Felix Weisbrich ist seit vielen Jahren Förster – seit Anfang 2019 leitet er das Straßen- und Grünflächenamt in Friedrichshain-Kreuzberg.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinFelix Weisbrich kommt zu spät zum Interview. Mit dem Fahrrad hetzt der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts Friedrichshain-Kreuzberg von einem Termin zum anderen. Die Coronakrise beschert dem langjährigen Förster, der mit der dritten Dürre in Folge schon genug zu tun hat, noch mehr Arbeit als sonst. Spielplätze werden geschlossen, dann wieder geöffnet – das ist nur ein Beispiel. Die größte Aufmerksamkeit ziehen jedoch die Radfahrstreifen auf sich, die der 47-jährige Neu-Berliner mit gelbem Klebeband auf immer mehr Straßen markieren lässt. Ein Gespräch darüber, woher er kommt und was ihn antreibt.


In Berlin ist es in Corona-Zeiten fast so ruhig wie in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie lange gearbeitet haben. Ist das für Sie vertraut oder unheimlich? 

So ruhig war es in Mecklenburg-Vorpommern oft gar nicht. Ich habe das Forstamt Bad Doberan geleitet, in dessen Bereich 2007 der G8-Gipfel stattfand. Kühlungsborn und Heiligendamm sind Schwerpunktgebiete des Tourismus. Wir haben klare Kante gezeigt und der Inanspruchnahme von Wäldern Grenzen gesetzt. Doch es stimmt, die jetzige Ruhe in Berlin empfinde ich als beklemmend. Allerdings zeigt sie uns auch Möglichkeiten auf, und sie fordert uns. In der Ruhe liegt auch die Kraft. Und dann müssen wir als Verwaltung tätig werden, um für die Bürger das Bestmögliche zu erreichen, sie zu schützen.

Manche Menschen finden die Ruhe beklemmend, weil sie ein Zeichen ist, dass es der Wirtschaft schlecht geht. 

Die Coronakrise ist beängstigend, es gibt aber noch andere Krisen. Das Nachdenken, das gerade stattfindet, muss sich auch auf sie erstrecken. Obwohl wir seit Jahren mit einer Klimakrise zu kämpfen haben, hat die Menschheit in beängstigender Weise einfach weiter gemacht. Das erleben wir auch im Jahr 2020. Es wird das dritte Jahr der Dürre sein. Die Böden trocknen weiter aus, und der prekäre Zustand der Bäume und Grünanlagen verschärft sich weiter.

So gesehen müssten Sie es gut finden, dass weniger Autos fahren und weniger schädliche Abgase entstehen.

Wenn wir die Sache objektiv betrachten, dann erleben wir jetzt tatsächlich eine Stadt, wie sie das Berliner Mobilitätsgesetz vorsieht. Der motorisierte Individualverkehr ist zurückgegangen, Lärm und CO2-Emissionen ebenfalls, der Radverkehr findet zunehmend auf gesicherten Wegen statt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das soll nicht zynisch klingen. Niemand hat sich die jetzige Krise gewünscht, ich am allerwenigsten. Doch wenn wir ausschließlich auf das Straßenbild blicken, mit Ausnahme des leidenden ÖPNV, ist das ein Streifen am Horizont. So in der Art sollte es in Zukunft aussehen! Aber nicht wegen Corona. Sondern weil wir als Verwaltung, aufgefordert von der Politik, verkehrssteuernd eingreifen.

Die Ämter arbeiten auf Sparflamme. Trotzdem entsteht in Ihrem Bezirk ein temporärer Radstreifen nach dem anderen. Wie schaffen Sie das?

Es stimmt: Auch die Berliner Verwaltung erlebt, dass unsere Strukturen nicht krisenfest sind. Doch meine Behörde ist arbeitsfähig. Bei uns lautet das Motto: Alle an Deck! Nicht immer präsent im Amt, aber im Homeoffice, notfalls mit privatem Rechner und E-Mail. Für den Datenschutz trage ich die Verantwortung.

Alles im gelben Bereich: Mit Klebestreifen sind die temporären Radwege markiert, hier am Bersarinplatz in Friedrichshain
Foto: Volkmar Otto

Ihr Bezirk war der erste, der in Berlin temporäre Radfahrstreifen geschaffen hat. Wie kam es dazu?

