Sie macht es richtig: Eine Frau fährt mit Maske in Berlin S-Bahn. In anderen Bundesländern ist dies bereits vorgeschrieben. In Berlin soll die Pflicht vom 27. April an gelten.
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BerlinDie Maskenpflicht für Fahrgäste des Nahverkehrs, die der Senat dem Vernehmen nach am Dienstag beschlossen hat, stößt auf ein unterschiedliches Echo. „Wer soll diese Pflicht durchsetzen?“, fragte Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes IGEB. Es wäre nicht die erste Regelung, die vom guten Willen aller Akteure abhängt – der im Berliner Nahverkehr nicht immer die Regel sei. „Dort bekommt man ja nicht einmal das Alkoholverbot durchgesetzt“, sagte Wieseke. Auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) hätte man eine andere Lösung bevorzugt.

„Eine Empfehlung, in Bahnen und Bussen Masken zu tragen, würden wir auf jeden Fall unterstützen“, sagte Petra Nelken, die Sprecherin des Landesunternehmens. Dagegen sollte sorgfältig überlegt werden, ob es sinnvoll ist, eine solche Aufforderung als rechtliche Verpflichtung zu formulieren.  

„Ob eine Verordnung des Landes eingehalten wird, darf nur von der Polizei und den Ordnungsämtern kontrolliert werden“, so Nelken. „Unsere Mitarbeiter wären nicht dazu befugt, eine Maskenpflicht durchzusetzen. Es wäre auch nicht unsere Aufgabe.“ Befürchtet wird, dass stattdessen Fahrgäste kontrollieren, ob Masken getragen werden, was zu Streit führen könnte: „Wir wollen keine Selbstjustiz.“

Dagegen setzt der Senat gerade auf „soziale Kontrolle“ und „deutliche Ansprache“, wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller am Dienstag nach der Senatssitzung betonte. Sicher wäre die Maskenpflicht nur die zweit- oder drittbeste Lösung, so der SPD-Politiker. Doch weil es im Nahverkehr nicht immer möglich sei, Abstand zu halten, gebe es keine Alternative. Ein Bußgeld sei nicht vorzusehen - jedenfalls vorerst. Müller hofft, dass die Maskenpflicht auch ohne eine solche Sanktionsmöglichkeit eingehalten wird.

Doch auch der Fahrgastverband würde es besser finden, wenn sich der Senat mit einer ernsten Empfehlung begnügen würde. „Schon dies könnte hilfreich sein und zu Ergebnissen führen“, so IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Bei einer Pflicht stelle sich die Frage, wie die Fahrgäste an Mund- und Nasenschutz gelangen. „In Luxemburg bekam jeder Bürger vom Staat fünf Masken per Post zugesandt“, berichtet er. In Berlin müsse sich jeder selber bemühen – was nicht einfach sei. „Wichtiger als eine Maskenpflicht ist aus unserer Sicht, im Nahverkehr für ausreichend Kapazität zu sorgen, damit die Fahrgäste Abstandsregeln einhalten können“, so Wieseke.

„Eine generelle Maskenpflicht in Bus und Bahn wird Fahrgäste belasten – und andere auch verschrecken. Um 22 Uhr sollte sich niemand in der U-Bahn wie in einer Geisterbahn fühlen, weil nur noch wenige, aber alle maskiert fahren“, warnte der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar. Der Grünen-Politiker sprach sich gegen eine generelle Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr in Deutschland aus. „Wir brauchen klare Voraussetzungen für die Anordnung einer Pflicht zum Mund- und Nasenschutz im Nahverkehr. „Das pauschale Agieren einzelner Bundesländer widerspricht dem“, sagte er. Voraussetzung sollte sein, dass die verfügbaren Informationen darauf hinweisen, dass es sich bei dem betreffenden Gebiet um einen lokalen Infektionsherd handelt.

Gelbhaar forderte, Einschränkungen aufzuheben. Als zusätzliche Werbung sollte überlegt werden „temporäre 365-Euro-Jahrestickets“ anzubieten.

