Plötzlich gibt es drei Gruppen von Erwachsenen. Zwei davon mag der Junge nicht. Nicht die „Flüsterer, die nicht mehr normal mit einem sprechen und einen immer ganz seltsam anschauen und über den Kopf streicheln und Sachen sagen wie: ‚Das arme Kind!‘ oder ‚Er war doch noch so jung.‘“

Und auch nicht die Grinser, denn „die machen immer Spaß mit einem und wollen lustig sein und sind ganz laut. Sodass es peinlich ist“. Am größten ist die dritte Gruppe. Egon nennt sie „die Armee der Sprachlosen“. Die Sätze des Jungen entstammen dem Buch „Für immer“ von Kai Lüftner. Es ist ein Buch über den Tod.

Kinder stellen Fragen

„Es ist eben schwer, darüber zu sprechen. Dabei ist es so einfach: Papa kommt nie mehr wieder. Er ist weg. Für immer.“ Der Junge ist klein. Aber nicht zu klein, um zu verstehen. Diesen Riesen, das unbekannte schwarze Nichts, das viele von uns fürchten. Das wir fernhalten wollen, von uns und von unseren Kindern. 

Die Kinder aber fürchten den Tod nicht. Sie fragen. Sie sind neugierig. Sie spielen. In Ole Könneckes urkomischem Buch „Anton und die Spielverderber“ legt sich ein Kind nach dem anderen aus Protest gegen irgendjemanden oder irgendetwas auf die Wiese und schließt die Augen. Bis alle „tot“ sind. Ja, und nun?

In „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson gründen drei Kinder eine „Beerdigungen AG“ und bestatten mit Feuereifer diverse Tiere. Was fröhlich mit einer Hummel beginnt, endet sehr andächtig mit einer Amsel. „Wir wurden alle von einer großen Heiligkeit ergriffen. Trauer, Trauer, wie ein schwarzes Tuch über der Lichtung.“ Wie kommt es, dass man das Buch so getröstet zur Seite legt?

Bilder aus Tränenpfützen

Weil die Kinder nicht in ihrer Trauer erstarren. „Am nächsten Tag machten wir dann etwas ganz anderes“, lautet der Schluss. Anders als Erwachsene, deren Trauer in Phasen abläuft und die oft mit dem Durchschreiten eines breiten Flusses verglichen wird, trauern Kinder „in Pfützen“, wie es viele Experten nennen.

Sie springen hinein und wieder hinaus. Werden vom Kummer geschüttelt und wollen kurze Zeit später spielen. Weinen und haben dennoch Appetit. Verkriechen sich stumm und haben tausend Fragen. Ist Vater jetzt im Himmel? Sieht er mich? Ist so ein Sarg nicht ungemütlich? Könnte man den Toten nicht eine Nackenrolle mit hineinlegen? Wie sieht der Tod aus?

Im Klassiker „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch sieht das Totenkopfmännlein  im karierten Kittel mit seinen großen Kulleraugenhöhlen fast niedlich aus. In „Da bin ich“ hingegen spart der Autor und Zeichner Friedrich Karl Waechter nicht mit Schrecklichkeiten. Eine Katze wird vom Hai geschluckt. Der ist aber satt und spuckt die Katze in ein Wrack, um sie später zu verspeisen. Dort findet die Katze den Revolver eines anderen Opfers. Erschießt den Hai, isst ihn auf und steht am Ende winzig vor der Tür des Lesers. „Du machst mir auf.  Wie schön. Da bin ich.“

Dieses Buch ist eines der beliebtesten in den Koffern von Karl Griese – bei den Kindern.  Karl Griese war lange Jahre Pfarrer der Trauerberatungsstelle des Kirchenkreises Tempelhof und hat 2009 begonnen, eine Bilderbuchsammlung zusammenzustellen. Die Ausstellung, die man auch ausleihen kann, lädt zum gemeinsamen Blättern, Lesen und Sprechen ein. Jeder sucht sich ein Buch aus und stellt es später vor.

Ein Angebot nicht nur für Kinder. Denn auch Erwachsenen fällt es mit einem Kinderbuch in der Hand oft leichter, sich dem Thema zu nähern. Bücher ermöglichen Distanz. „Es ist ja nur ein Buch“, sagen sich viele und überschreiten die Schwelle der Sprachlosigkeit, berichtet Griese. Wichtig ist dabei die Freiwilligkeit. Wer sich auf die Ausstellung einlässt, darf sein Buch selber finden „oder sich finden lassen“. Man darf sich aber auch verweigern. Für die Beschäftigung mit dem Tod gilt, was auch für die Trauer oberstes Gebot ist: Es ist alles erlaubt.

