Berlin - Gretchen Dutschke steht vor der großen Steinschale am Arnswalder Platz, eine helle Fellkapuze über dem Kopf und mit der FFP2-Maske vor Mund und Nase kaum zu erkennen. Ein Schild zwischen vielen Kerzen zeigt an diesem Sonntag die Zahl: 47.121. So viele Menschen starben an Corona seit März 2020 in Deutschland.

Gretchen Dutschkes berühmter Ehemann Rudi starb 1979 an den Spätfolgen eines Attentats elf Jahre zuvor. Die Witwe ist zum dritten Mal an einem Sonntag an diesen Platz gekommen, um den Corona-Toten zu gedenken. Sie ist 78 Jahre alt und sie weiß, dass „Gedenken“ streng genommen kein „triftiger Grund“ ist, hier zu sein. „Natürlich habe ich Angst vor dem Virus“, sagt sie. Sie verlasse das Haus nur noch selten. „Aber dieses Gedenken an die Toten ist wichtig, genauso wichtig wie die Regeln.“ 

Es ist Winter 2021, und ein paar Dinge haben sich geändert in der zweiten Corona-Welle. Es gibt zum Beispiel Initiativen wie das Gedenken am Arnswalder Platz in Prenzlauer Berg. Während der ersten Welle blieben die Toten noch unsichtbar, sie tauchten nur in den Statistiken des Robert-Koch-Instituts auf. Eine weitere Veränderung sind die vielen FFP2-Masken, die man in der Öffentlichkeit sieht und eine gewisse Selbstverständlichkeit, mit der Schlangen vor Geschäften inzwischen mit großem Abstand gebildet werden

Foto: Berliner Zeitung/Sören Kittel
Gedenken an die Toten am Arnswalder Platz.

Doch auch die Verordnungen und die Verstöße nehmen zu. Erst Mitte Januar dieses Jahres hat die Stadt Berlin den Bußgeldkatalog erneuert und noch einmal die Verordnung genauer formuliert. Damit wirklich jeder versteht, was ein triftiger Grund ist. Denn nur mit dem dürfen Berliner laut Paragraf 2, Satz 4, aktuell ihr Haus verlassen. 15 Gründe erkennt die Stadt derzeit als triftig an, allen voran Einkaufen, Sport, Geldverdienen, Schule, Kinderpflege, Gottesdienst, Arzt- und Gerichtsbesuch.

Tango-Tänzer und ziellose Wanderer

Wer sich im Januar 2021 auf einen ziellosen Spaziergang durch Berlin und auf die Suche nach Menschen ohne triftigen Grund begibt, macht sich trotzdem nicht strafbar. Die ersten beiden Gründe Sport und Einkaufen könnten fast immer genannt werden. Man trifft auf Tango-Tänzer, auf Tiktok-Influencer und ziellose Wanderer. Und man lernt, dass selbst Experten den Begriff des triftigen Grunds als eher vage wahrnehmen.

Da ist die Linguistin Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. Sie sammelt seit Monaten Begriffe, die sich durch Corona entwickelt oder verändert haben, wie Lockdown, AHA-Regel und Zoom-Konferenz. Der „triftige Grund“ ist nicht auf ihrer Liste, sagt sie, weil er schon vor Corona in der Welt war. „Triftig bedeutet zunächst überzeugend und unwiderlegbar“, sagt sie. Vielleicht sei der Begriff bewusst ungenau gewählt. Dadurch brauche man die entsprechenden Verordnungen, die ihn genauer eingrenzen. 

Triftig bedeutet zunächst überzeugend und unwiderlegbar

Annette Klosa-Kückelhaus, Linguistin

Von Montag bis Sonnabend ist der triftigste Grund, das Haus zu verlassen, wohl das Einkaufen. Das führt dazu, dass in Berlin ganze Einkaufszentren geöffnet sind, darunter das Schloss in Steglitz, das Europa-Center am Kudamm, die Mall of Berlin am Potsdamer Platz, das Alexa am Alexanderplatz, die East Side Mall in Friedrichshain. Obwohl die Rolltreppen stillstehen, die Kunden in nur wenige Geschäfte dürfen (Reformhaus, Schreibwaren- und Buchladen, Drogerie und Supermarkt), sind die Center geöffnet. Fast museumsartig wirken die langen Gänge, zeigen die Schaufenster ihre Auslagen, als wäre alles ganz normal.

