An der Ernst-Schering-Schule in Wedding gibt es 500 Schüler und etliche Probleme. Viele Flüchtlingskinder lernen hier, immer wieder kommt es zu ethnischen und kulturellen Konflikten. Doch die Schule arbeitet an den Schwierigkeiten – unter anderem im Kurs Darstellendes Spiel. Dort läuft seit drei Jahren das Anti-Gewaltprojekt „West Side Berlin“ in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Botschaft. 14 Schüler haben mit der Regisseurin Sabine Winterfeldt, 47, erst ein Theaterstück und nun auch einen Film entwickelt, basierend auf dem Musical „West Side Story“. Der Film handelt von Gewalt, Bandenkriminalität und einer Freundschaft, die nicht sein darf.

Frau Winterfeldt, Sie sind im Märkischen Viertel aufgewachsen. Hat Sie das für die „West Side Story“-Geschichte über rivalisierende Jugendgangs prädestiniert?

Wenn man im Plattenbau am Wilhelmsruher Damm groß wird, prägt einen das natürlich. Dort lebten viele Migranten und Flüchtlingsfamilien. Ich war zwar nicht Teil einer Gang, aber es gab klare Abgrenzungen. Mit den Kindern aus dem Erdgeschoss spielte man nicht, das waren Kinder von Alkoholikern, manche gingen auf den Babystrich. Später, in meinem Beruf, hat mich die Welt der Reichen und Schönen nie interessiert. Ich will Probleme anpacken, Dinge von gesellschaftlicher Relevanz.

Wie kam es zu „West Side Berlin“?

Bei einem Schultheaterprojekt meiner Tochter bekam ich Lust, im sozialen Bereich zu arbeiten. Ich rief in der JVA Wriezen an, dort durfte ich dann mit Häftlingen drei Jahre lang Schillers „Räuber“ inszenieren. Später war ich im Jugendknast Plötzensee, dort entstand die erste Fassung der adaptierten „West Side Story“. Die haben wir dann in die Weddinger Schule gebracht, nach dem Vorbild eines gewaltpräventiven Theaterprojekts in Seattle. Die amerikanische Botschaft wollte so ein Projekt auch in Berlin umsetzen. Damit begann die Zusammenarbeit.

Wie war die Arbeit mit den Jugendlichen an einer Brennpunktschule?

In dieser Klasse gibt es Palästinenser, Bosnier, Roma und Türken, viele haben einen Flüchtlingshintergrund und traumatisierte Eltern. Manchmal hatten die Schüler einfach keinen Bock, dann wurde es laut, alle brüllten durcheinander. Das war anstrengend. Die Herausforderung bestand darin, zu motivieren. Da gab es zum Beispiel ein recht aggressives Mädchen, zu ihr sagte ich, deine heftige Energie ist gut, nur nutze sie auf der Bühne, um etwas Neues entstehen zu lassen. Das hat funktioniert.

Und wie kann der Film bei der Gewaltprävention helfen?

Wir haben den heftigen Ton, der an der Schule herrscht, im Film aufgenommen. Die patriarchalen Strukturen, die Angst vor dem Anderssein, das alles ist Teil der Geschichte. Wenn der Hauptdarsteller zu einem Kumpel sagt, er unterscheide Frauen ja nur in Mütter, Schwestern und Schlampen, dann ist das Realität und nicht nur ein Drehbuch-Dialog. Die Jugendlichen haben sich mit Gewalt und Vorurteilen auseinandergesetzt. Und der Polizeiabschnitt 35 in Wedding, der das Projekt begleitet hat, wird den Film künftig an Berliner Schulen zeigen.

Sie haben drei Jahre lang mit den Jugendlichen gearbeitet. Wie hat das Projekt die Schüler verändert?

Das Problem ist, dass viele von ihnen in unserer Gesellschaft nicht ankommen. Im Film hört man ja auch, dass sie die Sprache nicht richtig können. Dadurch traut ihnen keiner etwas zu, dabei sind das kluge, talentierte Kinder. Durch unsere Arbeit sind sie viel kommunikativer und offener geworden, die Klasse hat sich sehr verändert. Sie ist stolz auf ihren Film. Solche Projekte sollte es an jeder Schule geben, damit diese Jugendlichen endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Interview: Anne Vorbringer

Verlosung: Die Premiere von „West Side Berlin“ am 24.6. um 16.30 Uhr im Kino Babylon ist nicht öffentlich. Wir verlosen 3x2 Tickets, die Hotline ist am Mo, 23.6. von 11 bis 11.10 Uhr unter 23 27 70 22 geschaltet.