Wohnung beträgt 113,5 M.“ Ich legte den heutigen zwölfseitigen Mietvertrag für dieselbe Wohnung daneben. Die Miete beträgt 1 300 Euro warm.

Maria Thiele wurde 1988 in Berlin geboren, wo sie auch heute lebt.


Feiern in Eschweller-Das Fußball Feuerwerk: Max Haarich

Max Haarich (l.) und sein Zwillingsbruder Konrad (r.) mit einem Freund in Aschersleben
Foto: privat

Ich war sechs Jahre alt und wohnte im kleinen Eschweiler bei Aachen, also im äußersten Westen, circa 650 Kilometer von der Berliner Mauer entfernt. Trotzdem werde ich die Nacht des Mauerfalls nie vergessen. Es war bereits 22 Uhr. Mein Zwillingsbruder Konrad und ich schliefen schon tief und fest in unserem Etagenbett, als unser Vater Horst uns weckte.

„Kommt, Kinder, auf dem Markt ist Feuerwerk.“ Feuerwerk? Für uns Kinder gab es nicht Geileres. Sofort sprangen wir auf, zogen Jeanshose und Jeansjacke an, und es ging raus in die sonst so verbotene Nacht. Unser Vater führte uns durch die dunklen Gassen Eschweilers. Nachts wirkte alles so unheimlich und gefährlich, wie unsere Eltern immer warnend gesagt hatten: In den schmalen dunklen Gassen standen überall große gefährliche Erwachsene herum und tranken Bier.

Die lachten und brüllten alle ganz laut. Wir fühlten uns erst wieder wohler, als wir dem Markt näher kamen und endlich andere Kinder sahen. Die anderen Kinder sprachen aber nicht mit uns, sondern starrten gebannt in Richtung Kirche: Eine riesige Wolke rot leuchtenden Rauchs umhüllte diese. Am Himmel darüber explodierten Raketen in den tollsten Mustern und Farben.

Ganz Eschweiler schien für dieses Feuerwerk versammelt zu sein, alle waren glückselig. „Das ist Quatsch!“, entgegnet mir meine Mutter Irene, als ich ihr meine Sicht auf die damalige Nacht schildere. „Damals gab es kein Feuerwerk. Das musst du dir eingebildet haben.“ Aber ich war mir vollkommen sicher. Ich konnte mich genau an dieses Feuerwerk im Sommer erinnern. Es muss Sommer gewesen sein, weil wir ja die leichten Jeansjacken trugen.

Und wir hatten ja auch allen Grund zu feiern. „Nee, Max. So war das nicht. Du verwechselst das bestimmt mit dem Sieg der Fußball-Weltmeisterschaft. Da gab es vielleicht ein Feuerwerk. Die Wende hätte hier niemand gefeiert. Die hat uns hier nicht wirklich interessiert. Das war einfach alles zu weit weg von uns.“ Vom Mauerfall bekam man im äußersten Westen Deutschlands kaum etwas mit beziehungsweise erst viel später.

Erst Monate danach entdeckte meine Mutter die ersten Ossis bei uns in Eschweiler. Die erkannte man, weil sie im Supermarkt so hilflos vor dem Regal standen mit drei Paketen Wiener Würstchen in der Hand. „Die wussten nicht, welche sie kaufen sollten. Bei denen gab es ja für alles immer nur eine Sorte.“ Als meine Mutter das sagte, fragte ich mich, warum wir so viele Wiener Würstchen hatten.

Max Haarich, geboren 1983 in Eschweiler, wohnt heute in München.


Bananenaufkleber in Brandenburg-Onkel Tuca auf dem Kühlschrank: Christian Schlodder

KInd mit Sammelleidenschaft: Christian Schlodder auf der Suche nach Ostereiern.
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Vor ein paar Jahren entdeckte ich in der Garage meines Vaters unsere alten Küchenschränke wieder. Dunkelbraune Leisten an beige-melierten Türen. Feinste Achtzigerjahre-Moderne. Könnte vom VEB Küchenmöbel ratiomat Eppendorf hergestellt worden sein. Vielleicht ist es sogar Modell 85/03, sagt das Internet. Vielleicht ist es aber auch ein anderes.

