Haben sich zusammengetan, um ihr Haus vor dem Verkauf an einen Investor zu retten: die Bewohner der Taborstraße 3, in der Mitte Nicole Kieslich mit ihrem Beagle.
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BerlinSeit der Brief vom Bezirksamt kam, kann Nicole Kieslich nicht mehr schlafen. In dem Brief stand, dass das Haus im Kreuzberger Wrangelkiez, in dem sie vor acht Jahren mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Hund ein Zuhause gefunden hatte, verkauft werden soll. Ein Vorvertrag wurde bereits unterschrieben, Kaufsumme 2,5 Millionen Euro. Das Bezirksamt lud sie und die anderen Bewohner des Hauses in der Taborstraße 3 ein, um sie zu informieren, wie es jetzt weitergeht. Und Nicole Kieslich, eine quirlige Frau Anfang 50 mit wilden Locken, fühlt sich nicht mehr sicher in ihrem Zuhause.

Zwei Wochen sind vergangen, seit der Brief kam. Es ist ein sonniger Nachmittag, Nicole Kieslich sitzt auf einer Bank vor dem Haus. Auf dem Bürgersteig haben sich ihre Nachbarn versammelt, jemand hat Muffins gebacken, Weißwein mitgebracht. Im ersten Stock hängt ein Transparent: „Stein und Mörtel bauen ’n Haus, Geist und Seele schmücken es aus.“ Aus einer Musikbox klingt Rio Reisers Häuserkampfhymne: „Das ist unser Haus.“

Die Bewohner der Taborstraße 3 haben eine Facebook-Gruppe eröffnet, Briefe an Politiker aus dem Bezirk und im Abgeordnetenhaus geschrieben und für diesen Nachmittag zum Protest vor dem Haus eingeladen. „Wir wollen kämpfen“, sagt Nicole Kieslich. Für sie ist klar: Wird das Haus verkauft, kann das nichts Gutes für seine Bewohner heißen.

Berlin ist einer der umkämpftesten Wohnungsmärkte weltweit. Und in Kreuzberg läuft der Ausverkauf besonders rasant. Überall wird entmietet, saniert und ausgebaut. Die Kosten dafür tragen die Mieter, für Investoren lohnt sich das Ganze nur, wenn die Rendite stimmt.

Die Situation ist dramatisch, trotz Mietendeckel. „Wir kämpfen um jeden Mieter“, sagt Katrin Schmidberger, die Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus für das Thema Mieten ist. „Viele kleine Einzelfälle sind ein großer.“

Wo sollen wir denn hin?

Nicole Kieslich, Mieterin

Die Taborstraße 3 ist eines dieser typischen Kreuzberger Mietshäuser, unsaniert, mit einer hübschen Fassade und einem heruntergekommenen Treppenhaus, an den Wänden Graffiti, die Stufen abgewetzt, hier wohnen Künstler, Angestellte, Rentner, Familien mit Kindern, im Erdgeschoss ist eine Siebdruckwerkstatt eingezogen, nachdem dort viele Jahre lang ein soziales Projekt seine Räume hatte.

Nicole Kieslich wohnt seit über 30 Jahren in Kreuzberg. 840 Euro warm zahlt sie für ihre 95 Quadratmeter, die sie beim Einzug liebevoll selbst in Schuss gebracht hat: die Wände verputzt, die Dielen abgezogen. Die Miete ist günstig für die Gegend – für sie ist es viel Geld. Nicole Kieslich arbeitet als Schulhelferin in Teilzeit, ist alleinerziehend. Sie ist auf die Unterstützung ihres Umfelds angewiesen. Die Grundschule ihrer Tochter liegt nur zwei Häuserblocks entfernt. Ihre besten Freundinnen wohnen im Haus tiefer. „Wo sollen wir denn hin?“, fragt Nicole Kieslich.

Die Bewohner der Taborstraße 3 hätten ahnen können, was ihnen bevorsteht. Vor ein paar Wochen, erzählt Nicole Kieslich, standen Männer in teuren Anzügen in ihrer Wohnung. Der alte Hausbesitzer, Herr Titzmann, habe ihr gesagt, es ginge um einen Kredit, die Männer seien von der Bank. Nicole Kieslich hatte extra aufgeräumt. Sie mag den Hausbesitzer, wollte helfen. „Ich bin so etwas wie die Else Kling im Haus“, sagt sie. Die gute Seele, die sich um alle kümmert. Nach dem Besuch sagte ihr Nachbar: „Nicole, hast du nicht den Porsche vor der Tür gesehen? Das waren doch Investoren!“ Ein Porsche ist kein gutes Zeichen. Der alte Hausbesitzer fährt einen Skoda.