Am 21. März, einem Sonnabend, habe ich mit Christian Haegele telefoniert, dem Leiter der Abteilung Verkehrsmanagement in der Verkehrsverwaltung. Anfangs ging es nur darum, in einem Kreuzungsbereich mehr Platz für Radfahrer zu schaffen. Aber dann haben wir gesagt: Wir machen noch mehr! Wir haben den Auftrag, das Mobilitätsgesetz umzusetzen. Wir waren uns sehr schnell einig: Jetzt brauchen wir viele geschützte Radfahrstreifen, um sicheren Radverkehr zu ermöglichen. 43 Prozent der Berliner haben kein Auto, die U-Bahn wird von vielen gemieden, weil sie Angst vor Ansteckung haben. Und wir müssen rasch handeln – nicht innerhalb von zwei bis zehn Jahren, wie unsere normalen Planungsabläufe sind, sondern innerhalb von zwei bis zehn Tagen.

Der ADAC hat nachgezählt und festgestellt, dass die neuen Radfahrstreifen zu wenig genutzt werden.

Erstens: Jeder Verkehrsteilnehmer, der sicher unterwegs ist, zählt. Zweitens: Wenn das Wetter weiterhin so warm ist, wird der Radverkehr ansteigen. Drittens: Wo es neue Wege gibt, ändert sich das Verhalten. Bisher haben viele Radfahrer den Kottbusser Damm gemieden, jetzt ist er für sie attraktiv. Wir machen Angebote, die genutzt werden. Wer Radwege sät, wird Radverkehr ernten. So einfach ist das.

Nutzen Sie die Coronakrise aus, demokratische Prozesse wie Bürgerbeteiligung zu umgehen?

Zu den geschützten Radfahrstreifen auf dem Kottbusser Damm gibt es einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung. Zu allen anderen Anlagen gibt es den bezirklichen Radwegeplan und das das vom Abgeordnetenhaus verabschiedete Berliner Mobilitätsgesetz. Die gesellschaftliche Debatte hat stattgefunden, die politische und rechtliche Legitimation, dass wir diese Radverkehrsanlagen bauen werden, ist gegeben. Jetzt geht es nur um das Wie. Wir bemühen uns, Zweifel vor Ort auszuräumen. Am Ende geht es darum: Will man es, oder will man es nicht?

Am Kottbusser Damm sind weit mehr als 300 Parkplätze entfallen.

Wir haben den parkenden Anwohnern in zwei Schreiben mitgeteilt: Nutzt bitte das Karstadt-Parkhaus am Hermannplatz! Die rund 600 Parkplätze stehen derzeit zu zwei Dritteln leer. Normalerweise kostet ein Monat Parken 39 Euro. Wir haben den Anwohnern ein Angebot gemacht: drei Monate für 15 Euro pro Monat. Danach wird Karstadt ein Abo-Angebot unterbreiten. Wir sind tätig geworden, es gibt eine Gefahrenlage und eine gesetzliche Basis. Auch verkehrspolitisch ist die Sache klar. Ziel ist es, in der Innenstadt flächendeckend den Parkraum zu bewirtschaften. In absehbarer Zeit wird man auf der Straße nicht mehr gratis parken können. 

Die Kreuzberger legen allerdings besonderen Wert auf Partizipation. Befürchten Sie keine Proteste, wenn die Verwaltung so beherzt vorprescht?

Wir sind mit zwei Erwartungshaltungen konfrontiert. Die eine lautet: Bezieht immer stets alle Bürger ein! Die andere heißt: Setzt das, was als Gesetz demokratisch beschlossen ist, schnell um! Als Verwaltung müssen wir uns zwischen diesen Erwartungshaltungen situationsangemessen bewegen. Und ich bin sehr dankbar, dass Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann uns in dieser schwierigen Zeit Prokura gibt.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Alles im grünen Bereich - Felix Weisbrich leitet seit Anfang 2019 das Straßen- und Grünflächenamt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Zuvor war er im Forstdienst von Mecklenburg-Vorpommern und im dortigen Landwirtschaftsministerium tätig.

In seiner Heimatstadt Göttingen hat er Forstwirtschaft studiert. Viel Zeit verbrachte er im Wendland, wo er bei Graf Andreas von Bernstorff arbeitete, einem Gegner des Atommüll-Endlagers.