Zu Hause wäre es noch enger

Mehmet Yildiz und Şebnem Ciliz sind genau wegen dieser Leere ins Alexa gekommen. Im zweiten Obergeschoss tanzen sie Tango vor dem Streetwear-Geschäft Fast Forward. Ganz langsam bewegen sie sich fest aneinander geklammert durch den sonst menschenleeren Gang. Ihre Köpfe berühren dabei einander an der Stirn, er schaut ernst, sie lächelt, die Musik schallt aus einem kleinen kegelförmigen Lautsprecher, den Yildiz neben einer Säule aufgestellt hat.

Foto: Berliner Zeitung/Sören Kittel
Mehmet Yildiz und Şebnem Ciliz tanzen Tango im zweiten Stock im Alexa am Alexanderplatz. 

„Der Gang ist etwas zu schmal“, sagt Şebnem Ciliz, „aber zu Hause wäre es noch enger.“ Die beiden Berliner tanzen regelmäßig zusammen, der 55-Jährige ist Tanzlehrer in Treptow, aber im Grunde – er winkt ab – weiß er gar nicht genau, was er seit einem Jahr sei. Es habe ja alles aufgehört. Seine Freundin unterbricht ihn und ruft hinaus in das leere Alexa: „Der Tango muss weitergehen!“ Weil es aber gerade keine offenen Tanzschulen gibt, suchen sie sich andere Orte in der Stadt. „Als ich gehört habe, dass die Einkaufsmalls offen sind“, sagt Şebnem Ciliz, „sind wir von Treptow hierhergekommen“.

Wenn sie nach dem Grund gefragt werden sollten, könnten sie sagen, dass sie einkaufen. Dass sie auch nicht lange bleiben. Doch die Berliner Polizei spricht derzeit ohnehin nicht jeden an, der allein irgendwo rumläuft. Am vergangenen Wochenende waren 300 Beamte in Berlin unterwegs, sagt ein Polizeisprecher, aber das vor allem, um bewusste Regelverstöße zu entdecken. Da gab es illegal geöffnete Kneipen, eine Spielothek und in Wedding – ausgerechnet – eine Hochzeit. Den einzelnen Wanderer, der durch die Stadt läuft, haben sie nicht auf ihrem Radar. Der hat im Zweifel einen triftigen Grund: sportliche Betätigung.

Das zumindest würde Bastian P. sagen, wenn er angesprochen wird. „Wurde ich aber noch nie.“ Der 43-Jährige läuft jeden Tag bis zu 20 Kilometer durch Berlin. „Im Moment versuche ich, die Außengrenzen von West-Berlin zu erkunden“, sagt er, „dabei erlebe ich selten irgendetwas.“ Das Erleben sei auch nicht sein Ziel. Es gehe ihm wirklich nur um die Bewegung, die Veränderung des Blicks. Am Sonntag lief er vom Mauerpark bis zum Kudamm. Manchmal hört er Podcasts, manchmal schaut er sich nur die Gegend an oder kauft sich etwas zu essen in einem Supermarkt in Steglitz oder Neukölln. 

Foto:  Bastian P./privat
Bastian P.s Route durch Berlin. 

Dabei ist ein „Treibenlassen“ in einer Pandemie nicht vorgesehen. Das war im vergangenen Sommer noch anders, als die Zahlen sanken und die Pandemie für ein paar Wochen nicht mehr die Hauptsache war. Grillen im Park war da noch auf der Liste, wurde aber wieder gestrichen, auch die Ausweispflicht war teilweise wieder eingeführt worden, wurde aber wieder zurückgenommen. Immerhin: Zu Beginn der Pandemie war es für ein paar Wochen illegal, auf der Parkbank zu sitzen. Im Weinbergspark wurden sogar die Bänke gesperrt. 

Auch das ist nicht verboten: Im öffentlichen Raum ein Tiktok-Video zu drehen. Eine Frau läuft durch die leeren Gänge der Mall of Berlin und möchte diese gerne als Hintergrund für ihre Aufnahme benutzen. Tiktok, das ist eine App, bei der meist Jugendliche in kurzen Clips sich zu Musik bewegen. Johanna hat 2500 Follower, einige ihrer Videos hatten schon Millionen Zuschauer. Und jetzt dreht sie in der leeren Mall ein Video der #crazylovechallenge. Sie läuft 15 Sekunden lang an Buddy-Bären vorbei, schießt mit dem Finger in die Luft. Neben ihrem Tanz läuft eine Liste von zehn Ländern über den Bildschirm, die Covid bisher am erfolgreichsten bekämpft haben. Deutschland ist nicht dabei.

