Der Christopher Street Day findet aufgrund der Corona-Pandemie vor dem Laptop im Live-Stream statt.
Die Veranstalter sind vlnr. Lutz Ralph Ehrlich Ermster,Jasmin Semken, Dana Wetzel Foto: Jan Karon

BerlinDer CSD findet in diesem Jahr digital auf Computerbildschirmen statt. Wie muss man sich das vorstellen?

Dana Wetzel: Wir planen zahlreiche Außenaktionen in Berliner Kiezen. Wenn das geschieht, rückt unser Videoteam aus und überträgt die Aktionen live. Diese Fragmente werden wir mit einem vorproduzierten Video vermischen: Die Bandbreite reicht von kleinen Filmen und Grußworten über Comedy und Gesang bis hin zu Reden, Sketchen und Panel-Diskussionen. Auch die Soul-of-Stonewall-Awards, also die Preise, die wir jedes Jahr an nationale und internationale Menschen vergeben, werden wir dieses Jahr verleihen. Wir orientieren uns soweit es geht an dem Konzept, wie der CSD regulär abgelaufen wäre: mit einem Demoteil und einer Abschlusskundgebung mit Finalteil. Nur dass wir dieses Jahr eben nicht laufen können.

Der CSD läuft dann im Internet-Stream statt über den Kurfürstendamm?

Ralph Ehrlich: Ja, wobei das Internet ein weiter Begriff ist. Wir werden live auf YouTube, Twitch, auf Facebook, Instagram und unserer Website senden. Dazu kooperieren wir mit Alex TV und einer Radiostation, sodass wir auch Menschen erreichen, die keine digital natives sind.

Kann man sich auf den CSD überhaupt freuen, wenn er durch die Corona-Pandemie nur dermaßen eingeschränkt stattfinden kann?

Ehrlich: Es gab einen ersten Schockmoment. Als wir uns im Oktober im Vorstand aufgestellt, alles geplant und Verträge abgeschlossen haben, gab es viel Tatendrang. Dann kam im März Corona, alles musste gestoppt und neu gedacht werden. Wir waren niedergeschlagen. Nach kurzer Zeit haben wir uns dann aber bewusst entschieden, den CSD nicht abzusagen – sondern ihn online durchzuführen, als coronakonformen CSD sozusagen. Heute sagen wir: Wir veranstalten noch immer eine Demonstration, aber eben auf eine Art und Weise, die hygienesicher, ortsfest und digital ist.

Haben Sie sich nicht überlegt, doch zu laufen, nachdem sich 20.000 Menschen am Alexanderplatz zu der „Black Lives Matter“-Demonstration einfinden durften?

Jasmin Semken: Man muss vielleicht mal mit einem Mythos aufräumen: Wir dürften ja regeltechnisch laufen, aber wir haben uns mit Absicht dagegen entschieden. Wir haben in unserer Stadt und in unserer Community sehr viele HIV-positive Menschen, wir haben an Krebs erkrankte Menschen – und wollen diese Risikogruppen schützen.

Ehrlich: Vielleicht muss man dazu sagen: Der CSD ist zwar politisch, aber von seiner Natur aus ein Event, das auf Körperkontakt aus ist. Wir feiern, was wir erreicht haben, wir feiern die Liebe. Wir sehen alte Freunde aus dem In- und Ausland wieder. Dazu gehört, dass man sich umarmt und ein Küsschen dazu gibt. Das ist der Unterschied zu #unteilbar oder „Black Lives Matter“. Wenn da Emotionen mit im Spiel sind, lässt die Vernunft manchmal einfach nach – und wir gefährden einander.

Lutz Ermster: Wir wollen nicht, dass unsere politischen Forderungen dadurch zunichte gemacht werden, dass hässliche Bilder entstehen und sich alle nur fragen, warum keine Abstände eingehalten worden sind. Deshalb wird es nur einzelne Aktionen auf der Straße geben. Wir wollen es also kontrolliert, dezentral in verschiedenen Kiezen und über einen gewissen Zeitraum machen und im Live-Stream bündeln.

Der CSD ist ja durchaus kostspielig. Durch die Coronakrise fallen auch viele Gelder weg. Wie kompensieren Sie das als Veranstalter?

