Berlin - Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit mit dem Fahrrad nach Hause fahre, bin ich gespannt, ob er wieder da ist. Ich nenne ihn den Indianer von der Schönhauser Allee. Nachdem ich den Anstieg vom Rosa-Luxemburg-Platz bis zum Senefelder Platz bewältigt habe und mich einfach in Richtung Eberswalder rollen lassen kann, hebe ich den Blick und suche die unterste Fensterreihe des mintfarbenen Wohnblocks kurz vor dem Frannz Club ab. Meistens schaut er dann, die Unterarme auf ein Kissen gelegt, wie früher die Kittelschürzen-Omas mit nix drunter, aus seinem Fenster im Parterre.

Wir grüßen uns freundlich. Mein Indianer hebt die Hand, ich rufe Hallo! Wir kennen uns nicht. Mein Indianer hat seine grauen Haare zum Zopf gebunden und trägt ein Stirnband. Er strahlt die Wärme und Gelassenheit eines Menschen aus, der weiß, dass er sich am rechten Platz befindet.

In der dunklen Fensterhöhle kann ich einen Ausschnitt seines Zimmers sehen. Ich bin immer schnell vorbei, deswegen übernehme ich keine Gewähr über die Exaktheit meiner Eindrücke.

Ganz sicher aber ist, dass mein Indianer ein großes Peace-Zeichen an seine Wand gemalt hat. Die Wände sind bunt wie ein Batik-Shirt, ich glaube, es gibt viele Bücher.

Mein Indianer ist scheinbar alterslos 

Im Winter, wenn es schon dunkel ist und in seinem Zimmer die Lampe leuchtet, sieht man ihn auf und ab gehen, er sortiert Dinge, ist beschäftigt. Wenn die Rollläden zu seiner Wohnung heruntergelassen sind, bin ich enttäuscht. Doch angehalten habe ich noch nie.

Viel lieber fahre ich lächelnd weiter und erinnere mich, wie wir in den 90er-Jahren aus abgebrochenen Mercedes-Sternen Ketten mit dem Friedenszeichen bastelten. Wie wir an einem ersten Mai an der Schönhauser Ecke Sredzkistraße standen und die Polizisten einen Kessel einrichteten. Endlich war mal was los und die Mischung aus Angst und Abenteuerlust, die wir damals spürten, rührt mich noch heute.

Mir gefällt der Gedanke, dass mein Indianer, der scheinbar alterslos ist, schon damals das Geschehen aus seiner Höhle, in der es ganz bestimmt nach Räucherwerk riecht, beobachtet. Vielleicht war er schon immer dabei.

Ich bin unschlüssig, ob ich den Alltagszauber, den seine regelmäßige Anwesenheit hervorruft, zerstöre, indem ich ihn nach seiner Geschichte frage. Lieber würde ich in Gedanken noch eine Weile all unsere Möglichkeiten durchspielen. Doch was, wenn er eines Tages in die ewigen Jagdgründe umzieht, oder nach Wuppertal.