Familienbetrieb: Leo Beddini, Mutter Paola und Vater Patrizio. Der Name der Pizzeria Papaleo ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der Eltern und dem Vornamen des Sohnes.
Foto: Sabine Gudath

BerlinLeo singt. Es ist einer dieser typischen italienischen Schlager. Man weiß zwar nicht, worum es geht, aber es klingt schön dramatisch. Leo schmettert den Song zwar nicht so wie sonst immer, aber immerhin singt er leise vor sich hin. Das kann durchaus als ein winziges Zeichen von Normalität gewertet werden.

Leo Beddini ist Pizzabäcker und betreibt mit der Familie die Pizzeria Papaleo im Friedrichshainer Samariterkiez. Der Laden ist nur recht klein, hat gerade mal ein Dutzend Tische und ist abends meist brummvoll. Seit November 2013 hat sich die Familie einen guten Ruf in der Gegend erarbeitet, und deshalb ist inzwischen ohne Vorbestellung nur selten ein Tisch zu bekommen.

Doch nun hat Leo eine Woche lang nicht gesungen. Jedenfalls nicht in der Pizzeria. Die war coronabedingt geschlossen – so wie viele tausende Restaurants in Berlin. „Wir haben eine Woche gewartet, was alles erlaubt wird“, sagt der 28-Jährige. „Nun versuchen wir uns als Imbiss.“

Große Verluste

Und natürlich öffnet der Laden nicht mehr ab 16 Uhr wie sonst, sondern bietet seine Dienste nun von 12 bis 18 Uhr. Danach wäre es verboten.

Leo streut Mehl auf die große Granitplatte neben dem Ofen, nimmt den Teig, der natürlich selbst gemacht ist, und formt daraus gekonnt eine kreisrunde Pizza, belegt sie und schiebt sie in den Ofen. Kurz danach kommt der Mann, der sie per Telefon bestellt hat. Er darf nicht ins Restaurant, zahlt an der Tür und geht zufrieden.

Es funktioniert halbwegs – aber eben nur auf den ersten Blick. Denn das Essen ist in Restaurants nur das eine. Getränke haben die größte Gewinnspanne, aber die kann er nicht verkaufen. „Etwa 60 bis 70 Prozent des Umsatzes fallen weg“, sagt Beddini.

Motto: „Bloß nicht jammern“

Sein Koch sitze zu Hause, Beddini bezahlt ihn weiter, doch er hofft, dass er bald eine Bescheinigung vom Arbeitsamt bekommt und dass es dann Kurzarbeitergeld für den Koch gibt. „Als Imbiss wollen wir halbwegs die Kosten decken und die Zeit ohne neue Kredite überstehen“, sagt er, macht eine neue Pizza und summt vor sich hin. Dann sagt er: „Mein Motto: Bloß nicht jammern.“

Insgesamt sind in Berlin von der Coronakrise und Schließungen 800 Hotels und Pensionen, 19.000 Gaststätten, Kneipen, Cafés, Bars, Eisdielen und Caterer mit 90.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen betroffen. „Das sind in den allermeisten Fällen keine Konzerne“, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). „Die meisten sind Einzelunternehmer.“

Das Ausmaß der wirtschaftlichen Verluste sei heute in Gänze noch gar nicht abzusehen. „Alle Betriebe der Branche befinden sich im absoluten Krisenmodus.“ Vor allem Betriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern stünden mit dem Rücken an der Wand, da sie keine Soforthilfe bekämen.

Viele könnten Kredite nicht zurückzahlen

Der Verband hat eine Blitzumfrage gemacht, deren Ergebnisse nun vorliegen: 94 Prozent der Betriebe hatten bereits vor drei Wochen Umsatzeinbußen durch die Coronakrise. Bereits damals sagten 91 Prozent der Betriebe, dass es weniger Neubuchungen gab.

Der Verband berate nun die Betriebe, wie sie an Kurzarbeitergeld kommen oder die Betriebskosten senken. Viele Betriebe helfen nun sich und anderen und kochen für die Alltagshelden, also für Feuerwehren und Polizei. Aber der Verband bereitet auch den Exit vor. Die Branche hofft bei allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen, dass es nicht mehr zu lange dauert bis zur Rückkehr zu einem öffentlichen Alltag. „Viele, nein, sehr viele Betriebe können die angebotenen Kredite, auch bei 0 Prozent Zinsen, niemals zurückzahlen, wenn die Krise länger andauert“ , sagt Lengfelder.

Wartenummer 170.000

Leo Beddini erzählt, dass er am Vortag versucht hat, die Soforthilfe vom Senat zu bekommen. „Da hat man eine halbe Stunde Zeit, im Internet ein Formular richtig auszufüllen“, erzählt der 28-Jährige. „Und wenn es klappt, bekommen wir 5.000 Euro.“ Er war stundenlang im Internet. „Meine Wartenummer war bei 170.000“, sagt er. Am nächsten Morgen waren noch 40.000 vor ihm. „Und kurz bevor ich hergekommen bin, habe ich es gepackt“, sagt er. „Es wird ja gern gemeckert über die komplizierte deutsche Bürokratie. Aber selbst wenn es eine Weile dauert – irgendwann läuft es.“

Dann klopft es wieder an der Tür, eine neue Bestellung. Die Leute stehen draußen vorbildlich in weitem Abstand voneinander. Leo hofft, dass sie, wenn sich alle an die Abstandsregeln halten, gesund bleiben. Und er hofft, dass er in diesen Notzeiten genügend Geld einnimmt, denn allein die Stromkosten für den Pizzaofen sind immens. Aber sie haben viele Stammkunden, die inzwischen mitbekommen hätten, dass wieder halbtags geöffnet ist. „Am Sonntag lief es halbwegs gut“, sagt Beddini.

Und er kann noch mehr Gutes berichten. „Unsere Familien in Italien leben zum einen Teil in Umbrien und zum anderen Teil in den Abruzzen, in den Bergen. Alle sind gesund.“

Es hat sich auch etwas in seinem Leben geändert: Er ist nicht mehr erst um Mitternacht aus der Pizzeria raus und dann nach 4 Uhr im Bett. „Ich gehe jetzt viel früher schlafen und habe einen ganz anderen Tagesrhythmus“, sagt er. „Und wir haben den Küchentisch zur Tischtennisplatte umgebaut.“