Griese erzählt von einem Jungen, der viele Wochen bei seiner Oma im Bett schlief nach dem Tod des Opas. Beiden war die Nähe ein großer Trost – und wichtig für den Jungen, dessen Mutter sehr beschäftigt war mit dem Verlust und kaum Kraft hatte, das Kind zu trösten. „Es müssen nicht die Eltern sein, die ein Kind auffangen. Wichtig ist, dass jemand da ist“, sagt Griese. Dass Rituale bestehen bleiben. Dass der Trauer Raum gegeben wird.

Ein Mädchen erzählte, sie habe mit der Mutter gemeinsam die tote Großmutter gewaschen. „Es erstaunt mich immer wieder, wie viel die Kinder wissen und kennen“, sagt Griese. Von einem Besucher habe er gelernt, dass Urnen für Seebestattungen aus Salzteig sein müssen, damit sie sich auflösen und nicht in den Netzen der Fischer landen. Karl Griese wurde im Sommer in den Ruhestand verabschiedet, seine Bilderbuchsammlung aber bleibt bestehen.

Fantasie hilft

Kinder wissen, ahnen – und wenn sie etwas nicht wissen können, weil es niemand weiß, springt ihre Fantasie an. „Einmal berührt Xiao Le zärtlich Mamas Schulter und sagt: ‚Nicht weinen! Deine Mama ist mit ihrer Mama im Himmel Tee trinken gegangen.‘“

Die Szene aus dem märchenhaft schönen Band „Oma trinkt im Himmel Tee“  von Fang Suzhen/Sonja Danowski zeigt, warum es so oft heißt, Kinder seien tolle Tröster. „Sie nehmen die Erwachsenen mit in ihre mystische Welt“, sagt Griese. Gerade Großeltern sind dafür offen; aber auch verwitwete oder verwaiste Eltern dürfen diesen Trost ruhig annehmen.

In „Annas Himmel“ von Stian Hole ist es der Vater, der um seine Frau trauert. Der kleine Dialog erzählt von der ganzen Kraft dieses außergewöhnlichen Buches: „Heute lässt da oben jemand Nägel vom Himmel regnen. Das sollte so nicht sein, sagt Papa. Nein, flüstert Anna, aber morgen sind es vielleicht Erdbeeren und Honig.“

"Jetzt ist es mal gut mit dem Traurigsein!"

Anna nimmt ihren Vater mit auf eine fantastische Reise. Kurz vor der Beerdigung, vor der er sich so fürchtet, sagt er: „Ich bin froh, dass du mich mitgenommen hast. Aber wie kommen wir wieder nach Hause?“ Anna antwortet: „Wir machen es wie die Katze, wenn sie aus dem achten Stock fällt. Sie dreht sich um und landet auf ihren Pfoten.“

Pfarrer Griese sagt: „Kinder sind auch wegen ihrer Bedürfnisse gute Tröster. Sie sagen dann: Jetzt ist es mal gut mit dem Traurigsein. Jetzt spielen wir.“ Das In-Pfützen-Trauern, es bewahrt nicht nur sie selbst vor dem bodenlosen Fall. Es ist ein Segen, auch für die Erwachsenen. Denn  wie der anfangs genannte Junge weiß: „Es gibt keine Tabletten gegen das ‚Für immer‘.“

Leben im Hier und Jetzt

Zum Glück aber gibt es diese Bücher. Sie sind Vorbereiter und Begleiter. Weil sie uns Bilder schenken, in denen wir sprechen und trösten können. Wenn man sie ansieht, fragt man sich: Warum haben wir solche Angst vor dem Tod, vor den Fragen der Kinder? Griese hat die Antwort schon oft gehört: „Wenn ich Kinder frage, warum ihre Eltern sich fürchten, sagen die: Ist doch klar, die sind ja älter. Sie sind näher dran.“

Eine gute Erklärung. Der Pfarrer sieht noch einen anderen Grund. Der Tod entzieht sich unserer Kontrolle. Wir planen, organisieren, schließen Versicherungen ab. Aber „das Leben lässt sich nicht versichern. Es gibt keine Lebensversicherung“.

Kinder schauen nicht in die Zukunft. Sie leben einfach. Wie „Die schlaue Mama Sambona“ im Buch von Hermann Schulz/Tobias Krejtschi. Die alte Königin der Insel Ukerewe denkt nicht daran zu sterben. Zwei Mal wimmelt sie den Tod ab. Beim dritten Besuch tanzt er mit ihr, „und das gefiel ihm so gut, dass er alles andere darüber vergaß“.