Als junger Mann war Weisbrich Leiter einer christlichen Jugendgruppe. Eine prägende Erfahrung für ihn, wie er sagt: Weil er so früh gelernt habe, Haltung und Handlung in Einklang zu bringen.

Eine andere Frage: Sie sind Förster, aber sie sprechen gerade als Verkehrsplaner. Für welches Gebiet haben Sie mehr Leidenschaft?

Ich bin begeisterter Innenstadtförster. In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es 40.000 Bäume und viele schöne Grünanlagen mit einer Gesamtfläche von 180 Hektar. In Mecklenburg-Vorpommern habe ich erlebt, welche Schäden die Klimakrise im Wald bereits verursacht hat. Extreme Dürre, abgewechselt von heftigen Orkanen mit punktuellem Starkregen setzen den Wäldern in immer schnellerer Abfolge zu – sie sterben hektarweise. Darauf musste ich schon als Förster reagieren. In der Stadt kann ich darüber hinaus dazu beitragen, die Krise zu mildern. Mit einer konsequenten Steuerung des Verkehrs leistet unsere Behörde einen Beitrag zur Klimavorsorge. Das erfüllt mich, für mein Tätigkeitsfeld bin ich sehr dankbar.

Für einen Berliner Amtsleiter wirken Sie untypisch. Hilft es, dass Sie von außen gekommen sind?

Es hilft, dass ich Erfahrungen, mit denen meine Kollegen hier in Berlin zurechtkommen mussten, nicht gemacht habe. Der Etat des Amtes, das ich leite, ist über 25 Jahre wie viele andere Bereiche der Verwaltung immer nur gekürzt worden. Einen eigenen Straßenbauhof gibt es gar nicht mehr. Wir sitzen gerade im verbliebenem Werkhof des Gartenreviers Kreuzberg im Viktoriapark. Hier gab es einmal weit über hundert Gärtnerinnen und Gärtner, jetzt nur noch 25. Viele in der Verwaltung sind frustriert und werden zugleich mit einer immer größeren Erwartungshaltung der Gesellschaft konfrontiert: Macht endlich, baut die Stadt um! Dazu gibt es viel Misstrauen in der Politik. Wenn wir etwas aus dieser Krise lernen, dann ist es auch die Erkenntnis, dass wir starke öffentliche Strukturen brauchen. Zurzeit hat das Amt 140 Mitarbeitende, wir brauchen mindestens 46 mehr. Davon habe ich 20 bekommen, ein Anfang.

Sie sind auch für die Grünflächen zuständig. Die sind in der Corona-Krise so wichtig wie lange nicht mehr. Zugleich steht die Vegetation wegen der Trockenheit unter Stress. Wie lange ertragen die Bäume das noch?

Die Situation ist dramatisch. Voriges Jahr sind im Bezirk deswegen knapp 2000 Bäume gestorben. Immerhin können wir in der Stadt ein klein wenig reagieren, indem wir bewässern. Auch Anwohnende helfen dabei, indem sie gießen.

Hilft das Gießen denn eher den Bäumen oder eher den Menschen, die ihrer Ohnmacht etwas entgegensetzen?

Den jungen Bäumen hilft es und macht einen Unterschied. Den alten nicht. Entweder haben sie Bodenwasseranschluss, oder sie haben ihn nicht. Ob ich dann oben einen Eimer Wasser draufkippe, macht leider keinen großen Unterschied.

Weil die Wurzeln eh viel zu weit weg vom Stamm sind?

Das kommt auf den Standort an. In Berlin gibt es durch den Zweiten Weltkrieg viele Lagen Schutt im Boden. Und in den letzten Jahrzehnten haben wir aufgrund der knappen Finanzen die Standorte oft falsch hergerichtet. Wir haben nicht tief genug gegraben. Diese Bäume konnten nicht tief wurzeln, weil sie auf physische Barrieren stoßen.

Kann man das erkennen?

Teilweise ja. Die Wurzelhebungen, die wir auf vielen Wegen sehen, sind für Verkehrsteilnehmer gefahrbringend. Für die Bäume aber noch viel mehr. Sie bedeuten: Das Wurzelwerk dringt nicht einmal ansatzweise bis in die tieferen feuchten Erdschichten. Dazu kommt die Aufheizung zwischen den Häusern. Solche Bäume stehen unter extremem Trockenstress. Daran lässt sich auch mit Gießen nur wenig ändern.

