Berlin - Das Kind wundert sich. „Hat der Ladenbesitzer nicht Angst, dass die Sachen gestohlen werden?“ fragt es und zeigt auf allerlei Firlefanz für Mensch und Wohnung, der malerisch vor einem Geschäft aufgebaut ist. „Offenbar nicht“, sage ich. Und erkläre ihm, dass der Inhaber sich darauf verlasse, dass die Passanten sich an die Regeln und Gesetze halten. Auch dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Dass man für Waren, die man haben möchte, eben auch bezahlt. Dass man die Finger lässt vom Eigentum anderer. Und so fort. Und schließe, geradezu euphorisch, denn ich habe noch nie darüber nachgedacht, wie gut es ist, dass so ein Ladenbesitzer darauf vertrauen kann: „Weil Miteinander eben nur so funktioniert.“

An dieses Gespräch erinnere ich das Kind, als es einige Zeit später nach einer Buchpremiere seine Bauchtasche am Veranstaltungsort vergisst. „Die hat bestimmt jemand abgegeben“, ermuntere ich. Und damit das Kind vielleicht sogar lacht, doziere ich erneut über die Redlichkeit der allermeisten Menschen und schließe dieses Mal mit der Fundnudel. Mit der beginnt das Buch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“.

Wenn man persönliche Dinge verliert 

Rico findet eine Rigatoni auf dem Trottoir und will herausfinden, wem sie gehört. Seine Suche nach dem rechtmäßigen Besitzer endet vorzeitig damit, dass der fiese Fitzke die Nudel einfach aufisst. Es funktioniert. Das Kind lacht. Kein Wunder. Ich kenne niemanden, der beim Wort „Fundnudel“ nicht lachen muss. Und ein Anruf am nächsten Tag ergibt, dass wir die Tasche abholen können.

Ende gut, alles gut? Nicht so ganz. Mit dem Sachenverlieren ist es ja wie mit elektronischen Geräten. Die gehen auch nie einzeln kaputt, sondern immer im Kollektiv. Innerhalb einer Woche lasse ich meinen Fotoapparat im Bus liegen und das Kind seinen Turnbeutel. Wir machen uns gegenseitig Mut. „Warum sollte jemand deine Kamera behalten?“ fragt das Kind, „die ist klein und alt und außerdem hat doch jeder ein Smartphone“.

Genau, denke ich, und es sind viele Bilder drauf. Jeder kann sich doch denken, dass die dem Besitzer am meisten fehlen würden. Und all die Eltern und Kinder im Turnbeutelbus wissen, wie das ist, schnell neue Sachen organisieren zu müssen. Außerdem haben ja alle Turnsachen.

Die meisten Menschen müssen ehrlich sein 

Nach einigen Anrufen beim Fundbüro, an das ich schöne Erinnerungen habe, weil es mir mal eine verloren geglaubte Jacke und den Anblick vieler erleichterter Menschen beschert hat, sind wir klüger: Beides wurde nicht abgegeben.

Wie fühlt man sich, wenn man so etwas mit nach Hause nimmt, denke ich und finde keine Antwort. Also denke ich lieber an das Vertrauen der Geschäftsinhaber und daran, dass die meisten Menschen ehrlich sein müssen, sonst gäbe es ja dieses Vertrauen nicht.

In meinem Lieblingscafé werde ich kurze Zeit später gebeten, gleich zu bezahlen. Zu häufig sei es vorgekommen in letzter Zeit, dass draußen sitzende Gäste einfach gegangen seien. Das erzähle ich dem Kind nicht. Lieber lesen wir noch einmal die Geschichte von der Fundnudel.