Szene in einer freien Grundschule: ein Mädchen hält ein Kaninchen im Arm.
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinIn der politischen Debatte über die freien Schulen in Berlin herrscht eine gewisse Doppelmoral: Einerseits werden sie bei der Finanzierung aus der öffentlichen Hand knappgehalten, andererseits wirft man ihnen vor, dass sie hohe Elternbeiträge nehmen und so die Segregation der Stadtgesellschaft weiter vorantreiben. Aber machen sie das tatsächlich? Über diese äußerst virulente Frage wurde am Sonntag in den Kammerspielen des Deutschen Theaters gestritten.

Da der Wahlkampf längst eröffnet ist, brachten die Parteien ihre Bildungsexperten in Stellung. Es kamen Paul Fresdorf (FDP), Martin Schäfer (CDU), Regina Kittler (Linke), Helmut Kleebank (SPD) und Silke Gebel (Grüne). Der Titel der Debatte spielte an auf das Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ – und die Frage „Wer hat Angst vor freien Schulen?“ wurde zuerst von Silke Gebel (Grüne) beantwortet: „Ich glaube, unsere Senatsverwaltung hat Angst vor freien Schulen. Warum auch immer!“

Die Positionen der Parteien sind nicht schwer zu erraten: Die Linke ist gegen die freien Schulen, die SPD ist ein bisschen dagegen. Die Grünen sind dafür, die FDP ist lautstark dafür und die CDU auch, jedenfalls solange sie in der Opposition sitzt. Dann verspricht sie ihnen das Blaue vom Himmel, während sie im Regierungslager lieber das Portemonnaie zuhält.

Aber trotz aller Vorhersehbarkeit: Die fünf Politiker spielten ihre Rollen am Sonntag gut. Und es war spannend, wie sie sich zum Forderungskatalog der Arbeitsgemeinschaft der freien Schulen (AGFS) äußerten, der vergangene Woche präsentiert wurde.

Sieben Forderungen für freie Schulen: 

  •  Bestehende Kürzung der Schulfinanzierung aufheben
  •  Zugang für einkommensschwache Familien verbessern
  •  Inklusion fördern
  •  Finanzierung der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte sicherstellen
  •  Faire Teilhabe an allen Landes-Förderprogrammen für Berliner Schulen
  •  Schulausbau ermöglichen, Wartefrist senken 
  •  Finanzielle Unterstützung bei der Schaffung neuer Schulplätze sowie bei der Sanierung von Schulgebäuden

Szenenapplaus bekam Paul Fresdorf (FDP), als er sagte, dass die Senatsverwaltung die freien Schulen „sehr stiefmütterlich“ behandele. Die freien Schulen seien „für das Land ein Super-Sparmodell“, weil es nur zwei Drittel der gesamten Schulkosten aufbringen muss, während die staatlichen Schulen zu 100 Prozent finanziert werden. Anders als Kitas bekommen die Schulen in freier Trägerschaft weder Zuschüsse für die Sachkosten noch für den Schulbau. Was dazu führt, dass sie höhere Elternbeiträge nehmen und ihre Lehrkräfte deutlich schlechter bezahlen müssen als die staatliche Konkurrenz.

Andreas Wegener von der AGFS skizzierte den historischen Hintergrund: In der großen Schuldenkrise hatte Klaus Wowereit 2002 die Finanzierung der freien Schulen von 97 Prozent der Personalkosten auf 93 Prozent gesenkt. Damals nahmen die freien Schulen das klaglos hin, fragen sich aber seit geraumer Zeit, warum die Kürzung in den Jahren der wirtschaftlichen Prosperität nie zurückgenommen wurde.

Durch Corona droht dem Land erneut eine Finanzkrise und die Notwendigkeit, zu sparen: Die fetten Jahre sind vorbei. Entsprechend wenig wahrscheinlich ist es, dass das Abgeordnetenhaus ausgerechnet jetzt dafür stimmt, die Kürzung zurückzunehmen. Aber man muss klar sagen, dass andere Bundesländer ihre freien Schulen sehr viel großzügiger finanzieren – und bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit sie blühen und gedeihen.

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) zur Finanzierung der Privatschulen durch die Länder zeigt: Berlin deckt nur 68,82 der Gesamtkosten und zählt mit Bremen zu den Schlusslichtern. Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg, die für ihre leistungsstarken Bildungssysteme bekannt sind, übernehmen stattliche 80 bis 99 Prozent der Gesamtkosten.

Auf dem Podium waren sich alle einig: Die freien Schulen garantieren die Vielfalt der Bildungslandschaft. Nicht jedes Kind lernt auf die gleiche Weise, da ist es wichtig, dass es für Eltern genug Wahlmöglichkeiten gibt. Außerdem geben freie Schulen viele innovative Impulse, die auf staatliche Schulen ausstrahlen. Das musste – etwas zögernd – sogar Regina Kittler (Linke) zugeben. 

Etwa zehn Prozent der Berliner Schüler gehen auf freie Schulen. Beim „Bildungsmarkt“ vor dem Deutschen Theater standen am Sonntag Schulleiterinnen und Lehrer unter blauen Zelten, um interessierten Eltern ihren pädagogischen Ansatz zu erklären. Mit von der Partie waren Waldorf und Montessori, die Kant-Schulen, die Königin-Louise-Stiftung und die evangelische Schulstiftung. Letztere ist mit 24 Schulen in Berlin und Brandenburg der größte Player auf dem Feld der freien Schulen in Berlin.

Frank Olie, der pädagogische Vorstand der Stiftung, sagte der Berliner Zeitung, dass an den evangelischen Schulen im Durchschnitt zwanzig Prozent der Schüler aus einkommensschwachen Familien kommen. Diese seien dann entweder ganz vom Schulgeld befreit oder bezahlten den niedrigsten Satz von 30 Euro.

Dass am Sonntag fast nie von „Privatschulen“ die Rede war, kann man für einen geschickten Schachzug halten. Denn im roten Berlin gibt es immer noch starke ideologische Vorbehalte und das Gefühl, dass Privatschulen sich ausschließlich an die Kinder der Reichen und Privilegierten wenden. Und bei manchen Schulen stimmt das sicher auch. Gerade christliche und anthroposophische Schulen haben aber ein Menschenbild, das ihnen nahelegt, nach einer guten sozialen Durchmischung ihrer Schülerschaft zu streben und nach einer inklusiven Schulkultur.

Deshalb würden sie gern – nach eigenen Angaben – mehr Schüler aus einkommensschwachen Familien aufnehmen und bitten die Senatsverwaltung um eine Ausgleichszahlung von 100 Euro pro Schüler. Außerdem wünschen sie sich finanzielle Förderung für die Aufnahme von Inklusions-Kindern, die in staatlichen Schulen längst selbstverständlich ist. Mit diesen Forderungen konfrontiert, bildete sich ein erstaunlich großer Konsens auf dem Podium. Regina Kittler sah sogar die Möglichkeit, dafür noch den Doppelhaushalt 2020/2021 anzuzapfen.