Solche Bäume hätten also auch keine Chance, wenn es mehr regnen würde?

Wenn es normal regnen würde, dann wären die Erdschichten bis 1,80 Meter besser durchfeuchtet. Die Poren im Boden sind jetzt aber nicht mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt. Die Wurzeln haben nichts zum Saugen. Wenn so eine Lage im dritten Jahr in Folge eintritt, dann geraten die Bäume an ihre Grenzen. Mittelfristig werden sie absterben.

Was lässt sich denn besser machen?

Unsere Aufgabe ist es, nachzupflanzen und dabei nachhaltige Pflanzgruben anzulegen. Und das ist teuer. Eine richtig hergestellte, klimafeste Pflanzgrube ist aufwändig, und das kostet Geld. Nicht 300 Euro wie für eine einfache Grube, sondern 3000 Euro aufwärts.

Ihr Budget umfasst 40 Euro pro Baum und Jahr. Wie wollen Sie da Pflanzgruben für 3000 finanzieren?

Das Abgeordnetenhaus gibt jetzt Aufstockungen, und die helfen uns schon sehr. Aber die Frage, was wir brauchen, um die Stadtnatur wirklich klimaresilient zu machen, die ist damit leider nicht beantwortet. Wir werden viele Jahre lang viele Millionen benötigen. Alleine für mein Amt wären es pro Jahr noch einmal mehr als zwei Millionen Euro zusätzlich.

Bisher verfolgt man in Berlin sehr genau die Zahl der Bäume. Braucht es also mehr Qualität statt Quantität?

Ja. Ich halte es für wichtig, dass wir in Berlin diskutieren, wie wir bei begrenzten Ressourcen Qualität herstellen können. Bäume sind unsere grüne Infrastruktur, sie erbringen in der Stadt elementar wichtige Leistungen: Sie kühlen ihre Umgebung, sie dienen der Erholung, sie binden Kohlendioxid. Das können sie umso besser tun, je gesünder sie sind. Wenn sie krank werden, nimmt ihr Beitrag zum Gemeinwohl ab. Wir müssen unsere Grünanlagen als System begreifen – und das funktioniert in der Summe besser, wenn wir für eine Übergangszeit etwas weniger Bäume haben, denen es dafür besser geht. In der Zukunft brauchen wir unbedingt beides: viele und gesunde Bäume!

Der Baumbestand hier im Bezirk ist überaltert, der Anteil junger Bäume ist in den letzten zehn Jahren deutlich geschrumpft. Kommen alte Bäume besser durch Krisen wie in diesen Jahren oder geben sie ihnen den Rest?

Sehr alte Bäume sind stressanfällig. Am besten kommen die mittelalten mit solchen Lagen klar, das sind die Altersklassen 30 bis 60 Jahre. Sie stecken im mittleren Wachstumsgang. Da gibt es erste Zipperlein, aber sie halten noch ganz gut durch. Die jungen Bäume sind aber besonders problematisch, weil sie eben noch nicht tief genug wurzeln. Aber natürlich haben gerade viele ältere Straßenbäume im Laufe der Zeit Schäden mitgenommen. Sie müssen Feinstaub und Streusalz ertragen. Sie werden von parkenden Autos angerempelt, der Boden verdichtet und zugemüllt. Dann können sie auch Trockenheit und Schädlingsbefall schlechter ab. Der Baum ist vorgeschädigt wie ein Mensch, der jahrelang raucht und sich schlecht ernährt. Dass der in Krisen schlechter gewappnet ist, ergibt sich.

Haben Sie einen Lieblingsbaum im Bezirk?

Die Kastanie hinter Ihnen. Dort haben wir voriges Jahr im Sommer Hilmar Schädel in den Ruhestand verabschiedet, den Fachbereichsleiter Grünflächen. Ich habe mich bei ihm bedankt, dass er 25 Jahre Mangelverwaltung ertragen und darüber nicht die Leidenschaft für das Stadtgrün in diesem Bezirk verloren hat, derer es so dringend braucht. Das war emotional berührend. Der Baum steht hier im Revier, wo seit über 140 Jahren Gärtner arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass dieses Revier wieder wächst, so wie auch dieser schöne Baum es immer noch tut.

Das Gespräch führten Frederik Bombosch und Peter Neumann.