Benjamin Tietz mit Sohn Paul
Foto: Sabine Gudath

BerlinIn den vergangenen Tagen sind etliche Texte über Mütter erschienen, die die coronabedingten gestiegenen Belastungen zwischen Homeoffice, Home Schooling und Kleinkindbetreuung beschrieben haben. Aber von den Vätern las man wenig. Keine Zeit? Überfordert? In der vergangenen Woche erschienen zwei Studien, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa für die Kaufmännische Krankenkasse durchgeführt hat. Man kann die Ergebnisse so zusammenfassen: Waren die Väter vor der Krise eher vom Job genervt, sind sie es seit Beginn der Einschränkungen eher von den Kindern.

42 Prozent der im April und Mai befragten Männer mit Kindern unter 18 Jahren gaben an, wegen der Erziehung und Betreuung der Kinder unter Stress zu stehen. 36 Prozent empfanden den Job als stressig. Im November hatte noch fast die Hälfte aller Väter über hohe Belastungen im Beruf oder in der Ausbildung geklagt, nur ein Drittel fühlte sich von den Kindern gestresst. Vielleicht hatten die Männer vor dem Beginn der Corona-Krise eher die Möglichkeit, den Kindern aus dem Weg zu gehen. Man kennt sie ja aus dem Berufsalltag: die männlichen Kollegen, die am Schreibtisch warten, bis die Kinder im Bett sind. Von anderen Kollegen ahnte man nicht einmal, dass sie Kinder haben oder sich für Familienpolitik interessieren. Jetzt sind sie diejenigen, die am lautesten nach Kita- und Schul-Öffnungen rufen.

Wie geht es den Vätern in der Corona-Krise? Leiden sie auch unter Mental Load, Überlastung? Hier erzählen zwei Männer.

Andy Räder, 42 Jahre alt, Medienhistoriker, Berlin-Mitte

Als die Kitas geschlossen wurden, war klar, dass ich überwiegend die Betreuung unserer Söhne übernehmen würde. Sie sind vier und sechs Jahre alt. Ich bin als Unidozent flexibler und im März waren sowieso noch Semesterferien. Meine Frau und ich arbeiten in Vollzeit, sie in der PR-Abteilung eines großen öffentlichen Unternehmens. Normalerweise verlässt sie morgens um acht Uhr das Haus und kommt abends um 19 Uhr wieder. Danach setze ich mich für den Rest des Abends an den Schreibtisch. Ich pendele während des Semesters für zwei, drei Tage in der Woche nach Rostock an die Uni, da springen sonst die Großeltern regelmäßig ein. Aber das fiel coronabedingt nun weg.

Ich bin in der Zeit schon an meine Belastungsgrenzen gekommen. Ich habe versucht zu arbeiten, aber ich wurde von den Kindern immer wieder unterbrochen. Man schafft es, nebenher ein paar E-Mails zu beantworten, aber mehr nicht. Ich habe Telefonkonferenzen versucht mit den Jungs im Hintergrund, aber das ging auch nicht wirklich gut. Und wenn die Kinder dann ruhig gespielt haben, habe ich lieber schnell die Wäsche gemacht. Oder anderes, das liegengeblieben ist. Man ist dauernd zerrissen, zwischen Haushalt, den Bedürfnissen der Kinder und dem schlechten Gewissen dem Arbeitgeber gegenüber.

Meine Frau hat in den ersten Wochen der Maßnahmen überwiegend Homeoffice gemacht, das heißt: von morgens bis abends Telefon- und Videokonferenzen. Einmal saßen wir beim Mittagstisch, und im Hintergrund lief ihre Telko mit hundert Kollegen in der Leitung – das war mir zu viel, da wurde ich ungeduldig.

An manchen Tagen musste meine Frau ins Büro. Ich war etwas neidisch, dass sie unsere eigenen vier Wände verlassen konnte.