Auch Johanna weiß, dass sie nicht hier sein „dürfte“. Aber sie kann die Videos nicht zu Hause machen, sagt sie. Sie brauche Orte in der Öffentlichkeit. Strafbar macht sie sich nicht, schließlich ist das Einkaufszentrum offen – und im weitesten Sinne ist, was sie hier macht, „Pressearbeit“ im Sinne von Paragraf 2, Absatz 5 der Verordnung. Wenn sie sich zu lange in einem Teil der Mall aufhalten würde, käme ein Sicherheitsbeamter, der darauf achtet, dass niemand sich ausruht. Wer im öffentlichen Raum ist, sollte in Bewegung bleiben. Auch das gehört zur Verordnung.

Das ist etwas, das auffällt in diesen seltsamen Tagen: Dass Menschen in der Öffentlichkeit meist unterwegs sind. Kaum einer steht still oder wartet auf jemanden. Im „Schloss“ in Steglitz suchen am Mittwoch zwei junge Männer einen Imbiss, finden das geöffnete McDonalds im Untergeschoss wie nach einer Schnitzeljagd durch leere Hallen. In Neukölln sind die Geschäfte für Mobiltelefone in der Sonnenallee geöffnet. „Schlecht“ laufe das Geschäft, sagt einer der Inhaber, wie zum Beweis steht er rauchend hinter der Theke. Gegenüber wirbt ein Pflegeheim auf Transparenten damit, dass sich doch bitte Pfleger melden sollen.

Foto: Berliner Zeitung/Sören Kittel
Im Steglitzer „Schloss“. 

Berlin im zweiten Lockdown, das ist eine Stadt, in der Menschen kaum noch das Haus verlassen, obwohl es theoretisch möglich ist. In Spanien dürfen Menschen mit kleinen Hunden 500 Meter um ihre Wohnung spazieren, mit großen Hunden einen Kilometer. In Frankreich darf niemand nach 18 Uhr auf der Straße sein. In Irland darf niemand weiter als fünf Kilometer sein Haus verlassen. In Berlin gilt nichts davon, es gilt nur der triftige Grund.

Es gibt einen Fan dieser Regel, er ist Professor für Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Christian Pestalozza ist 82 Jahre alt und sagt, dass der Begriff in der Sprache der Juristen wirklich geläufig ist. „Somit haben wir hier eine Regel, die durchbrochen werden kann, wenn es eben sachlich begründet ist.“ Dass diese Regel bewusst vage gehalten ist, hält Pestalozza für eine Stärke. „Jeder soll sich doch bitte Gedanken machen, bevor er oder sie das Haus verlasse.“ Der triftige Grund, er erleichtert unser Zusammenleben, er ermöglicht erst das Sprechen über die Einschränkung, er soll lediglich die Zufallskontakte vermeiden – und das auf eine fast zurückhaltende Art. „Das gefällt mir.“

Viel mehr triftige Gründe

Pestalozza sagt, dass es natürlich viel mehr Gründe gebe, als die 15 von der Senatsverwaltung vorgeschriebenen. Aber noch viel häufiger tun wir Dinge ganz ohne Grund. Das ist der Unterschied, sagt der Professor. Dass wir für einen Moment darüber nachdenken, warum wir etwas tun, ob es wirklich nötig ist. Die Regelung erinnert uns daran, dass wir gerade eine besondere Zeit durchleben. Und dass wir das schaffen, dass die Regel funktioniert, kann man sehen, wenn man eine Woche lang durch die Stadt läuft. Dann fällt auf, dass Menschen kaum noch in größeren Gruppen zusammenstehen. Außer vielleicht am Arnswalder Platz bei der Gedenkfeier. Seit acht Wochen findet sie statt. Und Menschen, die immer wiederkommen, wie Gretchen Dutschke, erkennen sich mittlerweile trotz Kapuze und Maske. Zur Begrüßung heben sie aus der Entfernung den Arm.