Die Band in besseren Zeiten: Dieter Birr, Harry Jeske, Dieter Hertrampf, Klaus Scharfschwerdt und Peter Meyer 1982 – da vertragen sie sich noch. Wobei: Mit der Bahn fuhren sie sonst nie. 
Foto: Herbert Schulze

BerlinDie Puhdys streiten ab 15. Oktober vor Gericht über die Urheberschaft ihrer Songs. Die veröffentlichte Meinung bezog schon vorher Position: Schuld an dem Zerwürfnis sei der musikalische Kopf der Band, Dieter „Maschine“ Birr. Die anderen Band-Mitglieder tauchen als traurige Kollegen auf, die nur ihren Frieden wollen. Die Schlagzeilen in BZ und Bild-Zeitung lauten: „Reich wie im Traum möchte er werden ...“ oder schlicht: „Dieter Maschine GIER“. Beides falsch.

Natürlich klingt es bizarr, wenn ein Musiker ein halbes Jahrhundert nach der Band-Gründung die Rechte an seinen Liedern zurückfordert. Ewig konnte er damit leben, wenn als Urheber die „Puhdys“ angegeben waren oder „Dieter Birr und Peter Meyer“ – und plötzlich nicht mehr? Ist er wirklich der wilde Spaltpilz, dem es um mehr Geld geht? Die kurze Antwort einer langen Recherche lautet: Nein. Die Geschäftsgrundlage der Puhdys hat sich geändert. Die Bandmitglieder sind keine Freunde mehr, die zusammen Musik machen und in der jeder einen Teil zum Gelingen des Projekts beiträgt. Die Band zerstritt sich 2013 für alle Zeiten und löste sich drei Jahre später auf. Danach listete Dieter Birr die Puhdys-Titel auf, von denen er erklärt: „Der Komponist bin ich. Für die Zukunft beanspruche ich die Urheberschaft.“

Sensible Hoheiten

Aus gutem Grund verwenden Plattenfirmen hohe Sorgfalt auf die Credits der Urheber, weil es da um Geld geht, um Ruhm oder beides, jedenfalls um sensible Hoheiten. Die Stones nennen Mick Jagger oder Keith Richards als Autoren, Karats größte Erfolge gehen auf Ed Swillms zurück, Silly ließ Kompositionen zunächst als Silly eintragen, besann sich aber schnell und listete die Namen auf. Lennons Witwe und Paul McCartney stritten ewig darüber, welcher der beiden Beatles der Erstgenannte sein darf als Komponist.

Auch in der DDR war klar, was eine Autorenschaft bedeutet. Die Puhdys-Titel für den „Paul und Paula“-Film stammen von Peter Gotthardt. Auch auf den ersten beiden Puhdys-Platten sind die Musiker noch einzeln als Komponisten aufgeführt, erst ab der dritten Platte steht da plötzlich „Puhdys“. Birr sagte der Berliner Zeitung dazu rückblickend: „Ich habe die meisten Titel geschrieben, aber an allen anderen mitgewirkt, so entstand die Idee, das unter dem Namen Puhdys laufen zu lassen. Natürlich war das blöd von mir, aber in einer anderen Zeit. Wir waren Freunde. Ich hatte auch diesen Kollektivgedanken und dachte, das spornt die anderen an. Aber ab der dritten Platte kam nichts mehr von meinen Kollegen, keine Idee. Das Komponieren, das Erfinden neuer Titel überließen sie allein mir. Und das weiß natürlich auch jeder meiner Kollegen, jeder.“

Selbst Fans war immer klar: Maschine ist der musikalische Kopf der Band, Harry Jeske dagegen war zwar ein begnadeter Manager, aber ein mäßiger Bassist. Peter Meyer erzählte 2009 in dem Buch „Abenteuer Puhdys“: „Eigentlich komponiert Maschine all unsere Songs. Wir kennen auch keinen weiteren, der so einen Fleiß an den Tag legt.“

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Die Puhdys von 1969 bis 2016

Zu den Gründern der Puhdys gehören die Gitarristen Dieter „Maschine“ Birr (76), Dieter „Quaster“ Hertrampf (75), der Keyboarder Peter Meyer (80), Harry Jeske (1937-2020) am Bass und Gunther Wosylus (74) am Schlagzeug.