Mich nervt, wenn im öffentlichen Diskurs so getan wird, als wären nur Frauen überlastet und „die“ Männer würden nichts tun. Ich fühle mich angegriffen. Das ist viel zu pauschal. Für mich ist das keine Geschlechterfrage, sondern eine Frage der Arbeitsteilung. Mir wäre es wichtig, dass man von der Belastung der Eltern spricht.

Andy Räder
Foto: Privat

Ich weiß nicht, ob es bei der Arbeitsverteilung zu Hause eine Rolle spielt, ob man Ostdeutscher oder Westdeutscher ist. Also, ob Ostmänner sich eher einbringen. Ich bin ostsozialisiert, aber mit der traditionellen Arbeitsverteilung aufgewachsen, meine Mutter hat acht Stunden gearbeitet und danach noch den Haushalt geschmissen. Wenn meine Eltern zum Kindergeburtstag ihrer Enkel kommen, gehen sie automatisch davon aus, dass meine Frau den Kuchen gebacken hat. Sie können sich nicht vorstellen, dass ich sowas auch mache. In meiner Generation hat sich etwas verändert. Ich kenne viele Väter, die sich die Kinderbetreuung und den Haushalt mit ihrer Partnerin teilen. Da sind auch Wessis dabei.

Bei uns hat sich die Arbeitsaufteilung so ergeben. Am Anfang hat sich meine Frau mehr gekümmert, ich war beruflich mehr involviert. Aber dann bekam sie ein sehr gutes Jobangebot. Es war dann die pragmatische Lösung, dass ich derjenige sein würde, der mehr Zeit mit den Kindern verbringt. Wir haben nicht explizit darüber geredet, was das für meine beruflichen Aussichten heißt. Aber klar, karrieretechnisch bin ich derjenige, der derzeit zurücksteckt. Darüber denke ich nach. Aber einer muss ja zurückstecken, und warum sollte es immer die Frau sein? Ich würde mir wünschen, dass die Arbeitswelt sich stärker den anderen Familienmodellen anpassen würde. Die 40-Stunden-Woche mit einem Alleinverdiener - das gibt es doch kaum noch.

Klar, die Diskussionen darüber, wer macht wann was, wer macht mehr, wer hat mehr Freizeit, die hatten wir schon vorher. Oder ich war gelegentlich genervt, wenn meine Frau um 19 Uhr nach Hause kam und erst mal anfing, mir hinterher zu räumen, statt mit den Kindern zu spielen. Aber das sind normale Konflikte. Corona hat uns da eher zusammengeschweißt, weil wir wissen, dass wir als Team funktionieren und aufeinander angewiesen sind.

Es gibt auf Twitter auch eine Aktion - #CoronaElternRechnenab-, bei der Eltern ihre Betreuungsarbeit dem Staat in Rechnung stellen. Ich kann damit nicht so viel anfangen, ich brauche keine Soforthilfen, ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit für das, was Eltern leisten. Dazu hätte die Politik doch auch einmal was sagen können. Mein größter Schock kam, als die Experten von der Leopoldina sagten, die Schulen und Kitas müssten bis August geschlossen bleiben. Das hat mich sehr wütend gemacht. Seit einigen Tagen gehen unsere Söhne wieder in die Kita, zur Notbetreuung. Sonst würde ich mich auch nicht um meine Studenten an der Uni kümmern können.