Ich meine mich noch immer daran zu erinnern, wie das triste Ensemble einst in unserer Plattenbauwohnung (Querwandtyp Nr. 3 Variante A) stand. Heute haben meine Eltern ein Haus, und mein Vater lagert in den alten Küchenschränken allerhand Werkzeug und Krempel hinter den blassbeige-melierten Türen. An einer von ihnen kleben noch immer viele kleine bunte Sticker. Bananza steht auf einem grünen.

Der rote Dole-Schriftzug ist auf einem anderen zusehen. Tropy. Fyffes. Bonitas. Banacol. Tipito. Unica. Onkel Tuca, grinsend. Chiquita in Blau. Und viele mehr. Es sind Sticker, die einst auf Bananen klebten. Als wir Kinder waren, irgendwann Anfang der Neunziger, durften wir diese kleinen Sticker auf die blasse Schranktür kleben. Heute wundere ich mich darüber. Mein Vater ist nicht der Typ, der es besonders schick findet, Sticker auf Küchenmöbel zu kleben – ich habe ihn sogar als recht streng in Erinnerung.

Vielleicht ist die Wahrnehmung verzerrt. Oder irgendwas hatte sich damals schlagartig verändert. Nicht nur, dass er alle Augen zudrückte, wenn wir die Sticker auf die Küchenschranktür pappten. Er ermutigte uns sogar, immer neue bunte Werbebilder mit Papageien, Affen und vor allem Bananen aufs Pressholz zu kleben. Wenn ich heute zu meinen Eltern fahre, komme ich an vielen Orten vorbei, die es nicht mehr gibt.

Der alte Fernsehladen, das Elektrogeschäft und der Fahrradladen, die lange geschlossen sind. Die Drogerie. Zwei Blumenläden, genauso leer wie zwei weitere Supermärkte. Der ehemalige Schreibwarenladen, nicht weit vom Spielzeugladen, der keiner mehr ist. Viele weitere leer stehende Schaufenster, bei denen ich mich mittlerweile frage, was dort früher einmal gewesen ist. Hier bedeutet Wandel auch Niedergang.  

Und in der Garage meines Vaters steht noch immer unser alter Küchenschrank mit all den Aufklebern – Del Monte in Grün, Rot und Gelb, Nature House mit aufgehender roter Sonne, immer wieder Chiquita. Bunte Sticker auf blassem Pressholz.

Christian Schlodder, Jahrgang 1987, wuchs in einem kleinen Ort in Brandenburg auf. Seit 2006 lebt er in Berlin.


Von Quickborn nach Berlin- Wie sich die Skepsis legte: Sören Reimer

Zwischen Vordersitz und hinterer Sitzbank verschanzt: Sören Reimer.
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Meine Erinnerungen an den Fall der Mauer sind bestenfalls schwammig. Das wundert mich nicht, war ich doch erst fünfeinhalb Jahre alt, als Ost-Berliner am Grenzübergang Bornholmer Straße Fakten schufen. Irgendwo in der Grauzone zwischen eigenem Erleben, Erzählungen von Eltern und imaginativer Ergänzung erinnere ich mich daran, mitten in der Nacht geweckt und vor den Fernseher gesetzt worden zu sein, die jüngere Schwester durfte weiterschlafen.

Meine Eltern waren aufgekratzt und glücklich. Ich war vermutlich müde. Meine Welt war Quickborn – ein Speckgürtelvorort von Hamburg, bekannt als Autobahnabfahrt an der A7 und als Ex-Wohnort von Mike Krüger („Welthits aus Quickborn“). Familiär hatten wir keine weiteren Beziehungen in den Osten; keine Tante, kein Onkel und kein Schwippschwager war hinter der Mauer eingeschlossen, keiner hatte von dort oder nach dort rübergemacht.