1979 übernahm Klaus Scharfschwerdt die Drums, 1997 ersetzte Peter Rasym den Bassisten.

Rasym ist als Nachkömmling nicht an Tantiemen der Puhdys beteiligt, alle anderen betrachten sich als „Mitkomponisten“, wenn bei Komposition „Puhdys“ steht, neuerdings auch wieder Gunther Wosylus. Die Haltung der Erben von Harry Jeske steht noch aus.

Nach der Wende, sagt Birr, kamen einige Band-Musiker nicht mal mehr ins Studio, um ihre Instrumente für die Platten einzuspielen. Ab 1999 haben sie nur noch ihre Soloparts eingesungen, Hertrampf lieferte mal ein Solo ab, Peter Rasym spielte gelegentlich den Bass ein. 2005 verzichtete Peter Meyer, der die Kompositionen immer auf Demo-Bänder übertragen hat, auf die Ausweisung als Mitkomponist. Seitdem sind die Dinge geregelt, Dieter Birr erscheint als einziger Komponist.

Sein Standpunkt ist also klar, was sagen die anderen? Sie halten sich zurück. Dieter Hertrampf erklärt: „Die ganze Band hat mitgewirkt an den Songs, jeder auf seine Weise“. Er wisse gar nicht, was er bei einem Gerichtstermin soll. Das ist auch die Haltung der Anwältin, die die beklagten Musiker vertritt: Immer hätten alle mitgearbeitet am Entstehen der Songs.

Wofür gibt es Tantiemen?

Hier nistet wohl das Missverständnis, der Knackpunkt des Streits. Dieter Hertrampf, Peter Meyer, Klaus Scharfschwerdt und neuerdings auch wieder Gunther Wosylus betrachten ihr Mitwirken und das Einspielen der Songs offensichtlich als kreative Arbeit, für die ihnen Tantiemen zustehen. Aber das Urheberrecht schützt nur Kompositionen, allein dafür zahlt die Gema Tantiemen. Komponist ist der, der die Melodie erfindet – nicht, wer den Rhythmus beisteuert, das Arrangement, das Handwerk oder sich sonstwie beteiligt. Birr: „Bei den Puhdys gab es keine Gemeinschaftskompositionen. Keinesfalls setzte man sich zusammen, um eine Melodie zu finden, wie mancher Kollege behauptet. Komponieren ist eine sehr einsame Arbeit. Oft war ich tagelang nicht ansprechbar“.

Der mediale Aufschrei über den Streit der Puhdys fiel naturgemäß gewaltig aus, von den Netzwerken nicht zu reden. Öffentlich kommen auch Ratschläge von Kollegen: Vertragt euch! Gebt euch einen Ruck und dann ein Konzert! Mit viel Einsicht von allen Seiten wäre sogar das denkbar gewesen, bevor die Öffentlichkeit eingeschaltet wurde. Nun ist es zu spät. Dieter Birr hat sein Angebot zurückgezogen, das er der Band nach ihrer Auflösung gemacht hat: Er verlangte für 218 Titel die Eintragung als alleiniger Komponist. Zugleich wollte er rückwirkend auf alle Ansprüche verzichten, auch in naher Zukunft. Bis ans Lebensende der Kollegen sollten die Tantiemen aus den Songs fließen, dann erst stoppen und nicht auf die Erben übergehen. Dieter Birr betrachtet das bis heute als großzügiges Angebot: „Meine Kollegen haben Hunderttausende Euro durch meine Kompositionen verdient und so sollte es bleiben.“ Er dachte, sie würden besonnen und still darauf eingehen.

Der Ruf der Band

Weit gefehlt. Die Forderung wurde hurtig der Boulevardpresse gesteckt. Dort war dann von Gier die Rede und von 120.000 Euro – eine reine  Phantasiezahl. Sie erweckte den Anschein, als würde Dieter Birr dieses Geld einfordern. Der Frontmann schwieg lange beharrlich zu allen Dramen in seiner Band, die fast ein halbes Jahrhundert miteinander Musik gemacht hat: Familienprobleme bleiben in der Familie, fand er. Nicht mal seinem insistierenden Biografen Wolfgang Martin erzählte er von dem Streit, der ihn 2013 so aus der Bahn gekippt hatte, dass er danach seinen schweren Entschluss traf.

