Joel Freudenberg ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Dabei ist der heute 88-Jährige in Berlin geboren. Auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto sieht man ihn als fröhlichen Fünfjährigen, Anfang der 30er-Jahre in Nikolassee. Damals hieß er noch Ernst Freudenberg. Verschmitzt lachend steht der Junge am weißen Holzgeländer einer großen Terrasse. Eine unbeschwerte Szene aus glücklichen Kindertagen, so scheint es. Nur wenig später allerdings flieht seine Familie vor den Schikanierungen und Verfolgungen der Nazis nach Palästina. Was sie vor dem Tod gerettet haben dürfte.

Zwei Enkelkinder aus Israel

Vor dem Haus mit der Terrasse,  zwischen Rehwiese und Potsdamer Chaussee, stehen an diesem Donnerstagabend zwei von Joel Freudenbergs Enkelkindern. Sie sind aus Israel gekommen: Yadid Erel, 26, aus Tel Aviv, und seine Cousine Merav Greenberg, ein Jahr jünger, aus Haifa. Vor ihnen klopft ein Mann vier „Stolpersteine“ in das Pflaster des Fußwegs. Darauf stehen die Namen von Yadids und Meravs Berliner Verwandten.

Eine von ihnen war Helene Mayer, geborene Freudenberg – sie war Großvater Joels Tante. Helene Mayer lebte mit ihrem Mann Hermann und ihren beiden Töchtern Bertha und Margarete in jenem alten Haus   – damals fast im Wald, inzwischen weniger idyllisch an der Autobahnauffahrt gelegen. „Bei uns  im Wohnzimmer hängen viele alte Fotos aus dem Innern, von den Räumen, den Möbeln“, erzählt Merav. Jetzt fotografiert sie selbst das Haus und die Stolpersteine und die Menschen, etwa zwei Dutzend, die zur feierlichen Verlegung gekommen sind. „Wir schicken die Bilder heute noch nach Israel, das haben wir versprochen“, sagt Yadid. Großvater Joel will die Fotos unbedingt sehen, schnell.

Das bisher kaum bekannte Schicksal der Familie Mayer-Freudenberg steht geradezu plakativ für den kulturellen und biografischen Riss, den die „Arisierung“ der Nazis anrichtete. Die Historikerin Gesa Kessemeier hat als erste darüber geforscht und ein Buch geschrieben: „Ein Feentempel der Mode“ lautet der Titel. Denn Helene Mayer gehörte zu einer Familiendynastie, die in Berlin das international berühmte Kaufhaus Gerson am Werderschen Markt führte.

Vorbild für Warenhäuser

Gegründet im 19. Jahrhundert, wurde die Firma, die erstmals vorgefertigte („konfektionierte“) Frauenkleidung anbot, bis zur Jahrhundertwende zum führenden Modegeschäft in Deutschland und zum Vorbild für die späteren großen Warenkaufhäuser. Am Werderschen Markt, schräg gegenüber von Schinkels Friedrichswerderscher Kirche, stand ein wahrer Palast mit ausladenden Vorführsalons, eigenen Schneidereien und einem Möbelhaus um die Ecke. Man belieferte Königshäuser in Europa und die Frauen der Reichshauptstadt, Designer wie Paul Poiret aus Paris revolutionierten die Damenmode, indem er die Frauen Hosen anziehen ließ statt Korsetts.

Zweimal im Jahr fand in den Zwanzigern die Berliner Modewoche statt – ein Vorläufer, wenn man so will, der Fashion Week. Das sogenannte Textilviertel zwischen Hausvogteiplatz und Werderschem Markt, mit Dutzenden Schneidereien, Handels- und Kaufhäusern, häufig mit jüdischen Besitzern, war berühmt für Präzision und Schnelligkeit. Paris hatte die Haute Couture, Berlin die tragbare Moderne.

Die Weltwirtschaftskrise brachte dann auch die Firma Gerson in Schwierigkeiten. Mitten im Erholungsprozess nach einer Insolvenz übernahmen die Nazis die Macht und setzten überall jüdische Kaufleute unter Druck. Viele flohen, auch Helene Mayer mit ihrer Familie verließ 1934 das „Haus Freudenberg“ in Nikolassee und emigrierte. Allerdings nicht weit genug. Mit ihren Kindern lebten sie und ihr Mann zunächst ein paar Jahre in Holland. Es seien noch einmal gute Jahre gewesen, sagt die Historikerin Gesa Kessemeier. Hermann Mayer  arbeitete in Den Haag im renommierten Mode-Kaufhaus „Maison de Bonneterie“, man erwarb noch einmal Eigentum in Scheveningen, die beiden Töchter wuchsen zu schönen jungen Frauen heran.

Doch als die Nazis 1940 die Benelux-Staaten und Frankreich eroberten, entkamen auch die Mayers nicht mehr. Ihren Töchtern, in der Familie hießen sie nur Beppi und Magrit, gelang noch  die Flucht nach Frankreich. Dann wurden sie in Bordeaux aufgegriffen, nach Auschwitz deportiert und ermordet – was die Familie lange nicht wusste. Helene und Hermann Mayer starben 1945, nachdem sie jahrelang, zuletzt in Bergen-Belsen, misshandelt worden waren. Helene Mayer hatte das Kriegsende zwar noch überlebt, sie gehörte zu den Insassen jenes „Transports der Verlorenen“, der im Frühjahr 1945, losgeschickt von der SS, nie am Zielort Theresienstadt ankam. Doch sie war zu krank, zu geschwächt. Ihre Befreiung durch Rotarmisten in Tröbitz im heutigen Brandenburg kam zu spät. Helene Mayer, geboren im Jahr 1895, die „gute Seele der Familie“, starb in einem Lazarett in Riesa. Knapp zwei Wochen nach dem Kriegsende.

„Eine glückliche Familie“

Yadid Erel steigt vorsichtig über die frisch verlegten Stolpersteine und nimmt das Mikrofon in die Hand. Er freue sich, sagt er, dass jetzt ein Stück Familiengeschichte in Berlin sichtbar sei. Wenn auch ein  sehr schmerzvolles. Die Stolpersteine seien eine Mahnung, dass  so etwas niemals wieder geschehen dürfe.  „Aber unsere Familie ist eine glückliche Familie, das sollten Sie wissen“, sagt der junge Mann auf einmal. „Wir schauen nicht ständig zurück.“ Er und  Merav haben sich für dieses Wochenende mit einer Bewohnerin des einstigen Hauses Freudenberg verabredet – in dem, nach vielen Umbauten, inzwischen mehrere Familien wohnen. Die Frau kam zur Verlegung der Stolpersteine, sprach Yadid und Merav an und  will den beiden jungen Juden nun zeigen, wie es dort heute aussieht, innen und außen. „Wir sind sehr gespannt“, sagt Yadid.