Platz da, hier komme ich: Neben dem Solidargefühl herrscht ein ordentliches Maß an Ignoranz.
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BerlinViele Leute haben verinnerlicht, dass sie in der Coronakrise von anderen Abstand halten müssen, ihr Bewegungsablauf erfolgt automatisiert, es bedarf keiner langen Überlegung mehr, wenn auf dem Bürgersteig jemand entgegenkommt.

Nur, ebenso viele haben sich der Lage offenbar so gut angepasst, dass sie die notwendige Aufmerksamkeit für ihre Umwelt schon wieder vermissen lassen. So kürzlich auf dem Weg in den Supermarkt, als ein junges, italienisch sprechendes Hipster-Pärchen (Schnauzer, riesige Brille, bunte Ballonseidenjacke aus den 80ern) keine Veranlassung sah, auf dem schmalen Gehweg vielleicht kurz hintereinander zu gehen. Auch manche Vertreter der Risikogruppe laufen recht sorglos durch die Welt.

Ein kurzes Warten? Für manchen keine Option

Ähnliches beim Spaziergang im Park dieser Tage, wo Menschen durchaus auf die Distanz achten und auf den gepflasterten Wegen beiderseits nach rechts ausweichen, sobald jemand entgegenkommt. In jenen Momenten findet sich immer noch irgendein Jogger oder Radfahrer, der die entstandene Lücke nutzt, um zwischen ihnen durchzufahren. Selbst in dieser angeblich so entschleunigten Zeit gibt es Menschen, denen es nicht schnell genug geht, für die ein kurzes Warten keine Option ist.

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Vor einer Woche schien die Welt plötzlich eine andere zu sein, gegenseitige Achtsamkeit galt als Konsens einer plötzlich solidarischen Gesellschaft. Alle waren dankbar für das Kontaktverbot, weil es eben keine Ausgangssperre war. Ein paar Tage später heißt es: „Wenn du Abstand willst, geh mir aus dem Weg!“

Für den positiven Effekt der Gewohnheit ist übrigens die permanente Wiederholung notwendig. Sobald Handlungen dann automatisiert sind, wird der präfrontale Cortex entlastet, dessen Funktionen die situationsangemessene Handlungssteuerung beinhalten. Zu den Folgen einer Schädigung zählen die Unfähigkeit, Regeln einzuhalten, sowie die unzureichende Problemanalyse.