Unbequem sein: Aus den Fenstern der Taborstraße 3 hängt ein Transparent gegen den bevorstehenden Verkauf.
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Seit sie wissen, dass sie recht hatten mit ihrer Vorahnung, haben sie recherchiert: Die Kaufinteressentin, haben sie herausgefunden, ist die SG Holding GmbH mit Sitz in Braunschweig, sie gehört dem Architekten Stephan Gmyrek, Nachfahre eines Wurstfabrikanten aus dem niedersächsischen Gifhorn und Geschäftsführer zahlreicher anderer Firmen, darunter eine Immobilienfirma, in deren Portfolio sich auch Wohnungen in Berlin finden, Kaufpreis 900.000 Euro aufwärts. Die SG Holding hat 2019 bereits ein anderes Haus in der Taborstraße gekauft, die Nummer 20. Daher wissen Nicole Kieslich und ihre Nachbarn in etwa, was sie erwartet.

Der bevorstehende Verkauf der Taborstraße 3 ist nur einer von vielen. Manchmal gerät ein Deal in den Fokus, wie 2017, als ein Haus in der Reichenberger Straße verkauft wurde und die neuen Besitzer der alteingesessenen Bäckerei Filou gekündigt hatten. Es gab Demos, und am Ende war die Bäckerei gerettet.

Die meisten Verkäufe aber passieren, ohne dass man viel darüber erfährt. Seit 2016 Florian Schmidt Baustadtrat wurde, nutzt der Bezirk verstärkt ein scharfes Schwert gegen die Gentrifizierung und die Verdrängung der Menschen aus ihren Kiezen: das Vorkaufsrecht. Soll ein Haus in einem „sozialen Erhaltungsgebiet“, also einem Kiez, der besonders von Verdrängung betroffen ist, verkauft werden, prüft der Bezirk, ob das Objekt die Bedingungen für die Ausübung des Vorkaufsrechts erfüllt und sucht dann, weil er selbst keine Grundstücke erwerben kann, nach einem „gemeinwohlorientierten Dritten“, der das Haus kauft. Auch eine Genossenschaft oder eine Stiftung kann an diesem Punkt einspringen. Für die Prüfung hat der Bezirk zwei Monate. Das ist nicht viel Zeit.

Wenn jemand zu diesen Preisen Häuser kauft, weiß man, dass er damit etwas vorhat.

Knut Beyer, Mieterberater

Das Büro für Angewandte Sozialforschung und urbanes Management (Asum) begleitet im Auftrag des Bezirks derzeit Dutzende Häuser durch diesen Prozess. Knut Beyer, Teamleiter der Mieterberatung, kennt die Ängste von Menschen wie Nicole Kieslich. „Wenn jemand zu diesen Preisen Häuser kauft, weiß man, dass er damit etwas vorhat“, sagt er, und sei es nur der Dachausbau, der mit Lärm, Gerüsten und Dreck einhergeht.

Auch der Kaufinteressent für die Taborstraße 3 ist Knut Beyer bekannt, er besitze bereits mehrere Häuser in Kreuzberg, gilt nicht als Hardliner, stelle sich den Fragen der Hausgemeinschaften – es gibt auch Fälle, in denen nur eine anonyme Briefkastenfirma auftritt. Beyer sagt, er sei also guter Dinge. Eine Möglichkeit für den Investor, das Vorkaufsrecht zu umgehen, ist eine Abwendungsvereinbarung zu unterzeichnen. Das Haus gehört dann ihm, gleichzeitig verpflichtet er sich aber, für 20 Jahre die Grundrisse der Wohnungen nicht zu verändern und diese nicht in Eigentum umzuwandeln. Außerdem muss er die Mietpreisbremse anwenden.

4000 Wohnungen habe die Stadt mit dem Vorkaufsrecht in den letzten Jahren „retten“ können, sagt Katrin Schmidberger. „Und es ist eine abschreckende Wirkung spürbar.“ Investoren erklärten sich schneller bereit, einer Abwendungsvereinbarung zuzustimmen.

In der Taborstraße 20 hat die SG Holding kurz vor Ablauf der Frist eine Abwendungsvereinbarung unterzeichnet. Seitdem, erzählt eine Bewohnerin, ist nicht viel passiert, der Ton in den Briefen an die Mieter sei aber kühl und unpersönlich. Mit den Nachbarn aus der Taborstraße 3 teilen sie jetzt ihre Erfahrungen.

Auch die Asum empfiehlt den Mietern in einer Broschüre, sich zusammenzutun, die Öffentlichkeit zu suchen. Deshalb die Facebook-Gruppe und der Protest vor der Haustür. Nicole Kieslich hat Dutzende Nachrichten verschickt, alle angeschrieben, die sie kennt, und um Unterstützung gebeten, darunter die Initiative GloReiche, die auch die Bäckerei Filou unterstützt hat. Mit einer Online-Petition sammeln sie Unterschriften dafür, dass das Vorkaufsrecht zum Tragen kommt. Das ist ihr Ziel. Und der Investor soll sehen, dass ihre Hausgemeinschaft unbequem ist.