Berlin - Die Kanäle, Flüsse und Bäche Berlins sind zusammengenommen mehrere Hundert Kilometer lang. Das hauptstädtische Wasser hat fast überall Badequalität, aber in einem guten Zustand sind Spree, Havel & Co. deshalb nicht. Zumindest nicht, was das Leben in ihnen angeht.

Doch das ist eher die Regel als die Ausnahme: Wie die Bundesregierung jüngst mitteilte, leben in 93 Prozent der deutschen Fließgewässer nicht mehr die Gemeinschaften aus Fischen, Pflanzen und Kleinstlebewesen, die dort eigentlich leben sollten. Ähnlich sieht es in den Seen aus.

Der Bundesregierung zufolge bietet nur jeder vierte einen brauchbaren Lebensraum. Noch dürftiger fällt das Ergebnis für Berlin aus. „Aktuell erreicht kein Gewässerabschnitt den guten ökologischen Zustand“, teilt die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz mit.

„Hotspots“ der Vielfalt

Von Natur aus sind Flüsse besonders artenreiche Lebensräume, das Bundesamt für Naturschutz bezeichnete sie 2015 im Artenschutzbericht als „Hotspots“ der Vielfalt. Seen und Flüsse bedecken zwar lediglich 0,8 Prozent der Erdoberfläche, beherbergen aber mehr als ein Drittel aller Wirbeltierarten.

Außerdem sind sie als Ökosysteme von unschätzbarem Wert. Es ist wichtig, dass sie intakt sind. Um ihrer selbst Willen als einzigartige Gemeinschaft von Lebewesen, und weil das auch für den Menschen essenziell ist. Die dort lebenden Organismen reinigen etwa das Gewässer von Schadstoffen oder wandeln diese um. Sie sorgen dafür, dass der See nicht umkippt. Funktioniert diese Selbstreinigung nicht, muss mit Technik nachgeholfen werden – das ist aufwendig.

Außerdem ist rechtlich festgelegt, dass Gewässer und die Lebewesen in ihnen geschützt werden müssen. Denn seit dem Jahr 2000 gilt auch hierzulande die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, nach der Seen und Flüsse bis spätestens 2027 in einem guten ökologischen Zustand sein sollen. Das ursprüngliche Ziel war 2015.

Zu viele Nährstoffe

Seit Jahren untersuchen Experten, wie es um das Vorkommen der Lebewesen in den Gewässern bestellt ist. Überprüft werden Wasserpflanzen, mikroskopisch kleine Algen (sogenanntes Phytoplankton), am und im Gewässerboden lebende Wirbellose und Fische. Daraus lässt sich ablesen, wie stark Gewässer durch den Menschen belastet sind. Ist etwa die Nährstoffbelastung hoch, vermehrt sich Phytoplankton stark.

Betrachtet man all diese Faktoren zusammen, kommt man zu dem Schluss, dass es um Berlins Gewässer nicht gut steht. Allerdings, so berichtet Matthias Rehfeld-Klein von der Umweltverwaltung, zeige sich ein anderes Ergebnis, wenn man die vier Faktoren einzeln bewertet. „So sind 40 Prozent der Berliner Flüsse und Seen hinsichtlich des Phytoplanktons bereits in gutem ökologischem Zustand, der Rest ist nicht schlechter als mäßig.“ Die Seen seien zwar mittlerweile klar, und die Wasserpflanzen bekommen viel Licht zum Wachsen, allerdings seien in den Sedimenten noch zu viele Nährstoffe zu finden, die vielerorts zu Massenwachstum einzelner Arten führten.

Nur der Müggelsee wurde mit gut bewertet

Um aber die Artenvielfalt zu stärken, gibt es bereits seit einigen Jahren viele Ideen. Beispielsweise hat die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser ein Programm mit mehr als hundert Maßnahmen zusammengestellt. „Umgesetzt wurde davon aber fast nichts“, sagt Christian Wolter. Er forscht seit 25 Jahren am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin.

