Berlin - Berlin wächst. Aus einer fast 20 Jahre währenden Schrumpfung recht plötzlich erwacht, reckt und streckt sich die Stadt, stößt an an ihre Grenzen und ächzt unter Dehnungsschmerzen. Wer sehen will, der sieht vor allem ungeordnetes Wachsen. Kein Plan nirgends. Hier mal ein Wohngebiet, dort was anderes. Hingebaut, wo Platz ist oder der Widerstand gering oder ein spezielles lokales Interesse besteht.

Es fehlt ein Bild davon, wie diese Millionenstadt in 50 Jahren aussehen soll, und das Unbehagen an diesem Mangel wächst. Deshalb richtet der Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (AIV) einen internationalen städtebaulichen Wettbewerb aus. Es geht um Ideen, wie die Großstadtregion lebenswert gestaltet werden soll. Es geht um alles: Bauen, Wohnen, Verkehr, Grün und Klima, Versorgung, Entsorgung, Digitalisierung, Freizeit.

Auf einer Pressekonferenz am Dienstag im Kronprinzenpalais machte die Stadtforscherin Johanna Sonnenburg klar, dass man keine Fachdebatte auslösen will, sondern umfassende zivilgesellschaftliche Beteiligung anstrebt.

Der Stadtplaner Harald Bodenschatz hatte zuvor ein wesentliches Element dafür vorgestellt: eine über Jahre entwickelte Ausstellung, die die großen Themenkomplexe aufzeigt und Grundlagen für die Debatte bietet.

Berlin-Brandenburg 2070: Alles offen für die Diskussion über ein regionales Leitbild 

Sie wird von Oktober bis Dezember im Kronprinzenpalais der Öffentlichkeit zugänglich sein. Bodenschatz erinnerte an die historische gewachsene Struktur der ins Umland ausgreifenden metropolitanen Struktur: den Siedlungsstern. Die radialen Straßen und Bahnstrecken aus Berlin heraus ins Umland bilden die Strahlen dieses Sterns. Entlang dieser Strecken verlaufen die verkehrstechnisch erschlossenen Bereiche. Dort liegen auch die Siedlungen der Zukunft. Die Räume dazwischen sollen grün bleiben – großzügige Erholungsflächen für die Menschen.

Die Expansion der Stadt soll also geordnet dort stattfinden, wo Menschen günstig ihre Wege zurücklegen können, zum Beispiel entlang der Regionalbahn-Linien – also richte man seinen Blick nach Luckenwalde, Luckau oder Eberswalde.

Als 1920 sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke fusionierten, leisteten viele im Umland Widerstand. „Es schütze uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband“, wird der Spandauer Stadtrat Emil Müller zitiert. Das Konfliktpotenzial ist auch heute groß, obwohl eine Eingemeindung des Speckgürtels nicht zur Debatte steht.

Jan Drews von der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg erinnert daran: Brandenburg sei kein unbesiedeltes Land, kein weißer Fleck. Würden die Ängste vor dem Moloch Berlin nicht beachtet, säße man in der Falle.

Also: Alles offen für die Diskussion über ein regionales Leitbild, das weit über die Kiez- oder Gemeindeperspektive hinausreicht.