Es leben knapp 40 Millionen Menschen in Afghanistan. Deutschland kann nicht alle aufnehmen, auch nach Machtübernahme der menschenfeindlichen Taliban nicht, die im August den Abzug der internationalen Truppen nutzten, um ein Regime zu errichten, das Kollaborateure des Westens tötet.

Dennoch trägt Deutschland Verantwortung für das Schicksal von gut 40.000 Ortskräften, die für die Bundeswehr arbeiteten, und ihre Familien. Es ist ein Armutszeugnis, dass nur ein Bruchteil von ihnen aus Kabul ausgeflogen wurde und dass nur 2500 Ortskräfte hier ein Visum erhalten haben.

Aber es ist ein Skandal, wie mit den Menschen nun umgegangen wird. Der Großteil der Ortskräfte in Berlin, etwa 250 Personen, hat zwar das versprochene bevorzugte Aufenthaltsrecht erhalten, ist schnell an Jobs, Sprachkurse, Bildungs- oder Jobangebote gekommen. Ein Teil von ihnen, etwa 50 Personen, wartet aber immer noch auf Anerkennung, wird von Heim zu Heim geschoben, stellt Anträge, hofft, bangt.

Ist Hilfe im Kriegseinsatz mehr wert als beim Aufbau des Landes?

Im Kern dreht es sich um die Frage: Waren sie Ortskräfte im engeren Sinne? Also haben sie direkt für die Bundeswehr gearbeitet oder „nur“ in humanitären Projekten in Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen? Diese Unterscheidung ist an Zynismus nur von der Dauer der Überprüfung zu überbieten.

Wer mit seinem übereilten Abzug und Abschiebungen nach Afghanistan bis in den August hinein solche Schuld auf sich geladen trägt, hat moralisch kein Recht, zu unterscheiden, ob jemand „nur“ an Straßenbauprojekten beteiligt war oder doch immerhin Übersetzer für Soldaten im Kriegseinsatz.

Weniger Bürokratie und mehr Herz wären hier angebracht. Das Argument „Dann kann ja jeder kommen“ zählt hier nicht: 40 Millionen Menschen sind derzeit gefangen in ihrem eigenen Land. Ob die Taliban auch so gründlich überprüfen, wer dort wie mit den Deutschen zusammengearbeitet hat?