Foto eines Unbekannten von Deportationen aus Amsterdam, Juni 1943.  
Foto:  Beeldbank WO2, 96802.

BerlinMehr als 50.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner wurden von 1941 an mit Zügen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Im März 1945 fuhr der letzte Deportationszug aus Berlin ab; der letzte Zug von mehr als  180. Die Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt, auf den Straßen versammelt und durch die Straßen Berlins getrieben. Den Nachbarn konnte die Verschleppung nicht verborgen bleiben. Und doch kennt man keine Fotos, die das Geschehen dokumentieren.

Mit dem Kriegsende endeten vor 75 Jahren auch die Deportationen. Aus diesem Anlass unternimmt die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz einen Versuch, Fotos ausfindig zu machen und bittet um Unterstützung. „Uns fehlt ein Bild!“, heißt es in dem Aufruf. In vielen Städten verfügten Historiker über Fotos, ja sogar Fotoalben und Filme von den Deportationen: „Was es aus Amsterdam, Brandenburg, Marseille, Warschau und Würzburg gibt, gibt es aus Berlin nicht.“
Ohne Fotos von den Ereignissen sei es schwierig, sich ein Bild zu machen: „Wie sah es aus, als die Jüdinnen und Juden vor den Augen ihrer Nachbarn von Polizisten abgeholt und dann von den Sammellagern in der Levetzowstraße oder der Großen Hamburger Straße zu den Bahnhöfen Anhalter Bahnhof, Grunewald oder Putlitzstraße gebracht wurden? Wir kennen nur Berichte, keine Bilder“, heißt es in dem Aufruf. 

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz bittet alle Berlinerinnen und Berliner, zu Hause in ihren Fotoalben und Fotosammlungen zu schauen: „Gibt es dort vielleicht (auch unscharfe) Fotos von Gruppen von – meist älteren – Menschen, die mehr oder weniger deutlich von Uniformierten bewacht die Straße heruntergehen; auf LKW oder in Straßenbahnen verladen werden? Gibt es vielleicht Bilder von Menschen, die mit Gepäckstücken beladen  vor einem Gebäude, an einer Straßenbahnhaltestelle, an Güterbahnhöfen oder vor Güterwaggons stehen?“

Die Forscher machen darauf aufmerksam, dass ein solches Foto eine Leerstelle füllte: „Es ist für unser Gedächtnis und für unsere pädagogische Arbeit von unschätzbarem Wert“, heißt es in dem Appell. 

In der Villa am Wannsee, in der sich heute die Gedenk- und Bildungsstätte befindet, hatten 15 hochrangige Vertreter der nationalsozialistischen Regierung und der SS am 20. Januar 1942 darüber beraten, wie die Deportation  der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung „in den Osten“ zu organisieren und die erforderliche Koordination sicherzustellen sei. Das Treffen ging als Wannsee-Konferenz in die Geschichte ein.

1941 lebten in Berlin noch etwa 66.000 Juden. In insgesamt 61 sogenannten Osttransporten wurden mehr als 35.000 Berliner Juden deportiert und ermordet. Außerdem gingen 123 sogenannte Alterstransporte mit 15.122 Berliner Juden nach Theresienstadt. Die Transporte wurden vom Anhalter Bahnhof eingesetzt und bestanden aus Waggons, die hinter den regulären Zug nach Prag gekoppelt wurden. Der Transport zum Anhalter Bahnhof erfolgte teils mit Straßenbahnen; zu den anderen Berliner Bahnhöfen mussten die meisten Jüdinnen und Juden gehen.

Der erste Deportationszug rollte am 18. Oktober 1941 von den Gleisen des Bahnhofs Grunewald. Von dort und dem Bahnhof Putlitzstraße erfolgte in den kommenden Jahren der systematische Abtransport der Menschen. Im Grunewald erinnert heute das Mahnmal „Gleis 17“ an die Verschleppten. Dank einer lokalen Inititiave gibt es seit einigen Jahren auch am Gleis 69 des Bahnhofs Putlitzstraße einen Gedenkort.

Viele jüdische Bürgerinnen und Bürger haben sich der Deportation durch den Freitod entzogen. Nur wenigen gelang es, zu fliehen oder unterzutauchen. Als die Rote Armee im Mai 1945 Berlin befreite, lebten noch etwa 7000 Juden in der Stadt, die die NS-Jahre in diversen Verstecken überstanden hatten.

Sollten Sie Aufnahmen besitzen, von denen Sie glauben, es zeige eine Deportation –auch wenn Sie unsicher sind: Bitte fotografieren Sie diese Aufnahmen und schicken Sie sie an sammelaufruf@ghwk.de.