Erziehungsliteratur ist in, und das ist gut. Lassen wir Klassiker wie Alice Miller mal außen vor, so begann die jüngste Debatte gefühlt 2008 mit Michael Winterhoffs „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Seinem Buch sind viele andere nachgefolgt, und es stellt sich die Frage: Wer von den dort beschriebenen Helikoptereltern, Tiger- und Fußball-Moms fühlt sich eigentlich angesprochen?

Erreicht dieser Stoff überhaupt seine adressierte Leserschaft? Nämlich Eltern, die immer nur Angst haben, etwas falsch zu machen, demzufolge lieber gar nichts und es damit erst richtig schlimm machen? Oder befriedigt dieser Lesestoff nur Leute, die genervt sind von unerzogenen, wohlstandsverwahrlosten und keineswegs reizenden Kindern in ihrem Lebensumfeld?

Die Wiener Autorin und Kindertherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger scheint die Frage zu bejahen, denn sie hat nachgelegt mit einem Buch. Sie will strengere Saiten aufziehen. Auch in ihrer Praxis tauchten nach wie vor Kinder auf, die man als Leser nur mit sehr viel Wohlwollen „verhaltensoriginell“ nennen mag, denn in Wahrheit sind sie schlicht und einfach verhaltensgestört, Political Correctness hin oder her.

Die Dinge beim Namen zu nennen, wird auf dem hochexplosiven Terrain der Erziehung sowieso schon bis zur Unerträglichkeit überspannt. Denn nichts ist ein so intimer und fragiler Bereich wie die Erziehung der eigenen Kinder. Allein das Wort „Erziehung“ klingt für manche schon nach Rohrstock und Schwarzer Pädagogik. In keinen Bereich will man sich so wenig reinreden lassen wie hier – selbst, wenn man Zweifel an den eigenen Kompetenzen hegt.

Das hat auch Leibovici so erfahren: „Die meisten Eltern erleben ihre Kinder als mühsam, bezeichnen diese aber eifrig als ‚normal‘. Man reagiert lieber beleidigt und wechselt den Kindergarten, als unvoreingenommen auf die tatsächliche Botschaft des ‚auffälligen‘ Kindes zu hören“, sagt sie.

„Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“, heißt Leibovicis Werk. Es macht gleich am Anfang klar, dass es nicht feststellen und beraten, sondern vor allem einfach mal meckern und streng sein will – Erziehung eben. Dass es kein Ratgeber, sondern ein Traktat ist.

Frustrierte Menschen

Auf der Metaebene geht es um viel mehr als um ein paar freidrehende Kids mehr in unserer Gesellschaft. Leibovici, die übrigens selbst vier Kinder hat, beschäftigt auch der Zustand der Welt und die Frage, ob die heranwachsenden Leons und Finns und Ava-Helenes die Fähigkeiten haben werden, eine bessere aus ihr zu machen.

Oder zumindest eine, die menschlich noch funktioniert. „Wie wird das Arbeits- und Beziehungsleben all dieser tyrannischen Prinzen und Prinzessinnen aussehen, wenn ihnen der Hofstaat ihrer sie bewundernden Familie abhandenkommt?“, fragt die Psychotherapeutin.

Die Antwort liefert sie selbst. Einer Kindheit ohne Grenzen und Führung entwüchsen Menschen, die „existenziell frustriert“ seien, die sich auf einem niedrigen Selbstanspruchsniveau einbunkerten und „im besten Fall darauf warten, die Eltern beerben zu können“. Aus anderen würden Systemverweigerer, inhumane Karrieristen oder solche, „die sehr empfänglich für Führung werden, sei sie extremer politischer oder religiöser Prägung. Hauptsache, es sagt endlich wer, wo es lang geht.“