Berlin - An einem Dienstagnachmittag, als alles ganz ruhig war, drinnen im Heim und draußen auf der Bölschestraße, da saß die Leiterin für Soziale Betreuung Denise Grytzka mit zwei Bewohnern im Aufenthaltsraum. „Wir redeten und bastelten was mit Papier“, sagt Grytzka, „da kam eine Frau und wollte sich einen Tee holen.“ Sie setzte sich mit Abstand dazu — und nach und nach kamen immer mehr. „Am Ende waren wir zu siebt in einem Raum“, sagt Grytzka und schüttelt den Kopf, „irre, für einen kurzen Moment war es fast wie früher.“

Im ProCurand Pflegeheim in Friedrichshagen könnte dieses „früher“ eigentlich heute schon wieder gelten. Denn alle 100 Bewohner sind gegen Covid-19 geimpft, bis auf sechs. Drei liegen im Sterben, zwei sind stark dement und bei einem könnte die Impfung die Gesundheit beeinträchtigen. Die 89 Mitarbeiter haben zu einem großen Anteil ebenfalls die zweite Impfung erhalten, allen voran Matthias Küßner, der Heimleiter. Man könnte sagen, das Heim in der Bölschestraße erlebt bereits die Zukunft. Doch weil sie zu schnell sind, weil noch nicht klar ist, wie die Regeln oder Sonderrechte mit Impfung aussehen werden, gelten noch die Regeln der Pandemie: Abstand, Maske, Hände waschen.

Die Bölschestraße ist die Hauptader von Berlin-Friedrichshagen. Wie ein H schmiegt sich der dreistöckige Neubau an die Straße, die früher einmal Friedrichstraße hieß. Es gibt Geschäfte links und rechts, Bäcker und Fleischer. Straßenbahnen klingeln, wenn sich die Fahrer im Führerhaus erkennen. Mit seinen 19.000 Einwohnern ist der Ort auch in der Pandemie besonders. Der Anteil älterer Menschen ist höher als in Restberlin, doch die Zahl der Corona-Infizierten blieb bisher gering. Und während von den 2200 Berliner Corona-Opfern mehr als die Hälfte in Pflegeheimen starb und aus 310 der 380 Heime Infektionen gemeldet wurden, ist Küßners Heim bislang  ohne Infektion durch die Krise gekommen.

Matthias Küßner, groß, schwarzer Pulli, ist ein zupackender Mann. Sätze beginnt er gerne mit „Wie jesacht“, auch, wenn er etwas zum ersten Mal erzählt. Auf seinen Erfolg angesprochen, wiegelt er ab: „Ich will damit  keine Werbung machen.“ Und zum Feiern sei das auch kein Grund. „Wir hatten auch Glück hier“, sagt er. Und: „Mein ganzes Team hat mitgezogen.“

Foto: Berliner Zeitung / Carsten Koall
Heimleiter Matthias Küssner, 48, und Denise Grytzka, 41, Leiterin der sozialen Betreuung, vor dem Haupteingang des Pflegeheimes in Friedrichshagen. 

Vor einem Jahr, im Februar, als es in Deutschland losging, kam er gerade aus dem Urlaub zurück. Drei Wochen Philippinen, Rückflug über Hongkong. „Über Lautsprecher wurde durchgesagt, dass schwere Strafen für diejenigen gelten, die keine Maske tragen.“ Die Panik der Menschen, die Sicherheitsabstände, die Schilder. Das hat ihn beeindruckt, sagt er. „Da kann man gar nicht anders, als diese Krankheit ernst zu nehmen.“

In Berlin wurde der erste Infizierte am 2. März festgestellt, ein paar Tage später, am 13. März, schlossen Küßner und die Unternehmensleitung das Heim für Besucher, rund einen Monat vor vielen anderen in Berlin. Bewohner durften nur noch in den Innenhof und auf den Balkon, mussten sonst jedoch auf dem Gelände bleiben. Es gab Krisensitzungen, in denen sich der Heimleiter der Rückendeckung durch den Träger vergewisserte. Seine festangestellten Mitarbeiter wies er an, auch in der Freizeit ihre Kontakte zu beschränken. Freie Mitarbeiter hatte er seit kurzem sowieso nur noch wenige, auch das kam ihm nun zugute.

Angehörige bedrohten das Personal 

Das Durchsetzen der Maßnahmen war alles andere als leicht, berichtet er, einige Angehörige zeigten Verständnis, andere warfen ihm Nazi-Methoden vor. „Ein paar Mal habe ich gehört: Wenn ich dich in einer dunklen Ecke treffe“, erinnert sich Küßner. Denise Grytzka sagt, alle Mitarbeiter hätten diese Anfeindungen mitbekommen. „Wir mussten zusammenhalten und haben versucht, den Kontakt irgendwie möglich zu machen.“ Angehörige sprachen durch offene Fenster mit ihren Verwandten. Über iPads wurden Gespräche angeboten.

Mit den Heimbewohnern über diese schwere Zeit zu reden, ist nicht möglich. Eine Bewohnerin dämmert im Aufenthaltsraum vor sich hin, nicht ansprechbar. Eine Besucherin, Claudia Damschen aus Köpenick, sagt, sie erinnere sich nicht gern daran. Die 63-Jährige hat beide Eltern hier im Heim. Sie durfte sie monatelang nicht sehen. „Einmal, da haben wir einen Termin gemacht, zum Winken mit den Enkeln, mehr ging nicht.“ Jetzt im Januar darf sie wieder ihre Eltern sehen, muss sich aber vorher von einem Bundeswehrsoldaten testen lassen, der im Pflegeheim Dienst macht.

Küßner freut sich über die Hilfe der Bundeswehr, und dass sein Heim schon am 27. Dezember zu den ersten gehörte, wo geimpft wurde, lobt er. Allerdings konnte er mit den Briefen und den Verordnungen von der Senatsverwaltung für Gesundheit wenig anfangen. „Zu unkonkret, zu spät und weltfremd“, sagt er heute. Anfang April 2020 empfahl das Amt noch 1:1-Besuche. Da hatte Küßner schon längst das Haus geschlossen. Er sagt: „Hätten wir uns an die Vorgaben aus Berlin gehalten, wäre das nicht so gut ausgegangen, soviel ist sicher.“



Das Video von meiner Impfung habe ich besser gelöscht - wegen der negativen Kommentare.

Matthias Küßner, Heimleiter 

Wenn der Heimleiter außer Hörweite ist, sagen seine Mitarbeiter, dass er derjenige war, der hier vielleicht Leben gerettet habe. Er selbst sagt, dass er oft Zweifel hatte, ob seine Entscheidungen richtig waren. Wenn Mitarbeiter von Tränen bei Bewohnern berichteten, von Einsamkeit und wie ihnen die  Abende vorm Fernseher, die Lesungen, das gemeinsame Essen und Singen fehlten. Wenn es nach ihnen ginge, hier auf der coronafreien Insel mitten an der Bölschestraße, könnten sie jetzt wieder damit beginnen. Aber kaum verlassen sie das Heim, werden sie daran erinnert, dass es noch zu früh ist. 

Drei Risikobegegnungen hatte Denise Grytzka, als sie neulich bei Edeka einkaufte. Heimleiter Küßner sieht, dass auf dem Wochenmarkt manche keine Maske tragen. Und das Video von seiner Impfung auf Facebook hat er schnell wieder gelöscht. „Die Kommentare“, sagt er, „waren mir zu negativ.“