Berlin - Im Kampf gegen die Ausbreitung der Affenpocken macht Deutschland einen entscheidenden Schritt nach vorn. An diesem Mittwoch werden die ersten 40.000 Dosen des Impfstoffs Imvanex ausgeliefert. Das teilte  Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nach Angaben eines Mediziners am Dienstagnachmittag in einer Runde mit Ärzten mit. Unklar sei noch, wie der Impfstoff auf die einzelnen Städte und Regionen aufgeteilt wird.

Rund 200 Infektionen mit dem Virus wurden hierzulande bislang registriert, davon etwa 140 in Berlin. Von denen wiederum werden 40 in der Schöneberger Praxis des Infektiologen Heiko Jessen behandelt.

Jessen sagte der Berliner Zeitung: „Es wäre schon sinnvoll, dass der Impfstoff in ausreichender Menge dort ankommt, wo die Inzidenz hoch ist.“ Ausgegeben werden soll Imvanex an Schwerpunktpraxen, die auch HIV-Patienten betreuen.

Deutschland ist damit in Europa nach Angaben von Gesundheitsminister Lauterbach das erste Land, in dass das Vakzin erhält. Insgesamt sollen 200.000 Dosen schrittweise zur Verfügung gestellt werden. Bei Imvanex handelt es sich um einen sogenannten Lebendimpfstoff. Für eine Immunisierung sind zwei Dosen erforderlich. Er wird tiefgefroren angeliefert und für die Injektionen aufgetaut. Nach dem Auftauen muss er innerhalb von zwölf Stunden verbraucht werden.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) teilte vorige Woche mit, dass Imvanex für bestimmte Gruppen wie Kontaktpersonen von Infizierten empfohlen werde. Der erste Affenpocken-Fall überhaupt hierzulande war vor gut drei Wochen bekannt geworden. Die europäische Behörde EMA erteilte eine „Zulassung unter außergewöhnlichen Umständen“. Für den Lebendimpfstoff ist das modifizierte Vacciniavirus Ankara verwendet. Er enthält unvollständige Viren. Das Genom, das für die Vermehrung zuständig ist, wurde herausgeschnitten.

Wegen des Stadiums der Zulassung ist noch zu klären, wer zunächst die Kosten für die Impfung übernehmen wird. „Die Krankenkassen kommen bisher nicht dafür auf“, sagt Hausarzt Jessen. Probleme sieht der Mediziner zum Beispiel auf Sexworker zukommen.

Affenpocken-Impfkampagne wird von Studie begleitet

Begleitet werden soll die Impfkampagne von einer wissenschaftlichen Studie. Dabei soll erfasst werden, welchen Effekt der Impfstoff hat und welche Nebenwirkungen die Impflinge bemerken. „Es könnte natürlich sein, dass solche Nebenwirkungen in stärkerer Form auftreten, doch richtig bedrohlich dürften sie aufgrund der Art des Impfstoffes nicht sein“, sagt Jessen.

Menschen mit HIV können Auffrischungsimpfungen oder Erstimpfungen mit Imvanex erhalten, stellt die EMA fest. Allerdings wurde beobachtet, dass bei Personen mit schwächerem oder geschwächtem Immunsystem die Impfwirkung geringer sein kann. Eine Infektion mit Affenpocken lässt sich auch medikamentös behandelt. Das Mittel der Wahl heißt Tpoxx.

Affenpocken gehen auf ein ein DNA-Virus zurück. Es mutiert deutlich langsamer als zum Beispiel das RNA-Virus Sars-CoV-2. Affenpocken werden über Speichel und Aerosole aus der Atemluft übertragen. Auch in Sperma wurde der Erreger inzwischen nachgewiesen. „Noch ist nicht erwiesen, wie hoch die Viruslast sein muss, um eine Erkrankung auszulösen“, sagt Jessen.