Fragend schaut die sechsjährige  Sonali  am Tisch ihrer Familie in einer Wohnung im Berliner Hansaviertel auf. „Sri-Lanka-Lied?“, will sie wissen. Eine  Drehorgel hat ihre Mutter beim Aufräumen gefunden. Sonali dreht am kleinen Hebel, beobachtet unterdessen  durch ihre Brille genau, wie die kleinen Metallstifte an der gestanzten Walze entlang fahren und dabei Töne erzeugen: „Strangers in the Night“, Fremde in der Nacht, das berühmte Lied von Frank Sinatra ist kein Sri-Lanka-Lied. Aber Sri Lanka interessiert Sonali mehr als andere Länder, denn dort ist sie geboren. Dort hat sie gelebt, bis sie im November 2014 von den Richters adoptiert wurde.

Trotzdem: Das Thema des Liedes passt ungefähr. Fremde waren Sonali und ihre neuen Eltern im Herbst des Jahres 2014. Bis sie – nach langer Vorbereitung dann doch ziemlich plötzlich – durch die Adoption zur Familie wurden. Judith, Thomas und das zarte Mädchen mit den schwarzen Haaren sind keine Fremden mehr.

Nach einem aufwendigen bürokratischen Verfahren durften ihre Adoptiveltern, das Architektenpaar Judith und Thomas Richter, die kleine Sonali kurz vor ihrem fünften Geburtstag nach einem längeren Aufenthalt in Sri Lanka mit nach Hause in ihre Wohnung in Berlin nehmen. Die Adoption ist inzwischen von den deutschen Behörden anerkannt. Doch der bürokratische Teil der Geschichte bleibt langwierig. Die Einbürgerung ist noch nicht erfolgt. Gemeinsam mit vielen Asylbewerbern standen Judith und Sonali Mitte Januar 2016 im Rathaus am Mathilde-Jacob-Platz in der Schlange vor dem Zimmer 43. Die Familienrichterin hatte bei der Anerkennung der Adoption den Status der Adoption als uneindeutig formuliert. Auch eine Geburtsurkunde fehlt derzeit noch, und deshalb kann Sonali noch nicht deutsche Staatsbürgerin werden, sie hat noch keinen deutschen Pass.

Während die Mühlen der Bürokratie mahlen, wächst die Familie mit jedem Tag mehr zusammen. Verblüfft sind die Eltern, dass ihr Kind, dessen erste Lebensjahre als Heimkind mit einer Sehbehinderung nicht leicht waren, so stark und so fröhlich ist. Wunderbar, wie gut sie zueinander passen, finden die Richters. Wer Sonali trifft, merkt sofort, wie offen und kommunikativ sie ist. Selbstbewusst geht sie auf die Menschen zu, sie kann hartnäckig sein, wenn sie etwas unbedingt haben will. Sie sagt auch, wenn ihr etwas nicht gefällt. Sie lässt sich nicht entmutigen, wenn es in der Kita schwierig ist, Freunde zu finden. Sonali ist ein aufgewecktes Kind, das gute Laune verbreitet. Ihre Kindergärtnerinnen, ihre  Ergotherapeuten sagen, dass sie  sich kooperativ zeige, ohne dabei von ihrem eigenen Weg abzukommen.
Damals, bevor sie nach Sri Lanka fuhren, hatten die Richters sich ausgemalt, was alles schwierig werden könnte im gemeinsamen Leben. „Von allen Varianten, die wir uns vorgestellt haben, ist jeweils die positivste eingetroffen“, erzählt Thomas Richter. Spracherwerb, soziales Verhalten, Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind, das alles habe sich in einem rasanten Tempo entwickelt.

Sonali versteht und spricht jetzt schon gut Deutsch. Im Vergleich zu Gleichaltrigen ist ihre Entwicklung aber in einigen Bereichen verzögert. In der Kita, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur elterlichen Wohnung liegt, mutmaßt Sonalis Erzieherin, dies sei vor allem auf Sonalis Sehbehinderung zurückzuführen: Sie kam zu früh zur Welt und musste nach der Geburt mit Sauerstoff versorgt werden. In der Folge löste sich die Netzhaut teilweise ab. Dass der Säugling im Alter von zehn Tagen im National Hospital of Sri Lanka – ohne Krankenversicherung – an den Augen operiert wurde, in einem der ärmsten Länder der Erde, das gehört zu den kleinen Wundern in Sonalis Geschichte. Weitere Operationen folgten, eine künstliche Linse wurde eingesetzt. Das größte Problem, die Narben auf der Netzhaut, die beim Lasern damals entstanden sind, ist wohl nicht zu beheben. Auch nach einer Operation vor einem Jahr in der pädiatrischen Augenabteilung an der Berliner Charité hat sich Sonalis Sehvermögen nicht entscheidend verbessert.

Schutzraum Kindergarten

Thomas Richter erinnert sich während eines Essens an den Wortlaut des Eides, den die Eltern bei der feierlichen Adoptionszeremonie in Colombo ablegten. Sie schworen, dass sie sich bemühen würden, aus ihrem Kind eine „vollumfängliche“ Person zu machen, „to make her a complete person“, sagten sie auf Englisch. Natürlich hatten sie genau das vor. Aber was alles dazu gehört, erkennen die Richters, ebenso wie leibliche Eltern, erst nach und nach. Sie müssen etwa  entscheiden, ob Sonali trotz der besonderen Umstände schon in diesem Sommer eingeschult werden soll. Der Amtsarzt hat dem Kind bei der Schuluntersuchung die entsprechende Reife bestätigt. Thomas Richter findet, es spreche mehr dafür als dagegen.

