Berlin - Hamburg, Wien, Paris, Kopenhagen, Kassel – in mehreren Städten wurden Straßen umgebaut, um dem nichtmotorisierten Verkehr mehr Platz zu geben. Jetzt sind auch in Berlin solche Projekte in Sicht. Am Montag hat Bezirksstadtrat Florian Schmidt bekräftigt, dass in Friedrichshain-Kreuzberg drei Hauptverkehrsstraßen umgestaltet werden. Wo heute noch Autos fahren oder parken, entstehen mit Pollern geschützte Radfahrstreifen. In einem Fall ist auch die Verbreiterung des Gehwegs geplant. Stets geht es um die Frage: Wem gehören Berlins Straßen?

Schmidt weiß, dass seine Politik manche Autofahrer stört – und oft auch verstört. Doch derzeit seien über zwei Drittel der Verkehrsflächen in Berlin Kraftfahrzeugen gewidmet, dabei würde nur rund ein Drittel alle Wege mit dem Auto zurückgelegt. „Wir wollen das Verhältnis umdrehen“, so der Grünen-Politiker. Das sei nur gerecht, damit der Fuß- und Radverkehr, mit dem in Berlin mehr als 40 Prozent der Wege abgewickelt werden, endlich sicher und attraktiv wird.

Gehweg wird verbreitert

„Mittelfristig werden wir auf vielen Verkehrsachsen den Raum für Autos verringern, um den motorisierten Verkehr zu verringern“, so Schmidt. Doch damit könne nicht überall zur selben Zeit angefangen werden. Drei Hauptverkehrsstraßen in dem Innenstadtbezirk stehen deshalb im Fokus.

„Noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten auf der Frankfurter Allee in Friedrichshain beginnen“, kündigte der Stadtrat an. Das Vergabeverfahren konnte inzwischen abgeschlossen werden, demnächst soll einer Baufirma der Auftrag erteilt werden. Wie berichtet geht es ausschließlich um die Fahrbahn stadtauswärts zwischen Niederbarnim- und Jessnerstraße.

Heute gibt es dort drei Fahrspuren – wobei die rechte oft von haltenden Autos versperrt wird. Künftig soll es nach Osten nur zwei Fahrstreifen für Autos geben, die aber deutlich breiter sind als die heutigen: rund drei statt 2,70 Meter. Rechts davon entsteht, ebenfalls auf der Fahrbahn, ein Radfahrstreifen – als Ersatz für den schmalen und kurvigen Gehweg-Radweg. Die Radlerspur auf der Fahrbahn fällt etwas breiter als zwei Meter aus. Feste Poller und flexible Baken sollen große Teile davor bewahren, dass dort Autos halten oder parken. Für den Lieferverkehr sind Haltezonen vorgesehen, hieß es.

Das zweite Projekt betrifft den Kottbusser Damm in Kreuzberg. An den Seiten werden alle Parkplätze verschwinden – zugunsten von Radfahrstreifen mit Pollern. Links daneben dürfen Lieferfahrzeuge halten- Für den rollenden Verkehr bleibt der Fahrstreifen links. Die Entwurfsplanung ist fertig, so der Stadtrat. Baubeginn: frühestens Sommer 2020.

Weil manch einer auf sein Auto angewiesen ist, bemühe sich der Bezirk um Alternativen, sagte er. Im Blickpunkt steht das Karstadt-Parkhaus am Hermannplatz, das rund 300 Parkplätze bietet, aber längst nicht ausgelastet ist. Noch verlangt Karstadt für einen Monat Parken 35 Euro, doch Eigentümer Sigma und der Bezirk seien gesprächsbereit, sagte Schmidt. Vielleicht wäre ein anderer Tarif möglich.

Umbauprojekt Nummer drei: „Auf der Südseite der Mühlenstraße in Friedrichshain, vor der East Side Gallery, reicht der Platz für Fußgänger und Radfahrer nicht aus“, berichtete der Stadtrat. Viele Touristen sind dort unterwegs, das führt zu Gedränge. Als Konsequenz soll dort voraussichtlich im Herbst 2020 damit begonnen werden, den Gehweg zu verbreitern und einen Poller-Radweg anzulegen – zu Lasten von Parkplätzen.

FDP und CDU kritisieren geplanten Rückbau

Die Opposition reagierte mit Skepsis. Die Pläne für den Kottbusser Damm seien die „gelebte Fantasielosigkeit des Baustadtrates, der sein Heil ausschließlich in der Verpollerung der Straßen und der Übermöblierung des öffentlichen Raumes in Kreuzberg durch Parklets sucht“, sagte Bernd Schlömer von der FDP.

Oliver Friederici (CDU) kritisierte den „Überbietungswettbewerb“ bei den Grünen. „Einer will autofeindlicher als der andere sein“, sagte der Abgeordnete. „In zwei Jahren wird in Berlin gewählt. Da ist es offenbar wichtig, jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf zu treiben.“ Schmidt sei bemüht, den Wählern in Friedrichshain-Kreuzberg eine „gemütliche Heimstatt zu geben“ – ruhig und geschützt vor Autoverkehr. Doch die Berliner Bezirke seien nicht für sich selbst da, mahnte Friederici. Jeder von ihnen habe dazu beizutragen, dass die 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt Berlin funktioniert. „Und dazu gehört, die Hauptverkehrsstraßen funktionsfähig zu halten, damit der Durchgangsverkehr rollen kann.“

Mehr Autos – weniger Parkplätze

Als Durchgangsstraße werde der Kottbusser Damm weiterhin genug Kapazität haben, so Schmidt. „Faktisch gibt es dort schon heute nur einen Fahrstreifen pro Richtung, auf dem anderen wird gehalten.“ Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, dass der Handel höhere Umsätze verbucht, nachdem Straßen radlerfreundlich gestaltet worden sind.

„Man kann nicht ignorieren, dass viele Menschen auf das Auto angewiesen sind. Auch die steigenden Pkw-Zulassungszahlen sind ein Indiz dafür, dass hier nach wie vor ein Bedarf besteht“, sagte Sandra Hass vom ADAC. „Der Ausbau der Radinfrastruktur darf nicht mit massiven Einschränkungen im Autoverkehr wie dem Wegfall von Fahrspuren und Parkplatzabbau einhergehen.“ Zu bedenken sei auch, dass das Rad nicht für jedes Alter, nicht für jede Distanz und vor allem auch nicht für jede Saison das passende Verkehrsmittel ist. Der ADAC kritisierte zudem, dass die Schere zwischen Parkplatzbestand und -bedarf immer weiter auseinander gehe.

Die geplanten Straßenumbauten würden vielen Bürgern nützen und den anderen nicht schaden, entgegnete Schmidt. „Das wird nicht kritisch.“