Berlin - Seit Montag erscheinen die angehenden Abiturienten verkleidet zum Unterricht, sie nennen das Mottotage. Am Mittwoch stieg in der Diskothek Q-Dorf am Kudamm eine wilde Party, und am heutigen Freitag ist der letzte Schultag. In den kommenden Wochen legen dann die Schüler des doppelten Abiturjahrgangs ihre Prüfungen ab. Weil die Zeit zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt wurde, gibt es in diesem Jahr so viele Abiturienten wie noch nie, mehr als 17.000 Schüler.

Deshalb wird aber auch so viel Unterricht ausfallen wie seit Jahren nicht mehr. Wegen des Abiturs werden die jüngeren Schüler an vielen Gymnasien tagelang keinen Unterricht haben. Lehrer müssen Prüfungen abnehmen, schon in der kommenden Woche bei der so genannten Präsentationsprüfung müssen stets drei Lehrer anwesend sein. Einige Schulen wie das Humboldt-Gymnasium in Tegel oder das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee geben die ganze Woche vor den Osterferien frei. „Wir haben 240 Abiturienten, die geprüft werden, da können nicht alle Stunden vertreten werden“, sagt etwa Ulrich Janotta, Schulleiter des Werner-von-Siemens-Gymnasiums.

Exkursionen statt Unterrichtsausfall

Lehrer und Eltern aber wundern sich, wieso an einigen Schulen besonders viel Unterricht ausfällt, an den anderen eher weniger. „An vielen Gymnasien wurde der Unterrichtsausfall langfristig angekündigt“, sagt Daniela von Treuenfels vom Landeselternausschuss. „Aber viele Schulen lassen einfach Unterricht ausfallen statt wenigstens interessante Alternativen wie Exkursionen oder Wandertage anzubieten.“ Sie fordert Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf, sich im nächsten Jahr für kreativere Lösungen einzusetzen.

Mitunter sind bereits jetzt Exkursionen vorgesehen - in den Zoo, in das Ägyptische Museum oder in einen Indoor-Kletterpark geht es etwa am Friedrich-Engels-Gymnasium in Reinickendorf. Das gilt dann als Biologie-, Geschichts- und Sportunterricht und macht den Schülern sicher mehr Spaß als herkömmlicher Unterricht.

Kurioserweise wird die Senatsbildungsverwaltung die Stunden, die wegen des Abiturs ausfallen, womöglich gar nicht in die offizielle Unterrichtsausfalls-Statistik einbeziehen. Das deutete Senatorin Scheeres jüngst an. Offiziell können Lehrer nämlich von so genannten Korrekturtagen Gebrauch machen, wie die Schulverwaltung per Rundschreiben im Juni 2011 angekündigt hatte. Wer einen Leistungs- oder Grundkurs hat, darf anderen Unterricht ausfallen lassen. Mit dem Umgang von Statistiken kennt sich die Schulverwaltung aus. Zwar muss nahezu jede zehnte Unterrichtsstunde vertreten werden.

Sechs Tage zu Hause

Dennoch fielen im vergangenen Schuljahr offiziell nur 2,3 Prozent der zu erteilenden Stunden aus. Denn mit einfachen Mitteln wird der Ausfall kaschiert. Schon wenn ein Hilfslehrer den Schülern ein Arbeitsblatt in den Klassenraum reicht, gilt die Stunde als gehalten. An den Grundschulen fällt oft der Deutsch-Förderunterricht aus, weil der Lehrer woanders als Vertretung herangezogen wird.

Richtig heftig wird es im Mai, wenn noch Abi-Klausuren geschrieben werden und zugleich mündlich geprüft wird. Dann müssen Siebtklässler am Paul-Natorp-Gymnasium in Friedenau sechs Tage zu Hause bleiben, damit währen der Klausuren Ruhe im Schulgebäude herrscht. Am Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee fällt nur während der mündlichen Prüfungen zwischen 8. und 10. Mai Unterricht aus.

Der doppelte Abiturjahrgang war übrigens ursprünglich noch größer. Doch 1340 Schüler, die das Abitur machen sollten, sind bereits freiwillig zurückgetreten und machen die Prüfung ein Jahr später. Das sind acht Prozent eines Jahrgangs und etwa 50 Prozent mehr als in den Vorjahren.