Mein sechsjähriges Ich jubelte einem westdeutschen Team zu

So hielt sich denn auch meine Freude über die gefallene Mauer wohl in engen Grenzen, wenn ich mich denn recht erinnere.  Größere Bedeutung hatte für mich einige Monate später die Fußball-WM in Italien. Auch in dieser Nacht saßen wir wieder gemeinsam vor dem Fernseher, es wurde gefiebert, es wurde gejubelt, später dann in der Quickborner Innenstadt gefeiert. Wie ich aber erst jüngst feststellte, hatte mein sechsjähriges Ich nicht einem gesamt-, sondern nur einem westdeutschen Team zugejubelt.

Das hatte ich jahrelang anders im Kopf.  Ernsthaften Ost-Kontakt hatte ich daher auch erst einige Monate später, am 3. Oktober 1990. Zum Tag der Deutschen Einheit fuhren wir an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze nahe Ratzeburg. Dort traf unsere West- auf eine Ost-Familie. Der historische Moment wurde in einem Foto festgehalten. Allerdings ohne mich. Trotzend und maulig – so schildern es meine Eltern, und ein anderes Foto zeigt es auch – hatte ich mich zwischen Vordersitz und hinterer Sitzbank verschanzt. Ich hingegen habe die Episode vergessen. Viele Jahre später legte sich diese Skepsis gegenüber dem Osten: Zum Studium ging es nach Jena, heute lebe ich Berlin-Pankow.

Sören Reimer, 1984 in Hannover geboren und in Quickborn aufgewachsen, lebt seit 2012 in Berlin.


Aufwachsen in Pankow- Sonnabends keine Schule mehr: Antje Binder

In Foto-Position vor dem Trabi: Antje Binder (r.) und ihr Bruder.
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In meiner Erinnerung sitze ich während des Mauerfalls vor unserem riesigen Colormat-DDR-Farbfernseher. Über den Bildschirm flimmern Bilder von Menschen im Freudentaumel. Feuerwerk, Sektduschen, Fahnen in Schwarz-Rot-Gold. Noch Jahre später hielt ich die Übertragung der ersten gesamtdeutschen Silvesterfeier am Brandenburger Tor für Aufnahmen vom Mauerfall. Viele meiner Erinnerungen an die Wendezeit sind so: bruchstückhaft, verdreht und ziemlich verblasst.

Ich war acht Jahre alt, als die Mauer fiel, und wie viele in meinem Alter von den Ereignissen überfordert. Alle redeten plötzlich vom Westen und „drüben“. Ich kannte das Wort, es fiel einmal, als wir auf dem Fernsehturm waren und auf West-Berlin schauten. Ich gab mich damals mit der Erklärung zufrieden, dass das da drüben ein anderes Land sei, in das wir nicht gehen dürften. Erst einige Wochen nach der Wende trauten sich meine Eltern zum ersten Mal nach West-Berlin.

Es ging vom Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße einmal zum Halleschen Tor und zurück. Kreuzberg im Dezemberregen hinterließ bei mir keinen bleibenden Eindruck. Ich erinnere mich an viel Graffiti und olle Häuser. Deswegen die ganze Aufregung? Dass sich mit dem Mauerfall etwas veränderte, bemerkte ich an Kleinigkeiten. Dass es mehr Freiheiten gab, hieß für mich zunächst: sonnabends keine Schule mehr.

Alles um mich herum wurde bunter: das Spielzeug, die Klamotten, der Parkplatz vor der Tür. Meine Eltern kauften mit 20.000 D-Mark in bar einen roten Renault. Ich fand ihn schnittig wie einen Rennwagen, etwas Luxuriöseres hatten wir bis dato nicht besessen. Die Euphorie aus dem Fernsehen wich der Unsicherheit. Auf Familienfeiern ging es in den Gesprächen immer um dasselbe Thema: Wende, Einheit, Währungsunion, Treuhand. Ich wusste nicht, was diese Wörter bedeuten.

