Berlin - Wenn eine zugewanderte Person seit langer Zeit in Deutschland lebt, aber die deutsche Sprache nicht beherrscht, ist es sehr einfach, diese Person zu schmähen. Meine Mama lebt seit November 1981 in Deutschland. Sie hat sich in den ersten Jahren nach ihrer Einwanderung sehr viel Mühe gegeben, Deutsch zu lernen. Hat etliche Kurse besucht, hat versucht, über ihre „kulturellen Mauern“ zu klettern und sich mit anderen (deutschen) Müttern über den Kindergarten und die Grundschule zu vernetzen.

Mit einer deutschen Nachbarin, die in der Mannheimer Innenstadt im Stockwerk unter uns wohnte, pflegte sie wohl den regelmäßigsten Kontakt – erst nicht im freundschaftlichen Sinne. Frau Schmitt, so erzählt es meine Mama, war eine grantige, alte Frau, die sich ständig über den Lärm bei uns aufregte. Irgendwann kamen sich die beiden näher, unterhielten sich immer länger, immer intensiver, bis sie tatsächlich zu Freundinnen wurden. Meine Mutter beherrschte die deutsche Sprache durch den täglichen Kontakt zu Frau Schmitt immer besser – sie tauschten sich aus über Sitten, Religionen, über Traditionen wie Weihnachten und Bayram, brachten sich gegenseitig Essen und andere Geschenke. Bis unsere alte, nicht mehr so grantige Nachbarin starb. Da war ich nicht einmal ein Jahr alt.

Ab diesem Zeitpunkt verlernte meine Mama die deutsche Sprache graduell wieder. An jedem Tag verschwanden ein Verb, ein Substantiv, ein Adjektiv aus ihrem Wortschatz, ihre Rechtschreibung wurde fehlerhaft, die Grammatik chaotisch, die Aussprache holprig. Der Alltag bestand aus Hausarbeit und Kindererziehung und der Wille meiner Mama, neue (deutsche) Freunde kennenzulernen, schwand. Heute kann meine Mama sagen, wie sie heißt, wo sie wohnt, und mit viel Mühe ihre Festnetznummer diktieren. Der häufigste Satz, den sie verwendet, lautet: „Ich weiß nicht“.

Meine Mama ist fast 70 – und auf andere angewiesen, als sei sie sieben

Natürlich wird es manchen Menschen sehr leichtfallen, meine Mutter für ihre sprachliche „Unfähigkeit“ fertigzumachen, ihr Integrationsverweigerung vorzuwerfen, ihr „Wir leben in Deutschland“ ins Gesicht zu brüllen. Wenn es um Migration geht, löst sich das letzte bisschen Toleranz vieler Menschen auf. Migration führt oft zu einer seltsamen, irrationalen Verblendung.

Die Leute interessiert es nicht, was der Umstand, dass meine Mutter kein Deutsch kann, in ihr auslöst. Ein mächtiges Gefühl von Scham und Hilflosigkeit. Meine Mama ist fast 70 Jahre alt, aber sie ist noch heute auf ihre Mitmenschen angewiesen, als sei sie erst sieben. Sie kann nicht allein zum Arzt gehen zum Beispiel – und sie hat viele gesundheitliche Probleme. Also muss sie jemand zum Orthopäden, zur Schmerztherapie, Psychotherapie oder Endokrinologie begleiten, der Deutsch kann, wie meine Schwester, mein Bruder oder ich. Sie kann nicht allein zum Bürgerdienst, nicht allein zur Krankenkasse. Sie schafft es gerade so, falsch gekaufte Kleidungsstücke umzutauschen.

Mein Papa erledigte die meisten Dinge für sie und räumte seinen vollgepackten Terminplan regelmäßig für ihre Termine frei. Kurz nach seinem Tod blickte sie mich an und fragte: „Was soll ich nur tun, wie kann ich nun leben?“

Über diese Hilflosigkeit, die meine türkische Mama in Deutschland zum ersten Mal kennenlernte und die gewiss nicht nur sie verspürt, spricht keiner. Interessiert ja auch niemanden, denn es ist so viel einfacher, Menschen einen Vorwurf zu machen, als ihnen entgegenzukommen, tolerant zu sein und eben nicht als Ärztin oder Beamter genervt die Augen zu verdrehen, wenn eine Person mit Migrationshintergrund ein bisschen länger nach dem passenden Verb, Adjektiv oder Substantiv im Kopf suchen muss. Einen Menschen nicht gehässig auszulachen, nur weil er den falschen Artikel benutzt hat. Nicht eindringlich zu korrigieren, nur weil er etwas falsch ausgesprochen hat.