Berlin - Viele Berliner haben derzeit noch Spaß auf den Rodelbahnen oder zugefrorenen Seen. Aber was bedeutet die ungewöhnliche Kälte für Tiere in dieser Stadt? Ein Gespräch mit dem Wildtierexperten des Berliner Senats, Derk Ehlert. Über verhungernde Vögel und darüber, welche Auswirkungen die Kälte auf Wildschweine und Mücken haben wird.

Herr Ehlert, man sagt, dass Enten auf zugefrorenen Gewässern in den Wasserlöchern im Kreis schwimmen, um zu verhindern, dass sich am Rand noch mehr Eis bildet. Stimmt das?

Von den heimischen Vögeln können das ganz gezielt nur die Singschwäne, sie können mit ihren Schnäbeln auch Eis vom Rand abbrechen. Andere Wasservögel versammeln sich in den verbliebenen Wasserlöchern, und wenn es ganz viele sind, sorgt jede Wellenbewegung dafür, dass sich das Eis erst später bildet. Aber sie können nicht verhindern, dass das Loch zufriert.

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Derk Ehlert (53) ist Wildtierexperte des Berliner Senats. Der studierte Landschaftsplaner hat eine gemeinnützige Stiftung für den nachhaltigen Schutz der Natur gegründet. Sie erwirbt Flächen am Gülper See, dem größten Sammelplatz von Zugvögeln in Westbrandenburg.  

Kann auch Wind die Eisbildung verhindern?

Ja. Das war gut am Müggelsee zu sehen. Solange es Wind und Wellen gab, war da kein Eis. Kaum war der Wind weg, fror dieser recht große See innerhalb von 36 Stunden zu.

Warum versammeln sich die Vögel in den Wasserlöchern?

Es sind Wasservögel, die schlecht zu Fuß sind. Es ist ihr Lebensraum, in dem sie Nahrung suchen. Deshalb fliegen sie zu den eisfreien Stellen und fressen dort Pflanzen, Muscheln, Schnecken, Insektenlarven. Reiherenten und Blessrallen tauchen dort gezielt danach.

Nun kommt Tauwetter, aber wie lang hätten die Vögel noch überleben können ohne Wasser?

Städtische Wasservögel können längere Zeit ohne Wasser leben. Das zugefrorene Wasser bedeutet zwar Nahrungsknappheit, aber es gibt genügend Leute, die Vögel füttern. Aber Haubentaucher oder Gänsesäger brauchen lebende Fische, die sie selbst erbeuten. Die haben es schwer. Die sind nun so lange in Richtung Westen geflogen, bis sie freie Flächen fanden. Das nennt sich Winterflucht. Wenn die Vögel nicht rechtzeitig Futter finden, sterben sie.

Das heißt, dass es ein Massensterben gab?

Das ist möglich. Für manche Vögel ist die Lage dramatisch. Eisvögel etwa fliegen nicht davon, sind aber von offenen Wasserflächen abhängig. Wenn sie die nicht finden, sterben sie. Bei einem solch kalten Winterabschnitt können schon mal 80 Prozent einer lokalen Population sterben. Das hört sich dramatisch an. Aber so ist die Natur. Die Arten können das meist innerhalb einiger Jahre ausgleichen.

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Wasservögel suchen die nicht zugefrorenen Stellen im Eis.

Noch ist das Wasser kalt, wie lang dauert es, bis das Eis getaut ist?

Die Wassertemperatur liegt bei etwa zwei Grad. Wie schnell es taut, hängt von der Eisstärke ab und davon, ob Regen fällt. Wir sollen jetzt Schnee bekommen, auch Regen, dazu fünf bis zehn Grad. Da wird das Eis schnell brüchig, es entstehen innerhalb weniger Tage größere Wasserflächen, und auch Eisbrecher sind unterwegs. Das Eis ist für Menschen lebensgefährlich.

Was haben die Fische unter dem Eis gemacht?

Sie verfallen meist in eine Winterstarre. Das ist kein Schlaf, aber ein Leben mit wenig Bewegung und nur ab und an fressen. So können Fische wie Rotfedern oder Plötze viele Monate überstehen. Aber das Wasser muss tief genug sein. Je tiefer es ist, desto länger können sie leben. In der Tiefe sind es bis zu acht Grad und dort unten muss genügend Sauerstoff sein. Es gibt auch Fische wie Hechte, die weiterhin dort unten jagen. Deshalb haben Eisangler auch Erfolg. Aber das Leben im Wasser ist nicht mehr so schnell.

