Laura Neumann hat Einladungen zur Verlegung der Stolpersteine verteilt.
Foto: Markus Wächter

Berlin„Klar macht das irgendwie was mit mir“, sagt Laura Neumann. Im weit offenen Hinterhof des Hauses in der Fuldastraße 55 bleiben die Worte der 31-Jährigen noch einen Moment in der Luft schweben. Das „irgendwie“ umrahmt sie in der Luft mit gekrümmten Zeige- und Mittelfingern. Sie spricht von ihrem Großvater, dem Widerstandskämpfer Hellmut Bock. In Neukölln lebte der Buchdrucker, der sein Leben auch nach seiner Festnahme 1934 und auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 dem Kampf gegen den Faschismus widmete. In den umliegenden Straßen hat seine Enkelin in den vergangenen Tagen Einladungen für die Stolpersteinverlegung am Freitag zu seiner Erinnerung in die Briefkästen geworfen und in die Gänge geklebt.

Seit 2007 verlegt der Künstler Gunter Demnig die kupfernen Steine zur Erinnerung an den letzten frei gewählten Wohnorten von Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Vor zwei Jahren hatte Neumann einen Stolperstein für ihren Großvater beantragt. Pünktlich 75 Jahre nach der Befreiung 1945 wird nun an dieser Stelle an ihn erinnert. „Das ist sehr symbolträchtig und macht mich unglaublich glücklich“, sagt Neumann.

Bock kam 1907 in Zittau zur Welt. Noch vor seiner Ausbildung als Buchdrucker trat er der Sozialistischen Arbeiterjugend, später der SPD bei. Mit 24 Jahren wurde er Jugendführer der sozialdemokratischen Vereinigung Reichsbanner. Bald war ihm jedoch die Partei gegenüber dem aufkommenden Faschismus nicht radikal genug. In der von seiner Enkelin erstellten Biografie lässt sich nachlesen, dass er sich bis zum Verbot der SPD gegen „die jämmerliche Ansicht vom Abwirtschaften lassen“ geäußert habe. Für Bock kam für einen ernst gemeinten Kampf gegen die Nazis nur noch die Organisierung in illegalen Gruppen in Frage. 1933 wurde sein Genosse Erwin Berner von einem SA-Mann erschossen. Auch für ihn wurde am Freitag ein Stolperstein verlegt, er wohnte zuletzt in der heutigen Sonnenallee 216. Die Ermordung Berners war für Bock Anlass, Verbindungen zur KPD aufzubauen, mit weiteren Genossen gründete er daraufhin die Zeitschrift „Parole“.

Doch Neumann geht es um die Gegenwart. Durch „greifbare“ Erinnerungskultur will sie seine Arbeit weiterführen. Nach Kriegsende, das Bock als Häftling des KZ Sachsenhausen erlebte, dokumentierte er die Geschehnisse und engagierte sich Zeit seines Lebens für ihre Aufarbeitung. Über 40 Tagebücher sind von ihm erhalten. „Die Handschrift ist etwas schwer zu lesen“, erzählt Neumann lachend. Doch sie bekommt bei der Recherche Unterstützung – etwa von Mitgliedern des Vereins der Verfolgten des Nationalsozialismus, zu deren Gründern ihr Großvater gehörte.

Bis zu seinem Tod 1997 lebte Bock in einem Ost-Berliner Randbezirk. „Ich kenne ihn noch – als meinen Opa“, erinnert sich Neumann: als liebevollen Menschen, für den der Widerstand niemals beendet war. Auch für Mitglieder der jüdischen Familien Kahan und Loewy vergangene Woche vier Stolpersteine verlegt, vor der Hobrechtstraße 49 und in der Schierker Straße 26.

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