Den Al-Quds-Marsch in Berlin kann man vor allem als eine vom Iran ferngesteuerte Veranstaltung verstehen. An der antiisraelischen Hetzveranstaltung am vorigen Sonnabend auf dem Kurfürstendamm waren hochrangige Vertreter der islamischen Republik beteiligt.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) und  das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) haben sich Teilnehmer und Parolen des Marsches genauer angesehen. Ihre Auswertung veröffentlichen beide Organisationen an diesem Donnerstag.

Dass mit 1200 Teilnehmern doppelt so viele Teilnehmer zur Demo kamen wie 2017 führen die Auswerter darauf zurück, dass schiitische Autoritäten bundesweit in ihren Gemeinden zur Teilnahme in Berlin aufgerufen hatten. So wurde kurz vor der Demo in einem islamistischen  Blog die Teilnahme von Ayatollah Reza Ramezani, dem Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) und höchster Vertreter Irans in Europa  angekündigt. Seine Freitagspredigt im IZH widmete  er dem „Leid in Palästina“ und begründete darin die religiöse Bedeutung des Qudstags für die schiitischen Gemeinschaften.  Entgegen der Ankündigung beteiligte sich Ramezani nicht an der Demo.

Hochrangige Geistliche beim Marsch dabei

Dafür erschienen laut Auswertung hochrangige Geistliche wie Seyed Mousavi, stellvertretender Leiter des IZH, sowie Hamidreza Torabi, Direktor der Islamischen Akademie Deutschland (IAD)  und Sprecher des IZH, Muhammad Mohsen IAD-Dozent und Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) und Sheikh Hassan Shahrour Imam  der al-Mustafa-Moschee in Neukölln. Dieser war in der Vergangenheit durch die Glorifizierung von getöteten Terroristen der Hizbollah aufgefallen.

Redner wie der langjährige Cheforganisator Jürgen Grassmann wetterten gegen „zionistische Medien“, forderten die Vernichtung  Israels und verbreiteten antisemitische Verschwörungsmythen.

Staat kooperiert mit IZH und IGS

RIAS und JFDA stellen in ihrer Auswertung fest, dass der diesjährige Qudstag-Marsch vom Versuch geprägt war, Anschluss in der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu finden. Mit der Parole "Nie wieder" auf ausgegebenen Schildern und initiierten Sprechchören sollte laut den Autoren eine Anschlussfähigkeit sowohl an das antifaschistische Selbstverständnis der Bundesrepublik als auch zum "deutschen Schuldabwehr-Antisemitismus" hergestellt werden. Die Politik Israels sei mit den nationalsozialistischen Verbrechen gleichgesetzt worden, schreiben RIAS und JFDA.

Wie schon im vergangenen Jahr sei der antisemitische Charakter der Veranstaltung trotz schärfer Auflagen seitens der Behörden nicht kaschiert und  in Form von Aussagen und  Angriffen auf Gegendemonstranten  ausgelebt worden, stellt Benjamin Steinitz von RIAS fest.  

Lala Süsskind, Vorsitzende des JFDA, zeigte sich über die Teilnahme von Repräsentanten des IZH und der IGS  schockiert:  "Ich bin bestürzt, dass Repräsentanten von Organisationen, die sogar Teil des Staatsvertrages sind und für die Stärkung des demokratischen Staatswesens beitragen sollten, als aktive Teilnehmer einer antisemitischen Demonstration auftreten." Man solle überdenken, ob der Staat mit solchen Organisationen kooperieren dürfe.

Aufruf zur Eroberung Jerusalems

Der alljährlich stattfindende internationale Al-Quds-Tag (Quds ist der arabische Name für Jerusalem)  wurde 1979 vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini ins Leben gerufen. Dabei wird die "Befreiung" Jerusalems und des "Landes der Palästinenser" von den Zionisten gefordert.

Die Quds-AG um den Berliner Jürgen Grassmann, die die Demos in Berlin seit Jahren organisiert, wies in einer Erklärung zurück, dass iranische Geistliche in die Organisation der Demonstration involviert sind: "Wir brauchen keinen Befehl aus Teheran, um gegen die Verbrechen Israels zu demonstrieren", heißt es unter anderem.

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