Klimawandel: Werder kämpft um die Kirschen

Zwei Millionen Euro investieren das Land Brandenburg und die Stadt Werder in die Klimawandel-Forschung. Die TU Dresden erhebt dafür Daten in den Plantagen.

Exakt in 1,80 Meter Höhe platziert der Hydrologe Franz Lennartz von der TU Dresden die Messgeräte am Kirschenspalier.
Exakt in 1,80 Meter Höhe platziert der Hydrologe Franz Lennartz von der TU Dresden die Messgeräte am Kirschenspalier.Sabine Gudath

Kleiner als eine Zigarettenschachtel sind die Geräte, von denen die Zukunft auf der Glindower Platte, der größten Obstanbaufläche vom brandenburgischen Werder, abhängt. Mit den unauffälligen Messeinrichtungen ist Großes geplant. Es geht um die Rettung des wichtigsten Wirtschaftszweigs der Gegend, es geht um den Obstanbau. Henry Klix, Pressesprecher der Stadt Werder, warnt mit besorgtem Blick auf die – noch – saftig grüne Kirschbaumplantage: „Der Klimawandel gefährdet zunehmend unsere Erträge.“ 

Höhe abmessen, Kästchen am Spalier platzieren, festhalten, Kabelbinder herumlegen – und fertig. Hundert von den mit hellgrauem Plastik geschützten Datensammelkästchen bringen der Hydrologe Franz Lennartz und sein Kollege Falk Wieland vom Institut für Hydrologie und Meteorologie der Technischen Universität Dresden an den Kirschbaumspalieren an. Franz Lennartz erklärt, wie wichtig dabei Sorgfalt ist: „Alle müssen sich in 1,80 Meter und in 3,70 Meter Höhe befinden, ob oben am Telegrafenberg oder unten in der Senke. Das sind rund zwanzig Meter Höhenunterschied, überall herrschen unterschiedliche lokale Klimabedingungen.“

So betreibt man Spitzenforschung: Durch die Sensoren sind die Wissenschaftler am Schreibtisch in Dresden allzeit gut informiert über die klimatischen Verhältnisse bei Blüte und Frucht im weit entfernten Werder. „Die Sensoren registrieren alle 15 Minuten Luftfeuchtigkeit und -temperatur. Die Daten funken sie an die Zentrale am Schornstein des Plantagenbesitzers Havelfrucht“, erklärt Franz Lennartz.

Geplant und errichtet hat die Funkleitungen für dieses Monitoring die Dresdner Firma Iot-Plan. Mitinhaber Christian Rudolf erläutert, wie die Infrastruktur aufgespannt ist. „Das Gateway am Schornstein funktioniert wie ein Wlan-Router. Bis zu 38 Kilometer weit können die Sensoren funken.“ Regen, Schnee und Kälte bis minus 30 Grad machen ihnen nichts aus, die Batterien halten drei Jahre. „Erprobt ist das schon lange in der Kühltechnik.“ Vom Gateway gehen die Daten in eine Cloud, aus der die Software im sächsischen Computer dann die Daten entnimmt und über Algorithmen auswertet.

Temperaturprofile als 3D-Modell

Damit arbeiten die Forscher und mit weiteren Erhebungen von drei Wetter-, zwei Bodenwasserstationen und Drohne. Werte wie Luftdruck, Niederschlag, Windrichtung, Ein- und Reflektionsstrahlung am Boden stehen zur Auswertung bereit. „Ziel ist es, Temperaturprofile als 3D-Modell zu erstellen“, sagt der Hydrologe Lennartz. „Damit lässt sich erkennen, in welchen Lagen und bei welchen unterschiedlichen Wetterverhältnissen der Baum wann wie viel Wasser braucht.“

Erkenntnisse, die nicht nur für Werder wichtig sind, sondern auch für andere Obstanbaugebiete. „Am Ende sollen eine intelligente Steuerung der Wasserversorgung und ein Bewässerungsatlas oder eine App-basierte Abnahme stehen“, sagt Henry Klix. 

Tröpfchen für Tröpfchen – Bewässerung auf der Glindower Platte.
Tröpfchen für Tröpfchen – Bewässerung auf der Glindower Platte.Sabine Gudath

Schon jetzt sind die Obstbauern sparsam, gibt es Wasser für die Pflanzen nur tröpfchenweise aus Schläuchen in 30 bis 40 Zentimetern Höhe. Natürlich sollen Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Sanddorn auch weiterhin genug zum Wachsen haben.  „Aber nicht mehr als notwendig“, sagt Lennartz ernst. Weil die Wasserversorgung bedroht ist. Der Sommer 2022 war nach den Aufzeichnungen des EU-Klimawandeldienstes Copernicus der wärmste jemals in Europa gemessene. Es wird immer wärmer und damit trockener.

Absehbar sei in Brandenburg, dass „die schönen großen Havelseen kleiner werden und eines Tages ganz austrocknen“, sagt der Forscher. Im Zuge dieser Entwicklung müssten pro Vegetationsperiode 150 Liter Wasser pro Quadratmeter zusätzlich bereitgestellt werden, um die Obstproduktion aufrechtzuerhalten.  

