Sie hat ihr Leben im Wohnzimmer in Hohenschönhausen ausgebreitet. Auf einem Tisch liegen die Briefe von der Rentenversicherung, die sie so enttäuschen, der Brief, in dem ihr DDR-Studium anerkannt wurde, Arbeitsverträge, Gehaltsnachweise. Auf einem zweiten Tisch stehen eine Thermoskanne mit Kaffee, zwei Tassen, Marzipanpralinen und zwei verschiedene Sorten Wasser, einmal mit und einmal ohne Sprudel.

Sie ist perfekt vorbereitet und scheint doch Angst zu haben, dass das nicht ausreicht. „Ich weiß ja nicht, was Sie lieber mögen“, sagt sie fast entschuldigend mit einem Blick auf die Wasserflaschen.

„Am Ende bekommt man doch nur Brosamen.“ 

Sie war vierzig, als die Mauer fiel, ihr Berufsleben fällt in zwei Teile, wie viele Frauen ihrer Generation wurde sie arbeitslos, musste neu anfangen. Und zwar nicht nur einmal, sondern viele Male. Sie hat zugestimmt, über ihre finanzielle Situation zu reden, die einzige Bedingung war, dass ihr Name geändert wird. Sie nennt sich Elisabeth Wiese. Elisabeth Wiese ist 69 Jahre alt, eine elegante Frau, die jünger wirkt. Sie trägt ein rotes Oberteil, helle Hosen, die Lippen sind dezent geschminkt. Über vier Stunden spricht sie ruhig, konzentriert, präzise.

Nur wenn sie auf die Politik zu sprechen kommt, wird ihre Stimme etwas lauter. Erst kürzlich hat sie gehört, wie der Finanzminister Olaf Scholz von der SPD sichere Renten versprach. Ein anderer sagte, dass sich nur diejenigen Sorgen um den Lebensstandard im Alter machen müssen, die keine Ausbildung und nie richtig gearbeitet haben. Elisabeth Wiese sitzt in ihrem Wohnzimmer und lacht bitter. „Seit der Wende habe ich nur ums Überleben gekämpft, immer bis an die Grenzen meiner Kräfte – und am Ende bekommt man doch nur Brosamen.“ Sie stellt das nüchtern fest, ohne Betroffenheit wecken zu wollen.

Die Hälfte geht für die Miete drauf

Elisabeth Wiese hat eine Ausbildung, ein Studium und mehrere Weiterbildungen hinter sich, sie hat knapp fünfzig Jahre geschuftet und in die Rentenkasse eingezahlt, trotzdem bekommt sie 2014 nach dem Ende ihres Arbeitsleben eine Rente, die nur knapp über eintausend Euro liegt. 1045 Euro und 65 Cent, um genau zu sein. Fast die Hälfte geht für die Miete der 55 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung drauf. Dank der jährlichen Anpassungen ist die Summe inzwischen auf 1192,22 Euro gestiegen.

Laut den aktuellen Zahlen des Jahres 2016 beträgt die Netto-Rente für Männer und Frauen im Osten durchschnittlich 1012 Euro. Frauen erhalten im Mittel 894 Euro in Ostdeutschland. Wenn man sich die Statistik anguckt, sieht es für Elisabeth Wiese also gar nicht so schlecht aus. Sie hat mehr auf dem Konto als viele andere. Subjektiv fühlt es sich anders an. Sie sieht sich ungerecht behandelt, als „Bürgerin zweiter Klasse“, wie sie sagt.

Doch was ist gerecht? Wie bemisst man die Lebensleistung? Dahinter steht die Idee, die einem vorgaukelt, man könne den Wert eines Lebens auf eine Summe reduzieren, auf die Abfolge, Leben, Leistung, Rente.