Benjamin Tietz, 35, Manager in einem Start-up, Berlin-Lichtenberg

„Ich bin bei uns der Hauptversorger, meine Frau arbeitet seit der Geburt unseres Sohnes 25 Stunden Teilzeit als Projektmanagerin. Ich bin als Führungskraft in einem Start-up mit 30 Mitarbeitern tätig, wir haben zwei neue Großprojekte, wir expandieren, da gibt es sehr viel Abstimmungsbedarf. Zu Beginn der Krise haben wir überlegt, ob sie weiter Stunden reduziert, um unseren drei Jahre alten Sohn zu betreuen. Bei ihrem Arbeitgeber ist aber auch viel los, das wäre ungünstig. Ich finde es auch nicht gerecht, wenn man argumentiert, wer mehr verdient, darf mehr arbeiten. Und warum soll sie beruflich immer zurückstecken, nur weil sie weniger verdient? Andererseits profitiert sie auch davon, dass wir ein gutes Familieneinkommen haben. In unserem nächsten Umfeld sind es eher Frauen, die jetzt die Kinderbetreuung übernehmen. Frauen kommen da in so einen Teufelskreis: Sie sind meist länger in Elternzeit, arbeiten wegen der Kinder Teilzeit, bekommen dadurch seltener Personalverantwortung und weniger Aufstiegschancen. Klar geht das auch mit weniger Einkommen einher, und dann ist es in der Folge leichter, auf ihren Teil des Einkommens zu verzichten.

Es hat sich dann so eingepegelt, dass wir in Schichten halbtags arbeiten, sie arbeitet vormittags, dann betreue ich meinen Sohn und mache Mittag, ab 13.30 Uhr gehe ich ins Arbeitszimmer. Ich hänge oft den ganzen Nachmittag in Telefon- und Videokonferenzen. Eigentlich reicht die Zeit aber nie, so dass ich immer noch nachts arbeite, wenn mein Sohn schläft. Manchmal muss ich Kundengespräche am Vormittag führen, während meiner Betreuungszeit, dann gebe ich meinem Sohn das iPad. Ich mache das ungern, und ich habe dabei ein schlechtes Gewissen, weil er eigentlich nicht so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen soll.

Unser Sohn ist ein Mama-Kind. Am Anfang ist er morgens dauernd zu ihr ins Arbeitszimmer gerannt, er hat nicht verstanden, warum er nicht zu ihr darf, obwohl sie doch in der Wohnung ist. Meine Frau ist jedes Mal aus ihrer Arbeit herausgerissen worden, das hat für Konflikte gesorgt. Am besten ist es, wenn wir – mein Sohn und ich - zusammen rausgehen. Ich verbringe viel mehr Zeit mit meinem Sohn als vorher, wir haben gemeinsam neue Ecken in unserem Kiez erkundet, wir haben mehr gemeinsame Erlebnisse. Das genieße ich. Andererseits spüre ich den Druck der Arbeit: Jede Minute ist verplant, und wenn meine Frau nicht pünktlich um 13.30 Uhr unseren Sohn übernimmt, dann werde ich unruhig. Ich schlafe sehr wenig und leide stärker an Migräne. Ich verstehe besser als vorher, wie zerrissen sich Frauen zwischen Job und Kind fühlen müssen.

Wir sind beide nicht systemrelevant und wissen nicht, wann unser Sohn wieder in die Kita darf. Hoffentlich im Juni oder Juli. Er vermisst andere Kinder, ihm fehlt die Interaktion, auch die Reibung. Das merkt man, das bekommen wir dann ab, es gibt viele Konflikte und ich bin öfter auch genervt, das muss ich zugeben. Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt rufen: Kita auf. Aber mich ärgert, dass wir so gar nichts aus unserer Kita in den vergangenen acht Wochen gehört haben. Andere Eltern berichten von virtuellen Morgenkreisen oder Bastelanleitungen, die verschickt wurden. Bei uns kam nichts. Eltern mit älteren Kindern berichten von Lehrern, die einfach untergetaucht sind. Da frage ich mich schon: Wieso schlafe ich jede Nacht nur fünf Stunden? Muss unser Sohn dann wieder neu eingewöhnt werden?

Ich habe Angst vor einer zweiten Welle, mit einem neuen Lockdown, denn sehr viel länger halten wir das, wie wir es jetzt machen, nicht durch. Meine Frau ist schwanger, unser zweites Kind kommt im Oktober. Wie lange ich Elternzeit nehme, weiß ich noch nicht.