Berlin - Über einen sehr langen Zeitraum war die Anlaufstelle klar. Wer einen Zustellzettel im Briefkasten fand, musste gar nicht nachsehen, wo das jeweilige Paket abgegeben worden war. Man steuerte einfach direkt ins Hinterhaus, Erdgeschoss. Die Fahrer der Paketdienste hatten schnell herausgefunden, dass die Bewohnerin tagsüber zu Hause war, und sie selbst war so nett, die Bestellungen der Nachbarschaft entgegenzunehmen. Das hatte sich allerdings irgendwann erledigt, schon vor Ausbruch der Pandemie. Womöglich war es ihr zu viel geworden oder sie hatte keine Lust mehr auf irgendwelche unfreundlichen Leute, die sich für das Annehmen nicht mal ein Wort des Dankes abringen konnten.

Dass es solche Leute gibt, weiß man selbst, seit es im eigenen Wohnungsflur an manchen Tagen aussieht wie in einem Paketshop. Hoch und höher türmen sich die Pappkartons dann neben der Tür und es dauert unterschiedlich lange, bis ihre Eigentümer sie abholen kommen. Und manchmal steht halt jemand vor der Tür, der oder die einem ganz und gar unbekannt ist und obendrein eben nicht besonders freundlich. Vermutlich sind das Kurzzeit-Mieter aus einer WG. So eine klingelte neulich, sie wedelte nur mit dem Paketschein und sagte: „Mein Paket“ und betonte es so, als hinge da noch ein Fragezeichen dran. Die Frage, wer sie denn sei, beantwortete sie nur widerwillig, aber anders wäre es nicht möglich gewesen, ihr Paket zu identifizieren. Als sie abzog, blieb unklar, ob das Zucken ihres Mundwinkels nun eine umständliche Dankesgeste oder ihre bloße Missbilligung der langen Wartezeit ausdrücken sollte.

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