Jeder kennt sie. Die Weltzeituhr vom Alexanderplatz gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wer sich auf dem Alexanderplatz verabredet, schlägt meist die Uhr als Treffpunkt vor. Sie ist einfach nicht zu verfehlen. In der DDR gab es noch Briefmarken und Gedenkmünzen als Motiv, doch seit der Wende nicht mehr. Überraschenderweise konnte man sie bislang auch nicht als Modell oder Abbildung auf Kleidung und Gegenständen kaufen, jedenfalls nicht legal. Doch das ändert sich nun.

Der emeritierte Berliner Professor für Industriedesign, Erich John, hat die Weltzeituhr vor 50 Jahren erfunden und gebaut. Er ist der Urheber, ihm gehören die Vermarktungsrechte. Allerdings hat er sich nicht weiter darum gekümmert, und niemand hat sich dafür interessiert.

Seit 2015 unter Denkmalschutz

Jetzt überträgt Erich John die Lizenz, die Uhr als Souvenir zu verkaufen, einem Berliner Start-up. „Ich bin alt und möchte, dass die Vermarktung der Weltzeituhr in gute Hände kommt“, sagt Erich John, 86. Seine Uhr soll weltweites Symbol für Völkerverständigung und Frieden werden. „Wir haben auf unserer Erde nur eine Weltzeit“, sagt John. „Die Weltzeituhr zeigt, wie sie funktioniert.“

Mittwoch wird der Designer aus Biesdorf seine Vermarktungsrechte an den Geschäftsführer des Start-ups Weltzeituhr, Carsten Kollmeier, übertragen. Die Uhr gehört aber weiterhin dem Land Berlin. Seit 2015 steht sie unter Denkmalschutz, weil sie „ein Zeugnis von geschichtlich überragender Bedeutung“ sei, hatte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher damals gesagt.

Kollmeier hat das zehn Meter hohe Bauwerk als Teenager kennengelernt, als er mit seiner Schulklasse von Heidelberg nach Ost-Berlin gefahren war. Heute sagt der 47-Jährige Unternehmer und Kulturmanager, die Weltzeituhr sei ein zeitgeschichtliches Wahrzeichen der Stadt, eine Design-Ikone und ein Unikat.

Weltzeituhr im Miniformat

Kollmeier leitet das private Dalí-Museum am Potsdamer Platz. Vor anderthalb Jahren lernte er Erich John kennen und stellte ihm sein Vermarktungskonzept vor. Das gefiel dem Erbauer. Kollmeier hat ihm versichert, dass die Weltzeituhr nicht als Ramsch in Souvenirläden komme. Von hochwertigen, in deutschen Manufakturen und zum Teil handgefertigten Produkten ist die Rede, von maßgetreuen Modellen aus Edelstahl. Die Weltzeituhr kann jetzt auch auf Textilien und Taschen zu sehen sein. 30 Produkte werden im Online-Shop verkauft.

Geplant ist eine Weltzeituhr in Miniformat, die alle Zeitzonen anzeigt und funktioniert. „Wir werden jetzt im Sinne des Erfinders auf dieses Werk aufpassen“, sagt Kollmeier. Zehn Prozent des Gewinns kommen der Uhr zugutekommen. Eine Tafel wird über ihre Geschichte informieren, eine Open-Air-Ausstellung ist geplant, ebenso Konzerte, die 24 Stunden dauern – also rund um die Uhr.

Ein naturwissenschaftlich-philosophischer Entwurf

Vor 50 Jahren war daran nicht zu denken. Erich John war damals Dozent an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Weißensee (heute Kunsthochschule Weißensee). John hatte dort zuvor Formgestaltung studiert.

1968 bat ihn der Professor für Malerei und spätere Rektor der Kunsthochschule, Walter Womacka, John möge sich an einem Wettbewerb zur Gestaltung des Alexanderplatzes beteiligen. Es geht um sozialistischen Realismus, um großzügige Stadtplanung in der Hauptstadt der DDR. Auf dem Alex haben Bauarbeiter 1966 Reste einer Urania Säule gefunden, die den Berlinern einst das Wetter und die Uhrzeit angezeigt haben.

 Erich John, damals 36 Jahre alt, entwirft für den Wettbewerb eine Uhr mit allen Zeitzonen, auf der Rotunde steht die Uhrzeit von über 140 Städten der Welt. Darüber dreht sich das Planetensystem als Grundlage unserer Zeitmessung.

Es ist ein naturwissenschaftlich-philosophischer Entwurf, den John der Jury vorlegt, es geht um Astronomie, um Zeit als physikalische Größe, ohne politische Bekenntnisse zum Sozialismus und revolutionäre Parolen. „Trotzdem haben alle von meinem Entwurf Feuer gefangen“, erinnert sich Erich John.

Von 120 Facharbeitern gebaut

Im Dezember 1968 bekommt er den Auftrag, die Weltzeituhr zu bauen. Es muss schnell gehen. Zur feierlichen Eröffnung des neu gestalteten Alexanderplatzes und des Fernsehturms soll das Bauwerk im September 1969 fertig sein, kurz vor dem 20. Jahrestags der DDR. Erich John zweifelt am Zeitplan, er versucht es trotzdem und stellt Bedingungen. „Ich habe finanzielle und technische Unterstützung gefordert“, sagt John. Das Zentralkomitee der SED sichert ihm alles zu.

Eine Feierabendbrigade wird gegründet, John fährt durch das Land, besucht Betriebe, die Material liefern. Ein Trabant-Getriebe wird ins Laufwerk gebaut. Geld spielt keine Rolle. 480.000 Mark kostet die 16 Tonnen schwere Uhr. 120 Facharbeiter bauen sie. Erich John sagt: „Für die Planwirtschaft der DDR war das eine technische Meisterleistung.“ Carsten Kollmeier meint, in diesem Sinne sei die Weltzeituhr nicht nur ein Denkmal, sondern auch auch ein Symbol für die Arbeit in der DDR.