Berlin - Am Schluss liegen sich alle in den Armen, selig und ein wenig ungläubig. Dass ihr Fußballverein Werder Bremen tatsächlich noch gewinnen kann, daran haben sie bis zum Abpfiff der Partie gegen Wolfsburg nicht so recht geglaubt. Umso lauter schallen am frühen Samstagabend die Werder-Rufe aus der Fankneipe Wilde 13 in Friedrichshain, hinaus auf die Gabriel-Max-Straße bis rüber zum Boxhagener Platz.

Doch die trunkene Freude der Werderfans ist nicht ungetrübt. Es ist das letzte Bundesliga-Heimspiel, das sie in ihrer Fankneipe in Friedrichshain sehen. Nur noch zwei Partien, das Pokalspiel am Dienstag gegen die Bayern und das Nordderby in Hamburg am nächsten Freitag, dann ist Schluss. Ende April muss Gastwirt Tommy Böcker raus. „Mein Pachtvertrag wurde nicht verlängert, weil die neue Hausbesitzerin keine Kneipe mehr will“, sagt der 56-Jährige.

Wohnzimmer für den Werder-Fanclub

Vor elf Jahren hatte Böcker seine Kneipe eröffnet. Da lebte er schon mehr als 30 Jahre in Berlin, doch seiner Liebe zu Grün-Weiß ist er treu geblieben. So wie viele seiner Gäste. Die Wilde 13, die nach der Piratenbande aus Michael Endes Jim-Knopf-Büchern benannt ist, wurde schnell zum „Wohnzimmer“ von Werderfans, die in Berlin leben. Und zum Sitz des mit 150 Mitgliedern größten Werder-Fanclubs in der Hauptstadt, der passenderweise auch Wilde 13 heißt. Zwar gibt’s in der Kneipe auch Musik, vor allem Punk und Rock’n Roll, aber der Fußball überstrahlt alles.

Fast jeder Bundesligaverein hat in der Hauptstadt seinen Fanclub und seine Fankneipe. Viele der Neu-Berliner bewahren sich so ein Stück Heimat. Für Aram, der in Spandau wohnt, ist genau dies die Wilde 13. Der 29-Jährige kam vor 20 Jahren aus Kuwait nach Deutschland. Sein erster deutscher Freund sei Werderfan gewesen. „Seither bin ich Werderfan“, sagt der Wirtschaftsjurist.

Auf der Leinwand und den beiden Bildschirmen in der Wilden 13 wird natürlich auch die 2. Liga gezeigt sowie Champions und Europa League. Doch wenn Werder spielt, ist es am vollsten. An den Wänden hängen Werder-Urkunden neben Spieler- und Trainerfotos. Auf den Tischen stehen Wimpel mit der grünen Raute. Bei Heimspielen singen alle die Vereinshymne mit. Und dann noch „Highway to hell“, was früher im Weserstadion erklang. Selbst das Bier kommt aus Bremen. Ebenso wie der „Mövenschiss“, eine Spezialität aus Pfefferminzlikör mit einem Schuss Eierlikör oben drauf.

Zeichen der Gentrifizierung

Dass dies alles vorbei sein soll, trübt die Feierlaune der Werderfans. Auch nach drei Litern Bier, die Tommy Böcker wie immer nach einem Werder-Sieg in gläsernen Stiefeln ausgibt, wird diskutiert. Nick Willer, Präsident des Fanclubs, gibt der Gentrifizierung die Schuld. „Guck dich doch um hier“, sagt der 51-Jährige, der einst im Kiez Häuser besetzt hat und jetzt Unternehmer ist, und zeigt auf das eingerüstete Gebäude gegenüber.

„Wird alles schick gemacht für Leute mit Geld, da passen Punk und Fußball nicht mehr.“ Doch weil auch das Fanleben weitergehen muss, hat er sich schon nach einer neuen Kneipe umgetan. Das „Panenka“ in Friedrichshain und „Tante Käthe“ im Wedding sind im Gespräch. Beides sei kein vollwertiger Ersatz, aber irgedwohin müssen sie ja mit ihrer großen Fußball-Liebe.