Was ich verstand, war, dass alle sich Sorgen machten. Um ihre Zukunft und ihre Jobs. Kurz nach dem Mauerfall wurde meine Mutter arbeitslos. Nach ihrem letzten Arbeitstag kam sie weinend zur Tür rein. Mein Vater, wie er im Wohnungsflur steht, sie in den Arm nimmt und tröstet – auch den Moment habe ich bis heute nicht vergessen. Ich kann nur ahnen, wie es für meine Eltern damals war.

Sie waren etwas jünger als ich heute, hatten zwei Kinder, keine Ahnung, was die Zukunft bringt und wie man in diesem neuen System manövriert. Aber sie wurschtelten sich durch, fanden neue Jobs und machten die Neunzigerjahre zu einer Zeit, die ich rückblickend als aufregend empfinde.  Wir reisten viel, zum Wandern in die Alpen, nach London, Paris und sogar New York.

Für mich war das alles sehr spannend, für meine Eltern schier unglaublich. Ich weiß nicht, wie oft ich auf Reisen von ihnen diesen Satz gehört habe: „Dass wir das mal mit eigenen Augen sehen!“ Während ich in diese neue Welt fast natürlich hineinwuchs, wurde mir in diesen Momenten jedes Mal wieder bewusst, dass sich für meine Eltern mit der Wende fast das gesamte Leben änderte.

Antje Binder wurde 1981 in Pankow geboren und lebt auch heute in Berlin.


Das Zehlendorfer Vermächtnis-Singen mit den Prinzen: Karola Szopinski

Wochenende im Paradies: Karola Szopinski mit ihrer Tante. 
Foto: Privat

Zehlendorfer Altbau, schwere Ledersessel, ein großer Fernseher im Wohnzimmer: mein persönliches Schlaraffenland während der Grundschulzeit. In der Wohnung meiner Tante gab es alle Spielsachen, die ich mir jemals gewünscht hatte. Und ich musste so gut wie nie aufräumen. Da meine Mutter alleinerziehend war, Vollzeit arbeitete und auch mal ihre Ruhe brauchte, war ich fast jedes Wochenende in diesem Paradies.

Meine Mutter und ihre Schwester hatten ihre Kindheit in Warschau verbracht und waren seit ihrer Jugend in Deutschland. Das Studium hatte beide nach Berlin geführt. Sie schenkten mir eine sorglose Kindheit. Ein Highlight der Tage bei meiner Tante war die Musik, die wir hörten. Das Musical „Das Phantom der Oper“ etwa, Alben der Gypsy Kings. Eines Tages tönten zum ersten Mal die kristallklaren Stimmen von Sebastian Krumbiegel und Tobias Künzel aus den Lautsprecherboxen.

Mein sechsjähriges Ich war elektrisiert. Bald schon sang ich sämtliche Prinzen-Lieder auswendig mit. Als meine Tante 1995 starb, gingen die Prinzen-Alben in meinen Besitz über. Lange Zeit verstaubten sie im CD-Ständer. Erst zwei Jahrzehnte später wurde mir klar, dass nicht nur meine, sondern auch die Kindheit vieler meiner Freunde von der Musik der Prinzen geprägt worden war. Im Gegensatz zu anderen hatte ich jedoch nie erzählt bekommen, dass die Band aus „dem Osten“ kam.

Für mich hatte es die Unterscheidung von „Osten“ und „Westen“ nie gegeben, weder theoretisch noch praktisch. In einem Anflug von Nostalgie kramte ich die Prinzen-Alben heraus, hörte die Hymnen meiner Kindheit. Das Grundschulkind in mir machte einige Neuentdeckungen. Mir wurde klar, worum es bei „Allein Gemacht“ und „Liebe im Fahrstuhl“ ging. Auch die politischen Aussagen in „Bombe“ oder „Sicherheitsmann“ erschlossen sich mir schlagartig.

