Berlin - Es gibt eine goldene Regel: Sprich nicht mit diesen besonders freundlichen Fremden, die an der Wohnungstür klingeln. Egal, ob sie dir einen Staubsauger verkaufen wollen oder eine Bibel, sag‘ einfach: „Einen schönen Tag noch“ – und schließe die Tür.

Verbraucherschützer warnen ausdrücklich vor Geschäften an der Haustür. Aber im neuen Jahr will ich immer besonders freundlich sein, und der junge Mann wollte ja auch gar nichts verkaufen, nur fragen, ob bei unserem Telefon und beim Internet alles läuft. Im Haus sei doch alles auf Glasfaserkabel umgestellt worden. Ich hatte den Mann kurz davor an der Tür der Nachbarn gesehen, deshalb schloss ich meine nicht gleich. 

Er hatte sehr viele Fragen und ich sehr wenige Antworten. „Wie hoch ist denn Ihr Tarif … Haben Sie einen 3er- oder 4er-Router… Haben Sie den gekauft oder gemietet?“ Nur auf die Frage, ob das Internet langsam ist, konnte ich Ja sagen.

Er war wortreich, freundlich und geduldig, aber als er merkte, dass ich ihm keinen Auftrag für einen neuen Router erteilen will, ließ er unser Gespräch in eine andere Richtung abbiegen. Er sagte, seine Firma erstatte uns den Grundpreis beim Strom. Es klang so, als sei es ein Service meines Telefonanbieters. Deshalb suchte ich den Stromvertrag heraus. Und schon tippte er unseren Grundpreis auf seinem Tablet ein. Ich schaute heimlich drauf und begriff: Dieser freundliche junge Mann will mir einen neuen Stromvertrag aufschwatzen.

Und wenn er schon den Vertrag geändert hat?

Plötzlich fühlte ich mich sehr alt und sehr senil, so als hätte ich die goldene Regel vergessen. Also warf ich ihn sehr freundlich, aber sehr bestimmt aus der Wohnung.

Kaum war die Tür zu, kroch ein Gedanke durch mein Hirn. Was, wenn er mit den Daten schon irgendetwas angestellt hat? Ich will keinen neuen Vertrag. Nicht fürs Telefon, nicht für den Strom.

Ich rannte ihm hinterher, um sein Namensschild zu fotografieren. Aber er war weg. Der Nachbar sagte, er habe sicherheitshalber beim Telefonanbieter nachgefragt: „Alles in Ordnung, jedenfalls bei uns. Und es ist ein Wunder geschehen: Ich hing nur drei Minuten in der Warteschleife.“

Bei mir waren es nur zwei Minuten. Eine freundliche Frau sagte: „Alles in Ordnung. Niemand hat an Ihrem Vertrag rumgeschraubt. Sie sind auf keinen Drücker reingefallen.“

Auch sie hatte viele Fragen und ich noch immer nur wenige Antworten. Auch sie war wortreich, freundlich und geduldig. So ging es eine Weile hin und her, und am Ende hatte ich einen neuen Telefonvertrag. Als ich auflegte, fragte ich mich: Wollte ich mit dem Anruf nicht eigentlich verhindern, dass jemand etwas am Vertrag ändert?

Sofort hatte ich eine Ausrede als Beruhigung: Immerhin bin ich nicht auf ein Haustürgeschäft hereingefallen. Außerdem ist das Jahr noch neu.