Tilmann Heuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hatte dagegen bereits Ende März eine „Vermummungspflicht“ im Nahverkehr gefordert. „Da das Infektionsrisiko gesenkt wird, dürfte die Nutzung des Nahverkehrs akzeptabler werden“, gab er zu bedenken. „Der Nahverkehr ist ein Leidtragender der Coronakrise, da ihn nun wegen des vermuteten Infektionsrisikos viele Menschen meiden.“

Die Gefahr, sich in Bahnen und Bussen anzustecken, habe die Fahrgastzahlen einbrechen lassen, stellte Robert Follmer vom Meinungsforschungsinstitut Infas fest. „Das könnte zu dauerhaften Kundenverlusten führen“, warnte er. Eine Maskenpflicht könnte Teil eines Gesamtpakets werden, Vertrauen zurückzugewinen. Wichtig wäre auch, „maximale Kapazität“ wiederherzustellen.

„Warum nicht einen netten Aufklärungsspot, was man bei den BVG alles unternimmt, wie man als Fahrgast zur Entspannung beitragen kann, eine Maske erhält, sie richtig nutzt und so weiter“, schlug Follmer vor. Vielleicht könnten die Verkehrsunternehmen sogar Masken zur Verfügung stellen, was aktuell allerdings schwierig sei, oder eine eigene Schnittanleitung zum Selbernähen veröffentlichen. Denkbar wäre in Berlin auch eine „BVG-Nähstube mit Straßenverkauf“. Solche Sympathieaktionen wären sinnvoll, sagte der Infas-Bereichsleiter Verkehrs- und Sozialforschung. „Das Thema Corona wird die Betriebe ja noch eine längere Zeit begleiten.“

Robert Follmer vermisst bei Verkehrsunternehmen „Fürsorge und Mitgefühl“. „Beides kam zu kurz.“ Anstatt darauf zu verweisen, dass Desinfektion nur kurzfristige Wirkungen hat, die beim Zustieg der nächsten Fahrgäste wären kürzere Reinigungsintervalle sinnvoll gewesen. Der Forscher kritisierte auch, dass die Fahrpläne ausgedünnt wurden – Berlin sei da keine Ausnahme gewesen. Länder und andere Aufgabenträger, die für die Steuerung des Nahverkehrs zuständig sind, hätten sich stärker einmischen müssen, sagte er.

„Dass auf eine Desinfektion von Bussen und Bahnen von Seiten der Verkehrsbetriebe verzichtet wird, vergrößert zwar nach Expertenmeinung nicht das Infektionsrisiko, psychologisch hinterlässt es jedoch bei vielen Nutzern ein Gefühl der Unsicherheit“, heißt es in dem Bericht „Alles anders oder nicht? Unsere Alltagsmobilität in der Zeit von Ausgangsbeschränkung oder Quarantäne“. In dem am 17. April vorgelegten Papier stellen Infas und das Berliner Unternehmen MotionTag dar, wie sich das Verkehrsverhalten während der Coronakrise in Deutschland entwickelt hat. Die Daten stammen von rund tausend Mobiltelefonnutzern, die auf der MotionTag-Plattform aktiv sind.

Die Auswertung des Handytrackings ergab unter anderem, dass der öffentliche Verkehr „fast vollständig gemieden“ wird, so der Bericht. Bundesweit sei die Zahl der Kilometer, die mit Bahn und Bus zurückgelegt wurden, überproportional um 75 Prozent zurückgegangen. Dagegen konnte das Auto anteilig deutlich zulegen. Dort gingen die Nutzungen montags bis freitags nur um rund 30 Prozent zurück.

Der Fußverkehr erwies sich ebenfalls als Gewinner der Krise. „Gegenwärtig sind die Tracking-Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr als 20 Minuten pro Tag zu Fuß unterwegs“, heißt es. Nehme man das Radfahren hinzu, summiere sich die muskelbetriebene Mobilität derzeit  sogar auf rund 30 Minuten pro Tag. Vor der Krise waren es zirka 20 Minuten. Zwar stieg der Radverkehr anteilig an. Doch bleibe die durchschnittlich zurückgelegte Entfernung mit einem Kilometer pro Tag „weiterhin nicht wirklich groß“, so die Forscher.

BVG-Sprecherin Nelken wies den Vorwurf, dass Bahnen und Busse nicht oft genug gereinigt werden, zurück. Desinfektion hätte nur kurzfristige Wirkung, bestätigte sie. „Außerdem ist eine U-Bahn kein Krankenhaus. Doch wir reinigen unsere Fahrzeuge oft und umfassend, so viel wie noch nie zuvor“, so Nelken.