Der Gedanke, dass ich damals schon – unwissend, aber laut – Position gegen rechts bezogen hatte, gefiel mir gut. Für mich ist diese Musik nun eine Art Brücke. Zu meiner Tante, meiner Kindheit und zur Wende. Ich habe als Kind nichts vom Mauerfall mitbekommen, war aber doch Teil des Geschehens. Damals, im Wohnzimmer meiner Tante, als ich mit ihr und den Prinzen sang: „Wie zwei Magneten ziehen wir uns an / und kleben aneinander fest / doch du sagst Worte / die ich nicht verstehen kann / wir sind wie Ost und West / Ohne dich geht es nicht / doch auch zusammen ist's nicht leicht“.

Karola Szopinski, Jahrgang 1986, ist in Berlin geboren worden und geblieben.


Kindheit in Neukölln - Schienen mitten auf der Straße: Joulyn Lange

Im sicheren Kindersitz und noch nicht allein unterwegs: Joulyn Lange in früher Kindheit.
Foto: privat

Am 9. November 1989 war ich vier Jahre alt. Meine Erinnerung an diese Zeit ist verschwommen bis nahezu nicht vorhanden. Kein Wunder. Den Fall der Berliner Mauer habe nicht wirklich miterlebt. Ich bin in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen – im Berliner Westen also.  Ob die Wende bei mir irgendwelche Erinnerungen hervorruft? Wenn ich ehrlich bin: Nein. Liegt es daran, dass ich erst vier Jahre alt war?

Oder daran, dass ich im Westen aufgewachsen bin? Ich kann es nicht sagen. Viel über die Wende gehört habe ich nur von meiner Oma. Dazu ist allerdings zu sagen, dass meine Oma ein Wessi ist, wie sie es ausdrücken würde.  Oma hat nie viel von der Wende an sich gesprochen, nur davon, dass die Ossis sich nicht zu benehmen wüssten. Gefallen haben mir diese Erzählungen nie. In meiner Erinnerung war in meiner Familie ansonsten nie die Rede von der Wende oder dem Mauerfall.

Unser Leben hat sich dadurch, soweit ich das beurteilen kann, einfach gar nicht geändert. Auch wenn ich den Unterschied zwischen Ost und West nie wirklich erlebt habe, muss ich zugeben, dass ich in meiner Kindheit – trotz Öffnung der Grenze – einfach nie im Berliner Osten war. Für meine Eltern war der Osten weit weg. Unser Lebensmittelpunkt befand sich in Neukölln und den umliegenden Bezirken. So habe ich auch meine Jugend in Neukölln, Tempelhof und Kreuzberg verbracht. Bezirke wie Marzahn und Hellersdorf kenne ich bis heute kaum, auch wenn ich immer mehr von Berlin gesehen habe, je älter ich wurde.

Mir persönlich ist nur einmal der Unterschied zwischen Ost und West aufgefallen, allerdings erst viele Jahre nach dem Mauerfall. Als ich im Alter von 18 Jahren meinen Führerschein bestanden hatte, wollte ich am liebsten nur noch Auto fahren. Mit meinem ersten eigenen Auto fuhr ich ohne Ziel vor Augen durch die Stadt. Neues Auto, neue Orte war die Devise. So fuhr ich schnurstracks Richtung Innenstadt und darüber hinaus.

Mein erstes „Zusammentreffen“ mit der Berliner Straßenbahn sorgte für eine kurze Schockstarre. Schienen mitten auf der Straße. Kann ich da einfach rüberfahren? Noch heute verunsichert mich die Straßenbahn, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Deshalb sitze ich lieber in der Bahn und mache mir keine Gedanken. Autofahren in Berlin macht mir sowieso schon lange nicht mehr so viel Spaß wie noch vor 16 Jahren.

Joulyn Lange wurde 1985 in Neukölln geboren und lebt immer noch in Berlin.