Die Wasserqualität habe sich zwar sehr verbessert, aber das sei nicht alles. „Die Lebensgemeinschaften im Wasser brauchen mehr: Lebensräume, Laichplätze, bestimmte Strukturen“, sagt der Fischökologe. Das Fischereiamt hat 28 Messstellen in der Stadt, um zu prüfen, welche und wie viele Fischarten vorhanden sind. Die Ergebnisse sind ernüchternd. „Als einziger mit gut bewertet ist der Müggelsee“, sagt Wolter. „Hier leben viele Fischarten zusammen – so wie man es auch von einem See erwarten würde.“ Die Unter- und Oberhavel haben nur ein Unbefriedigend erhalten, Panke, Wuhle und Spree erhielten das Prädikat Schlecht.

Fehlende Möglichkeiten zur Fischwanderung

Bundesweit und auch in Berlin sind Flüsse meist keine Flüsse mehr, sondern gestaute und geregelte Gewässer. Am Boden findet sich Schlamm statt Kies, was vielen Fischarten das Laichen erschwert. „Die Wasserqualität hält die Tiere nicht von der Vermehrung ab, sondern die Bedingungen. Die Barbe legt ihre Eier in Kies ab – würde man solche Möglichkeiten schaffen, würde sie vielleicht auch wieder in der Spree heimisch werden“, sagt Forscher Christian Wolter.

Auch die Senatsumweltverwaltung spricht von „Defiziten“, die durch das Aufstauen des Wassers, fehlende Möglichkeiten zur Fischwanderung und durchweg zugebaute Ufer verursacht werden.
Der Rückgang der Arten ist aber kein neues Phänomen. „Mit dem Wasserstraßenausbau nach 1834 wurden viele Wehre gebaut und Flussläufe begradigt“, sagt Wolter. Lachse, die es damals noch bis nach Berlin schafften, verschwanden mit der Zeit.

„Kein Fluss in Berlin ist mehr so, wie er einmal war“

Die Panke war bis 1910 ein Forellenbach, 1965 wurde die letzte Barbe gefangen. Inseln, Auen und Biegungen sind Mauern und Wehren gewichen. Begradigungen und Umlegungen haben die Flüsse massiv verändert. „Die deutschen Flüsse sind heute im Durchschnitt 20 Prozent kürzer als vor 150 Jahren, fast 90 Prozent der Auen sind verschwunden“, sagt Wolter.

„Kein Fluss in Berlin ist mehr so, wie er einmal war.“ Die Panke sei in ein rechteckiges Korsett gezwängt worden. Sämtliche flache Bereiche am Ufer sind verschwunden, heute stehen da steile Betonmauern. Ähnlich ist es bei den Seen. Dort führen starke Wellen der Boote dazu, dass sich Lebewesen an den Ufern nur schwer ansiedeln können. „Sie schädigen das Schilf und spülen die Tiere aus ihren Lebensräumen“, sagt Matthias Rehfeld-Klein.

„Man könnte viel machen, um die Situation für die Tiere in den Flüssen zu verbessern“, ist sich Christian Wolter sicher. „Kiesbänke anlegen, flache Wasserbereiche schaffen, die steilen Mauern am Ufer entfernen.“ Zwar würde sich in der Stadt baulich nicht viel ändern lassen, denn die Mauern sorgen für den nötigen Hochwasserschutz. Dennoch hat der Ökologe viele Ideen: „Die Ufer der Panke könnten flacher gemacht, das Wehr zum Nordhafen entfernt werden, damit die Fische hindurchkommen, und das Tegeler Fließ wieder durchgängig gemacht werden.“

Renaturierung der Panke

Auch der Senat arbeitet an Verbesserungen und hat eine lange To-Do-Liste mit Projekten, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen. Die Renaturierung der Panke gehört dazu, wie die Umweltverwaltung mitteilt. Baubeginn könnte im nächsten Jahr sein. Konkrete Pläne für die Wuhle sind in Vorbereitung. Die Kosten für jedes Gewässer betragen etwa 20 bis 30 Millionen Euro.

Zudem werden die Klärwerke Schönerlinde, Münchehofe, Waßmannsdorf, Stahnsdorf und Ruhleben mit Filteranlagen ausgestattet, die die Nährstoffbelastung, etwa durch die Landwirtschaft, in Spree und Havel reduzieren sollen. Bis 2026 soll die Aufrüstung fertig sein, die Kosten werden auf 500 Millionen Euro geschätzt. Zudem sind Bodenfilter geplant, denn viele schädliche Substanzen gelangen durch Regen in die Gewässer: Öl und Reifenabrieb von den Straßen oder Konservierungsmittel aus Fassadenfarben.