Wetzel: Ein  normaler CSD kostet eine halbe Million Euro. Das finanziert sich ausschließlich über Wagengelder, Sponsoring und die Gastronomie, wo wir anteilig etwas erhalten. Davon müssen wir sowohl den CSD finanzieren als auch Mitarbeiter und Miete für unsere Räume bezahlen. Dieses Jahr ist alles weggebrochen: keine Trucks, keine Einnahmen aus der Gastronomie – und was die Sponsoren gemacht haben, als Corona ausbrach, kann man sich denken. Wir versuchen sie jetzt wieder zurückzugewinnen. Und auch wenn wir dieses Jahr keine Rettungswagen, Security, Absperrungen, Bühnen oder Bezirksamt für die Geländenutzung haben, bleiben ja die laufenden Kosten.

Die Corona-Pandemie hat ja nicht nur Sie als CSD-Veranstalter hart getroffen, sondern war für die gesamte LGTBQI-Community ein Schock, oder?

Ermster: Die Auswirkungen auf unsere Community waren verheerend. Durch geschlossene Clubs fehlen nicht nur Orte der Begegnung, sondern auch Schutzräume. Die Wirte kämpfen ums Überleben. Für viele queere Menschen fallen Kontaktmöglichkeiten weg. Und dann gibt es da noch Probleme mit der Sichtbarkeit generell – in Zeiten der Pandemie ist unsere Community im Stadtbild nicht mehr wiederzufinden.

Ehrlich: Richtig. Viele LGTBQI führen in Berlin ja eine Art Doppelleben. Das sind Mitarbeiter in Firmen, die am Abend zu Künstlern und Künstlerinnen werden. Dann folgen die großen Umkleiden und nicht selten Auftritte für ein Comedy-, Musik- oder Kunstprogramm. Das sind kleine Einnahmen, paar hundert Euro – aber bei manch einem fehlen die jetzt komplett. Gerade diesen Künstlern von Tingeltangelbühnen wollen wir im Digitalen nun eine kleine Bühne geben. Das ist keine große Gage, aber immerhin eine Plattform.

Seit Beginn des CSD verbesserte sich die Lebensrealität der LGTBQI zum Besseren, ob bei der Akzeptanz von Homosexuellen, der Gleichstellung der Ehe oder dem Fortschritt im Kampf gegen Aids und HIV. Welche Entwicklungen sehen Sie als Veranstalter als problematisch?

Semken: Wenn ich mit meiner Freundin in der U-Bahn sitze und Dreckslesbe genannt werde, dann ist das ein Riesenproblem. Und dazu ist es auch problematisch, wenn dann ganz oft die Zivilcourage von anderen Mitmenschen fehlt, die Stimme zu erheben.

Ehrlich: Gerade rechte Tendenzen schüren den Hass, von denen hört man immer wieder, dass wir jetzt die „Ehe für alle“ haben und wir die Schnauze halten sollen. Aber das Problem ist europäisch: In Polen gab es vergangenes Jahr LGTBQI-freie Zonen, das ist direkt vor unserer Haustür. Oder schauen Sie nach Ungarn und Russland, dort sind wir noch meilenweit vom Status Quo in Deutschland entfernt.

Ermster: Man darf auch nicht vergessen, welchen Einfluss die AfD hat. Es gibt ja die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Dort haben Parteien meist einen Sitz. Und dort versucht die AfD etwa Nicole Höchst reinzubringen, die dafür bekannt ist, dass sie homophob ist. Das schafft ein ganz bestimmtes Klima. Dann haben wir in Deutschland ein höchst problematisches Transsexuellen-Gesetz, das Menschen pathologisiert und diskriminiert. Oder nehmen Sie die rechtliche Situation für lesbische Mütterpaare, die Kinder adoptieren wollen.

Ist vor diesem Hintergrund ein digitaler CSD, der die politischen Forderungen in den Vordergrund rückt, eine Chance?

Ermster: Dem CSD wird ja immer ein bisschen Kommerz vorgeworfen. Das ist ja auch nicht ganz falsch: Zu dem Tag gehören ja das Feiern, der Alkohol, die Lebensfreude und die Liebe. Hier liegt aber vielleicht die große Chance des digitalen CSD: Die Botschaften werden nachhaltiger und umfangreicher vermittelt, sie stehen im Vordergrund.

