Berlin - „Ist Ihnen schon aufgefallen, dass gerade sämtliche öffentliche Uhren auf der Straße entsorgt werden?“, schrieb mir gerade ein Leser. „Nach den Telefonzellen ein folgerichtiger Schritt. Niemand hat es bemerkt, da nicht mehr benötigt. […] Aber ich schaue immer noch an die gewohnten Stellen, zum Beispiel am Virchow oder am Hansaplatz.“

Nun könnte man sagen: Niemand braucht noch eine öffentliche Uhr! Jeder besitzt ja ein Handy, angeblich.  Manchmal laufe aber auch ich – in jeder Hand eine große Tüte – durch unser Einkaufszentrum und die Bahnhofstraße. Nirgendwo finde ich eine Möglichkeit, mal kurz die Zeit zu checken. Mit einem Seitenblick.

Ich lief bis in die Köpenicker Altstadt. Und dort sieht es etwas besser aus. An der alten Post, am Kirch- und am Rathausturm prangen große Uhren. Auch am Schlossplatz steht eine Uhr, in Form eines Fasses. Ich fand auch eine dieser typischen Großuhren mit Werbewürfel. Und erstaunlich ist: Alle gehen richtig! Ich sage das deshalb, weil vor einiger Zeit einmal eine Zeitung schrieb, dass viele öffentliche Uhren in Berlin die falsche Zeit anzeigten. Der Berliner sagt dazu: „Die ticken nich richtich“ oder „jehn nach’m Mond“.

Ich fände es schade, wenn man die öffentlichen Uhren nach und nach ganz abschaffte. Auch, weil damit eine schöne Bildungsmöglichkeit verloren ginge. Paulchen Panters „Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?“ versteht man schließlich nur anhand einer Uhr mit Zeigern. Und es wäre traurig, wenn man als Eltern die schnelle Schulwegfrage „Wie spät ist es, wenn der kleine Zeiger auf der Eins und der große auf der Drei steht?“ nicht mehr stellen könnte. Wie sollte man dann noch „die Uhr lernen“?

Eine Schulfreundin sang einst angesichts der großen Uhr an unserer Kreuzung immer den beliebten Uhr-Lernvers: „Viertel, halb, dreiviertel, voll – meine Uhr, die geht wie toll!“ Auch das erschließt sich nur anhand eines Kreises, den man vierteln kann. Viele Leute von auswärts können mit den Berlinischen Angaben wie „viertel fümwe“ oder „dreiviertel zwoo“ nichts anfangen. Wahrscheinlich hat man bei denen die großen Uhren schon viel früher abgeschafft.

Und dann: Wie schön können öffentliche Uhren sein – als Schmuckstücke und Treffpunkte. Auch Berlin hat solche: die Weltzeituhr, den Verkehrsturm am Potsdamer Platz, die Mengenlehreuhr am Europa-Center und andere mehr.

Ich erinnere mich an eine schöne Geschichte, die ich einmal in Kairo hörte. Um 1830 erhielt der ägyptische Herrscher Muhammad Ali Pascha vom französischen König einen eisernen Uhrturm, den er an einer großen Moschee aufstellte. Als Gegengeschenk schickte er einen 23 Meter hohen antiken Obelisken, drei Jahrtausende alt. Er stand einst an einem Tempel von Ramses II. und steht heute in Paris, auf dem Place de la Concorde. So viel zum Wert, den öffentliche Uhren einst hatten. Heute rostet der Uhrturm vor sich hin, der Obelisk steht wahrscheinlich noch 3000 Jahre.