Es kam zu keiner gütlichen Einigung der Puhdys. Dieter Birr reichte Klage ein. Nach dem gescheiterten Gütetermin Ende 2019 gab er der Berliner Zeitung das einzige Interview zu dem Vorgang. Selbst da zögerte er noch, von dem tiefen Zerwürfnis 2013 zu erzählen.

Damals entstand das Album „Heilige Nächte“ – ohne einen neuen Titel von Dieter Birr. Offensichtlich hatte es lange gebrodelt in der Band. Dieter „Maschine“ Birr, der große Frontmann mit dem Knittergesicht, war immer der Schillerndste unter ihnen, Darling der Medien und der Frauen. Er verdiente das meiste Geld, hatte Soloplatten, eine eigene Biografie und führte sich offensichtlich auch gern als Lenker und Bestimmer auf. Tobte, wenn Kollegen unvorbereitet zur Probe kamen.

Vielleicht wollten es ihm die anderen einfach mal zeigen. Jedenfalls präsentierten sie ihm eines Tages ein fast fertiges Album, er könne sich aussuchen, welchen Titel er singen wolle.

Wer nun denkt, da hätten die Kollegen nun endlich mal ihre „unterdrückten“ Kompositionen eingebracht – nein. Nicht eine! Neben ein paar Remixen gab es nur fremde Kompositionen auf der Platte, fremde Arrangements, fremde Texte sowieso. Nur der Name stand noch da: Puhdys. Alle wussten Bescheid – nur einer nicht. Sylvia Birr, Ehefrau seit über 40 Jahren, erzählt, wie sie es mit der Angst bekam, als ihr Mann damals drei Wochen in Schockstarre verfiel. Birr: „Ich war fertig mit der Welt. Sie sagten, mit mir könne man ja nicht reden. Aber sie haben es auch nicht versucht. Plötzlich stand ich allein da.“ Es soll die am schlechtesten verkaufte Puhdys-Platte aller Zeiten geworden sein.

Vor Gericht

Nun geht der Urheberstreit also vor Gericht. Am Anfang steht ein Musterprozess über die Zuordnung von zehn Titeln, darunter „Alt wie ein Baum“, „Lebenszeit“ und „Eisbärn“. Ein Richter muss entscheiden, wer die Wahrheit sagt. Ob der musikalische Kopf nach einer Kränkung kreative Zuschreibungen richtig stellen will oder ob hier Musiker jahrzehntelang zusammen Melodien erfunden haben. Die Puhdys dürften gemeinsame Kompositionen beschwören – bis auf den, der eine andere Geschichte erzählt.

Natürlich wird die Beweisführung zu unerträglicher Pein führen. Traurig, dieses Ende der erfolgreichsten DDR-Rockband – die meisten Platten, die größten Konzerte, Ruhm auch im Westen und Geld ohne Ende. Sie waren nicht die Lieblinge der Kritik, aber ihre Musik gehört zum Klangbild der DDR. Sie könnten gemütlich die Früchte ihres Ruhms einfahren. Sie sind überaus wohlhabende ältere Herren, abgesehen vielleicht von Wosylus. Aber nein. Sie streiten um vergleichsweise lächerliche Summen, es  geht um geschätzt 20.000 bis 25.000 Euro im Jahr für alle zusammen, Tendenz sinkend. Es gibt ja keine Konzerte mehr und keine neuen Platten.

Um Geld, sagt Dieter Birr, sei es ihm nie gegangen, sondern um die Rechte, die Anerkennung einer Lebensleistung. Sonst hätte er wohl auch früher nichts abgegeben. Mit seinen Kompositionen soll künftig anständig umgegangen werden. Die Vorstellung, dass seine Frau oder seine Kinder irgendwann mit den Puhdys-Musikern oder ihren Angehörigen über die Weiterverwertung von „Alt wie ein Baum“ streiten müssen, die findet er einfach „schwer erträglich“.