Und was passiert, wenn Tümpel total durchgefroren sind?

Eis wird in unseren Breiten meist nicht dicker als 80 Zentimeter. Wenn ein Gewässer tatsächlich durchgefroren ist, sterben alle Lebewesen.

War dieser Winter für die Tiere ein Schock, weil sie diese extreme Kälte hier nicht kennen?

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Eichhörnchen legen Extravorräte für den Winter an.

Einzelne Individuen kann es tatsächlich mit voller Härte treffen, denn die meisten Wildtiere werden nicht älter als zehn Jahre. Die haben eine solche Kälte noch nie erlebt und wurden kalt erwischt. Aber als gesamte Art kennen Füchse, Wildschweine oder Vögel solche Wetterextreme seit Tausenden von Jahren. Nun ist aber die Sterblichkeit höher.

Gibt es dazu Statistiken, zum Beispiel dass solche Kälte zehn Prozent mehr Wildtiere sterben lässt?

Nein, die gibt es nicht. Nicht mal Schätzungen.

Welche Extreme haben Sie noch beobachtet?

Dass viele Vögel auch Glück hatten. In Skandinavien lag nicht so viel Schnee. Das heißt: Viele Zugvögel, die von dort eigentlich zum Überwintern zu uns gekommen wären, sind gar nicht erst losgeflogen. Deshalb haben wir nicht so viele Wintergäste.

Weil die hiesigen Winter seit Jahren eigentlich wärmer werden, gehen immer mehr heimische Kraniche im Herbst gar nicht erst auf den üblichen Vogelzug, sondern versuchen, hier zu überwintern. Wie erging es diesen Hierbleibern?  

Für sie ist der Zugtrieb im Februar abgeschlossen, sie konnten also jetzt nicht mal kurz nach Spanien fliegen. Aber sie weichen in der Region aus, gehen also auch auf Winterflucht. Zum Beispiel gab es in der Uckermark viel weniger Schnee. Wenn es ihnen nicht gelingt, auszuweichen, sterben sie.

Bei den Kranichen war es lange so, dass die Gruppe der Hierbleiber langsam immer größer wurde, weil sie hier früher wieder brüten konnten und mehr Junge bekamen. Hat dieser Winter darauf Auswirkungen?

Frei nach Darwin wurde diese Gruppe geschwächt und die der weit ziehenden Kraniche wohl gestärkt. Aber das bedeutet keine Trendumkehr, dafür müsste es länger kalt sein und nicht nur in einem Jahr.

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Wildschweine finden im gefrorenen Boden viel schwerer Nahrung.

Wie ergeht es den Wildschweinen, die ja oft eine Plage sind?

Die haben im Moment ein recht gravierendes Problem: Sie kommen mit ihren Schnauzen nicht mehr in den tief gefrorenen Boden, um dort nach Futter zu suchen. Das bedeutet: Sie müssen viel mehr laufen, um genügend Nahrung zu finden. Aber deshalb fressen sie sich im Herbst ja auch einen dicken Wanst an, um im Winter davon zu leben. Wildschweine bekommen auch deshalb so viele Jungtiere, weil evolutionsbiologisch früher sehr viele Junge in den harten Wintern erfroren sind. Aber die aktuelle Frostphase war nicht lang genug, als dass es größere Bestandsrückgänge gibt.

Und wie sieht es bei Mücken & Co. aus?

Es sind zwar etliche Insektenlarven erfroren, aber viele waren auch unter dem Schnee geschützt. Wie heißt es so schön: Hinten wird die Ente fett. Soll heißen: Die Kälte ist gar nicht so entscheidend, denn selbst wenn nun ganz viele Larven gestorben wären, lässt das keine Rückschlüsse darauf zu, ob es einen mückenfreien Sommer 2021 gibt. Entscheidend ist nicht der Winter, sondern der Frühling. Wenn dann gute Bedingungen für Mücken sind, reproduzieren die sich alle zwei bis drei Wochen. Das gleicht dann ganz schnell jeden Verlust aus dem Winter wieder aus.

Eichhörnchen sammeln Futter für den Winter und legen Vorräte an, aber wie ist es, wenn die gefroren sind, verhungern sie dann?

Die sind clever genug und haben verschiedene Plätze. Sie sind eigentlich in der Winterruhe, aber sobald die Sonne schien, kamen sie raus. Sie suchen dann ihre Vorräte im Futterkogel oder graben nach ihren Verstecken unter dem Schnee. Der Frost stört sie nicht. Sie fressen auch gefrorene Kirschen oder Äpfel oder Beeren.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.