Rund 55.000 Austräger von Kaufland-Prospekten verlieren ihren Job. Diese Nachricht hat Ende September Aufsehen erregt. Die Gewerkschaft Verdi sprach von der „wahrscheinlich größten Massenentlassung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. Nach einem Tag war die Nachricht schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Dabei sind von der Kaufland-Entscheidung, den „Tip der Woche“ künftig von externen Dienstleistern verteilen zu lassen, zahlreiche Menschen betroffen: Minijobber, regulär Beschäftigte und Selbstständige – in Berlin und anderswo.

Zum Beispiel Peggy Scholz. Die Berlinerin hat sich vor vier Jahren mit einem Getränkelieferservice selbstständig gemacht. Nebenbei hat sie einen Minijob beim Tip-Werbeverlag angenommen. Der Verlag gehört zur Kaufland-Gruppe und ist bislang für die Verteilung des „Tip der Woche“ zuständig. Scholz hat als Gebietsbetreuerin gearbeitet: Sie hat Prospekt-Austräger gesucht, Vertretungen organisiert und Beschwerden bearbeitet. Zwischen 300 und 400 Euro habe sie pro Monat dafür bekommen, erzählt die 50-Jährige. Das ist bald vorbei. Peggy Scholz ist zum 31. Oktober gekündigt worden. Eine Abfindung wurde ihr nicht angeboten.

Aufträge verloren

Peggy Scholz hat nicht nur als Minijobberin, sondern auch als Selbstständige für den Tip-Werbeverlag gearbeitet. Ihr kleines Unternehmen hat freitags Kaufland-Prospekte an Zusteller verteilt. Pro Monat kamen mal 1300, mal 1600 Euro zusammen, je nach Gewicht und Zahl der Abladestellen, erzählt Scholz. Sie war froh über Minijob und Lieferauftrag, das waren feste Einkünfte, mit denen sie rechnen konnte. Doch auch der Transport-Auftrag wurde gekündigt. Die Selbstständige Peggy Scholz kann nun ihrerseits einen Minijobber, der bei den Freitagsfahrten dabei war, nicht mehr beschäftigen.

Andere Selbstständige trifft die Kaufland-Entscheidung noch härter als den Lieferservice von Scholz. „Es gibt Kleinspediteure, die haben mit ihren Touren am Freitag ihr Haupteinkommen erzielt“, sagt Peggys Ehemann Detlef Scholz, der häufig die Prospekt-Lieferungen übernommen hat.

Bundesweit hat der Kaufland-Verlag 55.000 Minijob-Verträge mit Austrägern und Gebietsbetreuern beendet. Außerdem wurden rund 100 Festangestellten gekündigt, 20 davon in Dallgow bei Berlin. Wie viele Spediteure ihren Auftrag verloren haben, sagt Kaufland nicht. Das Unternehmen verrät auch nicht, wie viele Minijobber in Berlin entlassen wurden.

Die Gewerkschaft ist machtlos

Für Kleinbetriebe wie den Lieferservice von Scholz ist die Gewerkschaft nicht zuständig. Und Minijobber sind selten gewerkschaftlich organisiert. So hat Verdi zwar zunächst die „Massenentlassung“ beklagt. Doch danach herrschte wieder Ruhe. Verdi kann auch nicht sagen, wie viele Austräger in Berlin ihren Job verlieren. Und Kaufland will dazu nichts sagen. Sind es 5000 Menschen, wie Betroffene schätzen?

In manchen Regionen wird der „Tip der Woche“ bereits seit Jahren von Fremdfirmen verteilt, etwa von Verlagen, die den Prospekt zusammen mit ihren eigenen Anzeigenblättern zustellen. Künftig wird die komplette Auflage von 20 Millionen Exemplaren von externen Dienstleistern verteilt. Und welche Chancen haben die ehemaligen Tip-Zusteller, dort angeheuert zu werden?

Manche Verlage werden vielleicht Austräger einstellen, sagt Herbert Zelzer, Geschäftsführer der bayerischen Wochenblatt Verlagsgruppe, die den Tip seit vielen Jahren im Südosten Bayerns verteilt. Bei anderen würden die bisherigen Zusteller wohl einfach einen Prospekt mehr in die Briefkästen werfen. Klar ist, dass viele Austräger künftig mehr Geld erhalten. Die Zusteller des „Tip der Woche“ haben von Januar an Anspruch auf den vollen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.