Judith Richter und die Erzieherin aus der Kita sind nicht sicher, ob eine Einschulung in diesem Jahr richtig ist. Es könnte dem Mädchen gut tun, noch mehr Zeit zu haben im Schutzraum Kindergarten. Andererseits ist sie inzwischen sechs Jahre alt und in ihrer Kitagruppe schon jetzt die Größte. Auch könnte ihr ein Schulhelfer zur Seite gestellt werden, der im Schulalltag besonders auf ihre Bedürfnisse eingehen kann.

Die Voraussetzungen in Deutschland sind besser als die, unter denen Sonali als Waisenkind in Sri Lanka aufgewachsen wäre. Entscheidend  ist wohl, dass Sonali mit den Richters feste Bezugspersonen hat, die sich intensiv mit ihr auseinandersetzen, die ihr die Aufmerksamkeit und Anregungen geben, die jedes Kind braucht, um sich gut entwickeln zu können. Die Frage, wie es ihrer Tochter in ihrem Heimatland Sri Lanka  weiter ergangen wäre, beschäftigt die  Eltern, aber sie ist unmöglich zu beantworten.  Denn sie gehören jetzt zusammen. Sie sind keine Fremden mehr.

In der Kita beschäftigt sich Sonali im Moment viel mit einem deutlich jüngeren Mädchen. Die beiden spielen Mama und Baby und liegen einträchtig in der Kuschelecke. Als das kleinere Mädchen in der Rolle des Babys anfängt, Sonali ins Gesicht zu fassen und mit einem Kuscheltier nach ihr zu schlagen, wehrt sie sich nicht. Im sozialen Bereich sei  ihr Handlungsspektrum noch nicht voll entwickelt, kommentiert ihre Erzieherin die Szene. Sonali sei sich noch nicht ganz sicher, wo ihr Platz in der Kita-Gruppe ist.

Kontakt zum Heimatland soll nicht abreißen

Wenn zu viel los ist im Gruppenraum, spielt sie  auch mal im Abseits und konzentriert sich auf eigene  Dinge: Während an diesem Morgen die meisten anderen Kinder selbst gebackene Kekse mit Zuckerguss verzieren, wirft sie bunte Plastikperlen in eine Glasflasche. Sie schüttet sie wieder aus, beginnt von Neuem, schult ihre Feinmotorik. „Man kann Sonali beim Lernen buchstäblich zusehen“, findet ihre Erzieherin. Sie  ist guten Mutes, was Sonalis Entwicklung angeht.

In den ersten Wochen habe das zupackende Auftreten des Mädchens die anderen Kinder verschreckt, das habe sich gegeben, erzählt die Erzieherin. Dem Kind  sei  deutlich anzumerken, wie intensiv die Eltern sich mit ihm beschäftigen.

Judith und Thomas Richter teilen sich die Betreuung zu gleichen Teilen. Sie genießen es, nun eine Familie zu sein. Natürlich seien die Arbeitstage jetzt kürzer, man müsse sich die Zeit anders einteilen. Aber es läuft gut. Jetzt erst, da sich die Situation eingespielt hat, spüren die Eltern, wie anstrengend die ersten Monate nach der Adoption waren. „Wir sind noch dabei, uns davon zu erholen“, erzählt Judith Richter. Der Wechsel ihrer Lebensumstände zeigte sich daran, dass Sonali sehr unruhig und nervös war, manchmal  auch sprunghaft. Sie schlief abrupt ein und wachte ebenso abrupt wieder auf.
Die Tochter ist jetzt viel ruhiger geworden. Dass sie zu Judith und Thomas Richter ein echtes Verhältnis entwickelt hat, merken sie zum Beispiel daran, dass sie jetzt auf Schimpfen empfindlich reagiert. Strenge Worte, die früher an ihr abgeperlt seien –  etwa wenn sie beim Zähneputzen trödelte  –  erreichen sie nun sehr wohl. Manchmal sagt sie Thomas Richter jetzt sogar, er sei zu laut gewesen mit seinem Geschimpfe. Ein solch offener Umgang miteinander ist  nur möglich, wenn man einander vertraut. In den letzten Tagen erst hat Sonali gelernt, „ich“ und „du“ zu sagen, anstatt in der dritten Person von den Menschen in ihrer Umgebung zu reden. Und das ist, erklärt die Erzieherin, ein weiterer wichtiger Schritt hin zum empathischen Miteinander.

Sonali ist jetzt Berlinerin. Aber der Kontakt zu ihrem Heimatland soll nicht abreißen. Irgendwann werden die Richters zusammen nach Sri Lanka reisen. Aber erst muss Sonali hier noch kräftigere Wurzeln schlagen. Außerdem braucht sie ja einen Pass. Immerhin gibt es andere Wege, Sonalis Interesse an Sri Lanka zu befriedigen. Die Familie besucht Feste in der sri-lankischen  Botschaft, lässt sich in einem Restaurant in Schöneberg vom sri-lankischen Koch von dessen Familie erzählen. Und ein Mal im Jahr veranstaltet der Verein Eltern für Kinder, der die Adoption vor einem guten Jahr vermittelt und begleitet hat, ein Sri-Lanka-Treffen. Das ist ein Muss für die kleine Berliner Familie.
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