Ehrlich: Und es ist auch spannend, dass sich dieses Jahr ein Kreis schließt. Ich spiele hier bewusst auf die „Black Lives Matter“-Demos an. Der Ursprung des ersten CSD in New York 1978 war ja der Riot-Aufstand, der maßgeblich von Dragqueens, Latinos und Black People ausging und sich gegen Polizeigewalt richtete. Deshalb war Antirassismus auch immer in der DNA der Pride. Ich glaube in der LGTBQI-Community ging es immer darum, gegen Rassismus zu kämpfen.

Ist das auch ein Thema, das Sie selbstkritisch innerhalb der eigenen Community diskutieren?

Ehrlich: Absolut. Die LGTBQI-Community, das darf man nicht vergessen, ist ein Querschnitt der Bevölkerung. Auch innerhalb unserer Szene gibt es Probleme mit Diskriminierung, auch da gibt es Rechte, auch da gibt es Kriminelle, religiöse Fundamentalisten und ja, auch Rassisten. Nur weil wir selbst eine Minderheit darstellen, heißt das nicht, dass wir fehlerfrei sind.

Wetzel: Vorurteile gibt es immer wieder: Als bisexuelle Frau, die mit einem Mann verheiratet ist, kriege ich von der LGTBQI-Community ständig gesagt, ich sei ja gar nicht richtig homosexuell.

Trotz aller Probleme: Ist der CSD vielleicht auch eine Erinnerung, dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles in die richtige Richtung entwickelt hat?

Semken: Das finde ich auch. Wenn ich dann den ganzen Kudamm runterlaufe zum Ende der Parade und dann im Radio höre: Mehr als eine Million Menschen war da. Da kriege ich Gänsehaut. Guck mal, wie viele wir sind. Wenn ich dann die alten Ehepaare sehe, die an der Tauentzienstraße einkaufen gehen, sich für uns freuen und mit uns austauschen – das ist die politische Dimension, das ist ein gesellschaftliches Statement.

Ermster: Ich erinnere mich an einen jungen schwulen Mann beim CSD mit einem traumhaften Kostüm, der war als Tulpe da und hatte seine Mutter mitgebracht. Und mich hat das damals so gefreut, dass plötzlich nicht nur Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle beim CSD mitlaufen. Dieses Integrative sehen wir als sehr positiven Aspekt – und da kann man auch eine Lanze für die Feierkultur brechen, wenn sie den Weg ebnet für reale Verbesserung.

Ehrlich: Also wenn man bisschen über den Tellerrand guckt, hat sich in Deutschland einiges bewegt. Dieses Eingeständnis, diese Demut täte uns auch mal bisschen gut. Wir erhalten hier auch E-Mails aus Russland von Menschen, die Angst um ihr Leben haben. Ich war beim Istanbul Pride, da sind vollmontierte Polizisten mit Panzern und Wasserwerfern durch die Pride gebrettert. Die wurde mehr oder weniger aufgelöst. Dann fällt mir immer wieder ein: Ralf, manchmal meckerst du auf ziemlich hohem Niveau. Das hat nichts damit zu tun, dass ich was kleinreden möchte – und es gibt viel zu tun –, sondern damit, dass man sich daran erinnern muss, dass man eigentlich viel erreicht hat.

Christopher Street Day

  • Der Christopher Street Day als Fest- und Demonstrationstag von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transpersonen findet seit 1970 statt. Damals begehrte die LGTBQI-Szene in New York gegen Polizeigewalt und Rassismus auf.
  • International hat sich in vielen Ländern der Name „Pride“ für die Parade durchgesetzt. In Berlin hingegen spricht man noch vom Christopher Street Day. 1979 fand die Parade erstmals in der deutschen Hauptstadt statt.
  • Er lockt mehr als eine Million Menschen nach Berlin, die 2016 laut eines Berichts 217 Millionen Euro in der Stadt Berlin ausgaben.
  • Die größten Umzüge im deutschsprachigen Raum finden in Köln und Berlin statt.
  • Dana Wetzel, Ralph Ehrlich, Jasmin Semken und Lutz Ermster sitzen im Vorstand des CSD. Sie organisieren die Parade ehrenamtlich.