Im Januar macht die Farbe sich rar und an manchen Tagen ist die Tristesse so mächtig, dass es nicht reicht, rote Stiefel zu tragen. Die Suche nach Buntem lässt mich am Alexanderplatz in die U5 steigen, in Richtung Regierungsviertel, wo es den vor kurzem fertiggestellten Luisenblock West zu besichtigen gilt. Der Plan reifte bei der Lektüre eines Artikels in einer anderen Zeitung. Die Überlegungen des Autors zum Unterschied zwischen Buntheit und Farbigkeit sowie zum Stellenwert letzterer beim Regieren haben sich in meinem Kopf festgesetzt und führen dort ein ausschweifendes Leben.

Der Weg Richtung Bundestag ist so schwarz-weiß, wie sich Politik niemand wünschen darf, der bei Verstand ist. Rotes Rathaus, Unter den Linden, Brandenburger Tor: Glänzender Chic, kühle Eleganz, man freut sich über das Licht nach dem Tunnel, doch Leben ist nicht in den Bahnhöfen. Zum Aussteigen locken allein ihre Namen, ansonsten herrscht Distanziertheit. Nur unter der Museumsinsel fühlt man sich regelrecht umarmt vom funkelnden Himmel. Schlaflos werde ich irgendwann mal kommen, Sterne zählen.

Der Bahnhof „Bundestag“ kann einige Grautöne vorweisen, immerhin. Sie wiederholen sich oben in den Fassaden, in den Mänteln der Menschen, und in der Spree. Spiegeln sich im Glas von Kanzleramt und Co. Da freut man sich fast über das Gelb der DHL-Wagen, das Blau der Polizei, selbst über die Farbtupfer in Form von Leihrollern. Aufs Schönste stört das allzu harmonische Gesamtbild die Kita, deren Swimmingpoolblau mehr ist als eine vergnügliche Fußnote. „Hier wächst etwas Neues heran“, scheint der flache Bau zu sagen, „hier traut man sich noch was.“ Und die Bobbycars und winzigen Fahrräder in allen Farben hinter dem Fenster müssen das gar nicht bestätigen. Man glaubt es auch so.

Anzeichen sind ja bereits zu sehen. Die Abgeordneten des neuen Parlaments, so viele wie noch nie, arbeiten hinter Farbflächen, so viele, wie man es selten sieht in dieser doch so bunten Stadt. Der Luisenblock West beweist, dass Seriosität Nuancen haben kann. Er fügt sich ein ins Gesamt, ohne sich zu ducken, fällt auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Er verströmt Zuversicht und die Gewissheit, dass Politik auch bunt sein muss. Oder farbig. Anders als in der Architektur macht das hier keinen Unterschied. Was zählt, ist, dass für beides nicht Lieferdienste, Dienstwagen und achtlos abgestellte Leihräder herhalten müssen.