Ebenfalls systemrelevant und schlecht bezahlt: eine Kassiererin im Supermarkt. 
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BerlinWochenlang wurden sie bejubelt und beklatscht. Busfahrer, Alten- und Krankenpfleger, Verkäufer – plötzlich waren sie systemrelevant. Kaum ein Politiker versäumte es, diesen Berufsgruppen zu danken. Zu versichern, dass die Aufmerksamkeit und Wertschätzung nach Corona nicht vorbei sein soll. Doch an Stelle einer wirklichen Debatte über die Frage, ob die eben noch Systemrelevanten fair bezahlt werden, gibt es erst einmal nur eine einmalige Prämie.

Bis zu 1000 Euro erhalten Landesbedienstete aus systemrelevanten Berufen – als steuerfreie Corona-Prämie. Immerhin. Doch profitieren nur Mitarbeiter in einigen Branchen. Viele andere Arbeitnehmer, die ebenso von der Pandemie betroffen sind wie die Beschäftigten des Landes, erhalten weniger oder kein zusätzliches Geld.

So gibt es bis heute etwa bei Helios, dem mit dem Klinikum Buch und dem Zehlendorfer Behring-Klinikum größten privaten Krankenhausbetrieb der Stadt, keine Zusage für eine Prämie für das Berliner Personal. Das Thema werde aber derzeit konzernweit diskutiert, hieß es. Zum Vergleich: Ärzte und Pfleger der Charité und des landeseigenen Krankenhauskonzerns Vivantes haben bereits eine Zusage über 450 Euro. Der Senat will diese zum Jahresende auf 1000 Euro aufstocken.

Und dann sind da noch die Tausenden Angestellten in den Supermärkten, die an den Kassen sitzen und den Warennachschub organisieren. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erhalten viele Kassiererinnen einen einmaligen Warengutschein – allerdings nur gültig nur für das eigene Sortiment. Bei vielen Händlern beträgt der Gegenwert 250 Euro, bei  Rewe und Real sind es nur 200 Euro, beim Discounter Netto gibt es nur einen Rabatt von maximal 120 Euro. Dabei hat der Lebensmitteleinzelhandel allein im April nach Schätzungen mehr als 50 Prozent mehr Umsatz gemacht.

Auch wenn man die systemrelevanten Beschäftigten nicht gegeneinander ausspielen dürfe, spricht Erika Ritter, Fachbereichsleiterin für den Handel bei Verdi, von einer „skandalösen Gerechtigkeitslücke“. Verantwortlich seien in diesem Fall die Unternehmen. Denen müsse man „öffentlich vor das Schienbein treten“, so Ritter. Von der Politik fordert die Gewerkschafterin, den Druck auf den Handel zu erhöhen, um mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung durchzusetzen. So könnte man die Einhaltung der Hygienestandards öfter kontrollieren und Verstöße stärker ahnden. Ein weiterer Hebel sei, die Anträge auf Sonntagsöffnungen in diesem Jahr einfach abzulehnen.

Zumindest in diesem Bereich ist der öffentliche Sektor einen Schritt weiter. 41 Millionen Euro sieht der Senat im laufenden Doppelhaushalt für Corona-Prämien seiner Beschäftigten vor. 25.000 Mitarbeiter folgender Berufsgruppen sollen bis zu 1000 Euro erhalten: Polizisten und Feuerwehrleute, Rettungsdienste und Beschäftigte aus dem Justizvollzug.

Auch bei den Gesundheits- und Ordnungsämter wird gezahlt. Erzieher der Kita-Eigenbetriebe und in Horten bekommen Geld, Teile des Landesamtes für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten sowie Sozialarbeiter in Bezirken mit direktem Kontakt zu Jugendlichen. Außerdem will der Senat neben seinen Krankenhäusern auch die Freien Träger unterstützen, die in seinem Auftrag Kitas im Notbetrieb fahren. Natürlich könne man es nie allen Recht machen, kommentierte Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) dies am Dienstag nach der Senatssitzung, aber: „Wir treffen schon ziemlich genau die Richtigen.“

Kritik gibt es trotzdem. Von der FDP zum Beispiel. Es könne nicht sein, „dass Mitarbeiter im krisensicheren öffentlichen Dienst bezuschusst werden, während Angestellte und Selbstständige zusehen müssen, wo sie bleiben, obwohl sie einen ebenso wichtigen Dienst für uns alle verrichten“, sagte die finanzpolitische Sprecherin Sibylle Meister.

Pflegekräfte wird sie damit nicht gemeint haben. Für das ganz sicher systemrelevante Personal in Altenheimen wurde erst vorige Woche eine bundesweite Bonusregelung beschlossen. Demnach erhält jede Pflegekraft 1500 Euro, unterstützende und administrative Tätigkeiten in dieser Zeit werden mit 900 beziehungsweise 600 Euro belohnt. Der Bund übernimmt zwei Drittel dieser Prämie, der Rest muss zwischen Arbeitgeber und Bundesland verhandelt werden. Dafür gab’s ausnahmsweise sogar ein Lob von Verdi für Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).