Manchmal dauert es lange, bis ein Sanitäter vor Ort ist. Dann kommt es auf die Hilfe der Mitmenschen an. 
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MUTTER: Wie war’s beim Erste-Hilfe-Kursus?

TOCHTER: Ich hab tolle Sachen gelernt. Ich kann dir gleich mal zeigen, wie stabile Seitenlage und Herzdruck-Massage funktionieren, und dich wiederbeleben.

Vielen Dank. So tot fühl ich mich noch gar nicht.

Das war interessant. Das krassere Erlebnis war aber auf der Rückfahrt in der Regionalbahn. Ich war ja mit einer Freundin unterwegs und da kam uns eine ältere Frau entgegen, ganz beschmiert und verwirrt. Ich hab sie gefragt, ob es ihr gut geht, sie hat mir aber nicht geantwortet. Sie brauchte offensichtlich Hilfe. Wir waren irgendwie überfordert. Ich habe dann in den Waggon gerufen, ob mir jemand helfen kann oder aber losgehen und den Schaffner rufen würde.

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Und was ist dann passiert?

Alle Erwachsenen, die da saßen, haben sich gleichzeitig umgedreht, uns angeguckt und sich dann wieder weggedreht und weiter auf ihre Handys gestarrt. Niemand ist aufgestanden, um den Schaffner zu suchen. Meine Freundin ist dann losgelaufen.

Sie ist durch drei Waggons und hat nach Hilfe gefragt und gesagt, dass wir nicht wissen, was wir machen sollen. Sie hat auch nach einem Arzt gefragt, aber niemand hat sich gerührt. Irgendwann ist schließlich eine Frau aufgestanden – eine Ärztin – und mitgekommen. Alle anderen Erwachsenen haben nur geguckt, sich aber nicht weiter dafür interessiert.

Du bist echt aufgebracht.

Da ist sogar eine Frau aufgestanden, zu mir gekommen und hat sich dann wieder hingesetzt, weil es sie wohl nicht interessiert hat. Ich fand es erschreckend. Die sehen doch, dass da eine Frau ist, die eindeutig Hilfe braucht, aber zwei Teenager müssen sich alleine kümmern. Niemand von den Erwachsenen hilft, obwohl sie das eigentlich müssten, weil es Erste Hilfe ist.

Ich verstehe, warum dich das erschreckt.

Ich finde es auch traurig. Im Erste-Hilfe-Kurs haben sie uns gesagt: die Leute immer direkt ansprechen und nicht in die Menge rufen. Sonst steht halt keiner auf und hilft. Da hab ich aber in der Situation nicht dran gedacht.

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Und genau das ist dann auch passiert: Niemand hat sich gerührt und alle haben nur gegafft. Vielleicht denken die Leute ja, dass die Situation nicht so schlimm ist, dass sie sich bewegen müssten, oder sie wissen nicht, was sie machen sollen, wollen nichts falsch machen und tun deshalb nichts.

Na ja, ich glaube eher, dass sie einfach zu bequem sind. Ist ja auch bequemer, wenn man sitzen bleibt und sich nicht angesprochen fühlt. Es ist dieses Oh, nein, ich will nicht verwickelt werden und auf keinen Fall meine Station verpassen.

Ich glaube, man müsste so wie in anderen Ländern vorschreiben, dass von der ersten bis zur zehnten Klasse jedes Jahr ein Erste-Hilfe-Kurs besucht werden muss. Nach zehn Jahren bist du dann richtig gut darin.

Aber das Problem sind doch die Erwachsenen.

Das kann man doch auch bei der Arbeit vorschreiben. Eigentlich fände ich es gut, wenn man auch als Erwachsener jedes Jahr oder alle zwei Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs machen müsste.

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Das werden aber nicht alle wollen.

Dann muss man die Leute eben zwingen. Erwachsene sind die Einzigen, die in so einer Situation was machen können. Ist ja auch in ihrem Interesse. Der Krankenwagen ist nicht in acht Minuten da. Wenn ich schon durch den Waggon rufe, kann mir jemand helfen, und niemand aufsteht, kann es nicht daran liegen, dass sie hilflos sind so wie ich. Das ist Bequemlichkeit und der Mensch ist ihnen egal. Es ist Abgestumpftheit. Wird man so, wenn man erwachsen ist? Das hat mich so schockiert.