Die Sanierung des Glindower Brauchwasserwerks

Um einer Verschwendung der Ressourcen rechtzeitig Einhalt zu gebieten, investieren das Land Brandenburg und die Stadt Werder außerdem in die Sanierung des Glindower Brauchwasserwerks. Seit 85 Jahren fließt das mit quietschgrüner Entengrütze bedeckte Wasser aus dem Glindower See dort hinein. Vier mächtige, knallblau gestrichene Pumpen drinnen drücken es gesäubert durch 80 Zentimeter dicke Rohre, die auf 150 Kilometer Länge kreuz und quer verlegt sind über das 450 Hektar große Anbaugebiet.

Entengrützengrün fließt das Seewasser in das Wasserwerk Glindow.
Entengrützengrün fließt das Seewasser in das Wasserwerk Glindow.Sabine Gudath

843 Endnutzer, 751 Gartenbesitzer und 92 Betriebe wie Obstbaubetriebe und Baumschulen, versorgen mit bis zu 500.000 Kubikmeter Havelwasser jährlich ihre Pflanzen. Anders geht es nicht. Henry Klix, der Pressesprecher der Stadt Werder, erläutert: „Brunnen sind hier verboten, wir befinden uns in Landschafts-, Naturschutz- und Wasserschutzgebieten.“ Ohnehin sei das Seewasser nährstoffreicher als Grundwasser, wodurch man teuren Dünger spare. Und wärmer sei es auch, da fühlten sich die Pflanzen wohler.

Auch der Glindower See wird bereits weniger durch die anhaltenden Dürren.
Auch der Glindower See wird bereits weniger durch die anhaltenden Dürren.Sabine Gudath

Von außen ist das Wasserwerk ein schmuckloser beiger Bau mit leicht lädierter Fassade. Innen überrascht ein technisches Kunstwerk von einst. Sebastian Arnold, Sprecher des Landwirtschaftsministerium Brandenburg, berichtet: „Bei der Erbauung im Jahr 1936 war es beispielhaft für den technischen Fortschritt. Der Prototyp wurde auf der Weltausstellung 1934 in Brüssel mit Bronze geehrt.“

Viel geschafft, noch viel vor: Stefan Marten, Projektleiter für die Sanierung des Brauchwasserwerks Glindow.
Viel geschafft, noch viel vor: Stefan Marten, Projektleiter für die Sanierung des Brauchwasserwerks Glindow.Sabine Gudath

Lange her. Der 5000 Kubikmeter fassende raumhohe eiserne Druckbehälter von damals ist fast zerlegt. „Altmetall“, urteilt der technische Projektleiter für die Sanierung, Stefan Marten. Er ist seit 2017 dabei und hatte auch die Idee, das Forschungsprojekt mit der TU Dresden zu starten.

Heute Altmetall: Druckwasserbehälter im Brauchwasserwerk Glindow.
Heute Altmetall: Druckwasserbehälter im Brauchwasserwerk Glindow.Sabine Gudath

In den vergangenen fünf Jahren hat er mit zwei Mitarbeitern den zugewachsenen Stichkanal beräumt, zahlreiche Pumpenhavarien und Rohrbrüche bearbeitet, Trafos geplant – alles wird neu. Vor allem Regelungstechnik ist wichtig. „Dass der Druck in den Leitungen immer stimmt, daran arbeiten wir noch.“ Bisher regeln die Techniker händisch. Nimmt eine große Plantage Wasser ab, sinkt der Druck, und es kann nur wenig geliefert werden. Solche Schwankungen wird moderne Technik irgendwann besser ausgleichen. 

Techniker Holger Deichsel an den Pumpen im Brauchwasserwerk Glindow.
Techniker Holger Deichsel an den Pumpen im Brauchwasserwerk Glindow.Sabine Gudath

Hoffnungsvoller Nebeneffekt der Sanierung: Es soll eine Frostschutzberegnung in den Plantagen installiert werden. Heute drohen bei klirrendem Frost den Landwirten bis zu hundert Prozent Ernteausfall. Stefan Marten: „Für eine vollflächige Beregnung braucht man schnell extrem viel Wasser, bis zu 3000 Kubikmeter in der Stunde.“ Das Wasser umschließt die Blüten, vereist sie. Und so überleben sie die Frostnacht. 

Sebastian Arnold vom Landwirtschaftsministerium betont, wie wichtig es ist, die Arbeit der Obstbauern zu unterstützen. „Die Gartenbaubetriebe, die traditionsreichen Obstbauunternehmen sind nicht nur für ihre regionalen Produkte bekannt. Sie prägen seit Jahrzehnten die Kulturlandschaft in der Region. Alljährlich auftretende Blütenfröste und anhaltende Trockenperioden führen ohne entsprechende Präventionsmaßnahmen langfristig dazu, dass die Kulturen aufgegeben werden müssen.“ Nie wieder Baumblütenfest? Das kann niemand wollen.