Fließendes Wasser fehlt

Auch unterirdisch wird gebaut, um ein weiteres Problem zu beheben: die Mischwasserkanalisation. Besonders im Sommer bei starken Niederschlägen wie im vergangenen Jahr kommt es immer wieder zum Fischsterben, etwa im Landwehrkanal.

Denn das Regenwasser fließt in die Kanalisation, ist es aber zu viel, läuft das Wasser über. So gelangen Abwasser und Regenwasser in den Fluss, der Sauerstoffgehalt sinkt, die Fische sterben. Deshalb werden mehr Kapazitäten geschaffen, um das Wasser aufzufangen. 300.000 Kubikmeter Stauraum sollen bis 2022 fertig sein. Die Kosten belaufen sich auf etwa 150 Millionen Euro, von denen das Land Berlin 60 Prozent übernimmt, die Berliner Wasserbetriebe 40 Prozent.

Fast noch wichtiger, so Christian Wolter, sei es, für die Tiere Lebensräume zu schaffen. Was fehlt, sei fließendes Wasser. „Die Spree ist heute viel tiefer und breiter, als sie es früher war. Würde man Abschnitte verengen, würde das Wasser schneller fließen“, sagt der Experte. Zudem sei es entscheidend, dass die Tiere nicht mehr durch Wehre gehindert werden, in andere Gewässer zu gelangen.

Fischtreppen geplant

Berlin will künftig an mehreren Stellen dafür sorgen, dass Fische sich frei bewegen können. So soll der Bau von Fischtreppen an den Wehren Spandau und Charlottenburg beginnen, der Mühlendamm soll folgen. Allerdings, so die Senatsverwaltung, sei der Baubeginn noch nicht bekannt.

Bereits erfolgreich ist die Renaturierung des Neuenhagener Mühlenfließes im Osten der Stadt. „Dort wurden Wehre in raue Rampen umgebaut“, erklärt Wolter. „Damit wurden sie nicht nur für Fische passierbar, die Rampen aus Grobkies und Steinen dienen gleichzeitig als Laichplatz.“ Der Erfolg lasse sich unter anderem am Vorkommen des Döbel und der Bachschmerle, beides typische Flussfischarten, erkennen.

Für Berlins wertvolle Ökosysteme mangelt es nicht an Ideen, Plänen und Konzepten. Aber es gibt auch viele Gründe, weshalb sie nicht umgesetzt werden. Für Christian Wolter besteht eines der drängendsten Probleme darin, dass alles einfach so weitergeht wie bisher. „Es sind die gleichen Nutzer – Wasserkraft, Wasserstraße, Landwirtschaft, Hochwasserschutz –, die in der Vergangenheit die Flüsse so ausgebaut haben, wie sie heute sind, was wir als den weniger guten ökologischen Zustand bezeichnen. Jetzt sollen sie vieles davon rückgängig machen, womit sie sich schwer tun.“

Nach Wolters Einschätzung sind die geplanten Renaturierungsprojekte zu klein. „Es reicht nicht, nur ein bis zwei Prozent der Gewässerufer zu revitalisieren.“ Sichtbare Effekte erreiche man wahrscheinlich erst ab 20 bis 30 Prozent.

Eine Aufgabe für mehrere Generationen

Die Senatsverwaltung hat andere Erklärungen: Solche Projekte seien aufwendig zu planen, die Verantwortlichkeiten seien auf viele Stellen verteilt, und auch die Kosten dieser Vorhaben werden oft als Gegenargument herangezogen. Aber die Vorgaben stehen fest, und bis 2027 muss noch viel getan werden – unter Vorbehalt, dass die erforderliche Finanzierung bewilligt wird.

Der IGB-Experte Christian Wolter glaubt allerdings nicht, dass sich bis 2027 grundlegend etwas verändert. Schon der Artenschutzbericht des Bundesamtes für Naturschutz 2015 gab wenig Hoffnung: „Entgegen aller politischen Willensbekundungen, den Flüssen wieder mehr Raum zu geben“, habe sich die durchströmte Auenfläche in den vergangenen 20 Jahren nur um etwa ein Prozent vergrößert. Auch die Gewässerexperten der Berliner Senatsverwaltung sprechen von einer Aufgabe für mehrere Generationen.