Schuldgefühle gegenüber der Tochter

Elisabeth Wiese stammt aus Magdeburg, lernt nach der Schule Elektromechanikerin. Ein Drittel der Lehrlinge bei der Energieversorgung sind damals weiblich. Später studiert sie in Görlitz Informationsverarbeitung. Heute gehören Informatiker zu den Mangelberufen, Anfang der 70er-Jahre findet sie nach der Fachhochschule keine Stelle. Also landet sie in der Projektierung im Bauwesen, Abteilung Information und Dokumentation. 1980 bekommt sie eine Stelle an der prestigereichen DDR-Bauakademie in Berlin.

Sie hat inzwischen eine Tochter, ist geschieden, arbeitet aber wie die meisten Frauen hier Vollzeit. Teilzeit gibt es kaum. Sie steht jeden Morgen um 4:45 Uhr auf, verlässt das Haus mit ihrer Tochter um 5:30 Uhr, fährt zum Kindergarten, der in einem anderen Stadtbezirk liegt, von 7:30 Uhr bis 16:30 sitzt sie im Büro. Um 18 Uhr holt sie ihr Kind ab.

Ihre Tochter ist heute 40 Jahre alt, es geht ihr gut, sie macht ihrer Mutter keine Vorwürfe. „Mich plagen trotzdem noch Schuldgefühle, dass ich sie so lange im Kindergarten ließ“, sagt Elisabeth Wiese im Rückblick.

Die Bauakademie gilt als „rot“, Elisabeth Wiese ist keine Genossin, fühlt sich unter Beobachtung. Nach einigen Jahren wird es ihr zu viel und sie wechselt zum VEB Tiefbau. Es ist eine Entscheidung, unter deren Folgen sie bis heute leidet.

Nach der Wiedervereinigung beginnt die Zeit der Suche

Wäre sie bis zur Wende geblieben, hätte sie ihr Arbeitsleben in den 90er-Jahren bei der Gauck-Behörde fortsetzen können und hätte heute womöglich auch eine höhere Rente – denn ein Teil der Mitarbeiter der Bauakademie werden nach vorheriger Bewerbung übernommen. Aber wer denkt Anfang der 80er-Jahre an den Mauerfall?

Die Stimmung wird anders, und Mitte 1989 spürt auch Elisabeth Wiese, dass etwas in Bewegung kommt. Am 4. November geht sie auf den Alexanderplatz, wo Schriftsteller wie Christa Wolf und Stefan Heym sprechen. Sie demonstriert für freie Wahlen, Rede- und Reisefreiheit. „Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, das war so eine unglaublich friedliche, positive Stimmung“, erinnert sie sich.

Dann ging alles schnell. Das Tiefbaukombinat wird nach der Wiedervereinigung abgewickelt. Elisabeth Wiese muss ihren Kollegen die Laufzettel aushändigen. 1991 geht auch sie. Die Zeit der Suche, der Ruhelosigkeit beginnt.

Auf solche Phasen ist das deutsche System der Rentenversicherung nicht ausgerichtet. Es orientiert sich am idealen Verdiener, der 45 Jahre ununterbrochen durchgearbeitet, immer durchschnittlich verdient hat, keine Unterbrechungen wegen Arbeitslosigkeit oder Kinderbetreuung vorweist. Das Ideal ist der westdeutsche Mann.

Fleiß, Disziplin und Hartnäckigkeit reichen nicht aus 

Elisabeth Wiese bekommt 1991 schnell die neuen, ungewohnten Grenzen zu spüren, die für Frauen nun auf dem Arbeitsmarkt gelten. Als Informatikerin will sie niemand einstellen, weil ihr neue EDV-Kenntnisse fehlen. Im Oktober 1991 fängt sie bei einer Baufirma in Charlottenburg als kaufmännische Angestellte an. Ihre Qualifikation besteht darin, dass sie einen Volkshochschulkurs Buchhaltung besucht hat. „Ich habe mich reingefummelt und mein Chef half mir“, erinnert sie sich. Sie mag das Büro, die Kollegen, die neue Arbeit. „Ich habe es geschafft“, denkt sie damals.

