Vor einigen Tagen habe ich eine alte Freundin wiedergesehen. Eine Zeit lang haben wir es geschafft, uns regelmäßig zu treffen, zum Frühstücken oder zum Spazierengehen. Dass die Abstände größer werden, liegt vor allem an meinem ungnädigen Kalender, aber auch an den vielen Arztterminen, die sie wahrnehmen muss. Und daran, dass sie schneller erschöpft ist, nicht mehr so viele Ereignisse in einen Tag packen kann. Ihr 70. Geburtstag ist viele Jahre her.

Ohne jede Klage in der Stimme 

Spazieren können wir nicht mehr. Nach mehreren Operationen braucht sie Krücken auch für kurze Strecken. Wir gehen ins Café. Langsam. Den Blick hält meine Freundin gesenkt, aber nicht, weil sie niedergeschlagen ist. Im Gegenteil, die Freude über das Wiedersehen läuft zwischen uns. Unter uns jedoch fordern Kopfsteinpflaster, Herbstlaub, Müll, Löcher, wo früher Steine waren, bis zum Ziel alle Aufmerksamkeit. Jede Unebenheit ist eine Falle. An Eis und Schnee will ich nicht denken, während ich in kleinen Schritten neben ihr gehe. Ich tue es natürlich trotzdem.

Und später, im Café, noch einmal. Die Freundin erzählt, dass ihr Augenlicht schwindet. Bücher zu lesen sei schon kaum mehr möglich, das E-Paper vergrößere sie maximal. Sie berichtet das ohne jede Klage in der Stimme. Dass es sie bekümmert, erzählen ihre Augen. Erzählen können sie wie eh und je. Dann sprechen wir über gemeinsame Bekannte, meine Arbeit und ihre ehrenamtliche, über den Zustand der Stadt und der Welt, über Kinder und Enkel, über den langen Sommer und meine Pläne für das kommende Jahr.

Sie macht nicht mehr viele Pläne. Nicht aus Resignation, sondern einfach, weil ihr Körper zu viele davon in den letzten Jahren zerschossen hat wie Tontauben. Sie lässt die Dinge jetzt auf sich zu kommen, wachen Blickes und mit aller Zuversicht.

Lernen, wie man es milde mit der Gegenwart aufnimmt 

Nur manchmal verspüre sie eine kleine Angst, sagt sie. Dass ihr zu Hause etwas passieren könnte, und keiner merkt es oder erst, wenn es zu spät ist. Meine Freundin hat viele Freunde, guten Kontakt zu den Nachbarn, bewegt sich sicher in der digitalen Welt und fühlt sich nicht einsam, obwohl sie seit dem Auszug der Kinder allein lebt. Trotzdem. Manchmal komme es ja auf Stunden an. Sagt sie, und verscheucht das Thema mit einem fast trotzigen Kopfschütteln.

Als wir zurückgehen, gesenkten Blickes und mit aller gebotenen Vorsicht, denke ich an all das, worüber man sich so aufregt und beschwert. Der Bus zu voll, der Fahrer unfreundlich, das Kind zu laut, der Bote zu faul, der Winter zu plötzlich, die Familie zu anstrengend, die Nachbarn zu schlampig, das Essen zu teuer, der Zug zu spät, das Internet zu langsam.

Denke, dass ja immer wieder beschworen wird, wie wichtig es ist, dass die Generationen in Kontakt bleiben. Denke, mal wieder, dass das stimmt. Weil wir von den Alten so viel lernen können. Nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch, wie man es milde und beherzt mit der Gegenwart aufnimmt. Und nehme mir vor, meine Freundin wieder häufiger zu treffen. Statt über den vollen Kalender zu jammern.