Ein Jahr später wird die Filiale geschlossen. Ihr Chef macht sich selbstständig, sie bleibt bei ihm, verdient gut, mehr als zu DDR-Zeiten, 3800 Mark Brutto. 1995 wirft er sie von einem auf den anderen Tag heraus, weil er eine Stelle für seine Tochter braucht.

Wenn Elisabeth Wiese in ihrem Wohnzimmer in Hohenschönhausen darüber redet, mehr als 20 Jahre später, spürt man immer noch die Kränkung. Die persönliche Verletzung, die sie womöglich auch mit dem neuen System verband. Sie wird arbeitslos, fällt in ein Loch. Sie schreibt in der Zeit viele Bewerbungen, über 230 werden es am Ende sein. Immer wieder bekommt sie Ablehnungen. 

Einmal klebt noch ein Post-it-Zettel drauf. „Alter??“ steht darauf. Da ist sie 46 Jahre alt. „Da hatte ich einen Nervenzusammenbruch“, sagt sie. Und als wäre ihr das Eingeständnis von Schwäche etwas peinlich, fügt sie hinzu: „Ich bin aber nicht zum Arzt gerannt, wie das heute alle machen, sondern habe das selber geklärt.“ Sie begreift, dass sie sich in dieser Gesellschaft immer wieder aufrappeln muss, kämpfen, sonst wird sie zerstört. Sie lernt, dass Fleiß, Disziplin und Hartnäckigkeit nicht ausreichen. Glück braucht man auch. Innerhalb von drei Jahren muss sie erneut zweimal die Anstellung wechseln.

Kaum jemand will eine Frau mit über 50 einstellen

Mit fünfzig steht sie wieder auf der Straße. Und fängt noch mal von vorne an. Von der Baubranche hat sie genug, und die einzige Stelle, die sie findet, ist als Call-Center-Agentin einer großen deutschen Bank. Sie arbeitet im Zwei-Schicht-, später auch im Vier-Schicht-System, denn es gibt immer Kunden auf der Welt, die wach sind und die Bank anrufen wollen. Der Druck ist hoch, jedes Gespräch wird überwacht, selbst die Pausen der Mitarbeiter werden mit Stoppuhr gemessen. Sie erledigt Bankgeschäfte, verkauft Wertpapiere.

1040 Euro bekommt sie ausgezahlt, Feiertags- oder Wochenendzuschläge gibt es nicht. „Ich wollte sofort wieder aufhören“, berichtet sie im Rückblick. Sie schickt neue Bewerbungen los, stellt aber fest, dass kaum jemand eine Frau über 50 einstellen will. Sie denkt damals nicht daran, dass der geringe Verdienst im Call-Center später ihrer Rente schaden wird, hofft auf Gehaltserhöhungen.

Jeder Kaffeebesuch, jeder Friseurtermin ist nun Luxus 

Auch privat läuft nicht alles glatt. 2009 lässt sich der Mann, den sie acht Jahre zuvor geheiratet hat, von ihr scheiden. Da ist sie sechzig. Sie zieht aus dem gemeinsamen Haus in die zwei Zimmer-Wohnung. Als sie im Juli 2014 den Brief von der Rentenversicherung bekommt, ist sie im ersten Moment erleichtert. „Immerhin waren es über tausend Euro“, sagt sie rückblickend. 493,27 Euro gehen für die Miete ab, 190 Euro für Lebensmittel, 160,63 Euro für Versicherungen, Handy, Strom, Arzneien, 51 Euro für das BVG-Ticket, 17,50 Euro Rundfunkgebühren. Von den 1192,22 Euro, die sie seit Juli erhält, bleiben 279,82 Euro übrig.

Sie stellt fest, dass sie nun zwar Zeit hat, dass Zeit aber Geld kostet. Jeder Kaffee- oder Konzertbesuch, jeder Friseurtermin, jeder Urlaub ist nun Luxus geworden, der sorgfältig abgewogen werden muss.

Elisabeth Wiese hat immer sparsam gelebt, ein wenig Geld zurückgelegt, als Rentnerin schraubt sie ihre Ansprüche noch mal zurück. Vor allem in den ersten Jahren, als von der Rente kaum etwas übrig bleibt. Sie geht nachmittags einkaufen, wenn es reduzierte Ware im Angebot gibt. Essengehen, frische Blumen kaufen und Taxifahren gewöhnt sie sich ab. Um fit zu bleiben, spaziert sie regelmäßig durch den Park. Den einwöchigen Urlaub, den sie sich neulich geleistet hat, zahlt sie aus Ersparnissen. Wenn die Waschmaschine kaputt geht oder wenn sie sich etwas zum Anziehen kaufen will, überweist ihr ihre Tochter Geld. „Ich möchte mir nicht ausmalen, was wäre, wenn ich meine Tochter nicht hätte“, sagt Elisabeth Wiese.

„Man kann mit der Rente nicht reparieren, was im Erwerbsleben schief gelaufen ist“

Dirk Manthey, 41 Jahre alt, kurze Haare, Brille, sitzt in einem schmucklosen Gebäude in Berlin-Wilmersdorf und ist Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund. Er rückt gleich einmal ein paar Vorstellungen zurecht. Die Rente allein sei nicht zur Sicherung des Lebensstandards gedacht, betont er, wenngleich sie das zentrale Standbein der Altersvorsorge sei.

Auch dem Eindruck, die ostdeutschen Rentner würden als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt, tritt der gebürtige Mecklenburger entgegen. „Man kann nicht pauschal sagen, dass die Renten im Westen höher seien als im Osten“, sagt er. In die Berechnung fließen verschiedene Faktoren und Formeln ein. „Wenn der eine in Frankfurt am Main und der andere in Frankfurt/Oder eintausend Euro verdient, dann erhält die Person aus Frankfurt/Oder derzeit sieben Prozent mehr Rente“, sagt Manthey. Allerdings muss man hinzufügen, dass die Gehälter in Ost und West um durchschnittlich 12 Prozent auseinanderklaffen. Zu dem konkreten Fall von Elisabeth Wiese sagt er: „Man kann mit der Rente nicht reparieren, was im Erwerbsleben schief gelaufen ist.“

„Legt was zurück, seid nicht naiv“

Es gibt keine Zahlen darüber, wie groß die Unterschiede zwischen Rentnern sind, die ihr ganzes Berufsleben in der DDR verbracht haben, und denen, die erst in den vergangenen fünf bis acht Jahren Rentner wurden. Nur einen Indikator. Rentner im Osten, die 2016 in Altersrente gingen, erhielten im Durchschnitt etwa 70 Euro weniger als die Bestandsrentner. Klingt wenig, könnte aber ein Hinweis sein. „Da zeigen sich die geänderten Erwerbsbiografien in den 90er-Jahren mit den Jahren der Arbeitslosigkeit und der prekären Beschäftigung“, sagt Dirk Manthey.

Er hat noch eine interessante Beobachtung: Während Ost-Rentner oft nur mit der Rente auskommen müssen, haben ältere Westdeutsche meistens zusätzliche Einkommensquellen, aus Betriebsrenten, Vermietung, Kapitaleinkünften. Im Westen liegt das Haushaltseinkommen laut Altersbericht 2016 für alleinstehende Frauen ab 65 – also im Alter von Elisabeth Wiese – bei 1431 Euro – und das, obwohl sie wesentlich weniger Rente bekommen. Im Osten hingegen sind es trotz höherer Renten nur 1372 Euro, jedoch seien hier in vielen Regionen die Lebenshaltungskosten auch geringer als im Westen.

Elisabeth Wiese sieht heute mit anderen Augen auf ihr Leben. Sie hat ihrer Tochter geraten, vor dem Studium einen Beruf zu lernen, der in allen Systemen funktioniert. Weil ein Studium allein kein Beruf sei. Und wenn sie jüngere Kollegen von früher trifft, rät sie ihnen: „Legt was zurück, seid nicht naiv, verlasst euch nicht auf eure Partner.“