Berlin - Die Station 8 lieferte vielleicht ein deutliches Indiz. Vielleicht kam für Wiebke Schmidt von dort das Signal, dass sie ein schnelles Ende haben könnte, die stationäre Versorgung im Wenckebach-Klinikum (WBK). Dass alle Abteilungen womöglich schneller als angekündigt von Tempelhof nach Schöneberg ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus (AVK) umziehen werden. Die Station 8 beherbergt die Gastroenterologie – das hat sie jedenfalls bis vor einigen Wochen getan. „Plötzlich“, sagt Wiebke Schmidt, „tauchten Patienten auf, denen wir sagen mussten, dass es diese Station hier nicht mehr gibt.“ Die 35-Jährige ist Pflegerin in der Psychiatrie des WBK und heißt in Wirklichkeit nicht Wiebke Schmidt. Sie will aber keine unnötigen Scherereien haben.

Es soll ja um die Wirklichkeit in ihrem Arbeitsalltag gehen, und der ist herausfordernd genug. Wiebke Schmidt sagt: „In meinem Bereich ist es besonders prekär, denn wir können uns nicht vorstellen, dass die neue psychiatrische Abteilung im AVK nach der Zusammenlegung 100 Betten mehr haben wird, denn das wären insgesamt 200 Betten, wäre fast eine psychiatrische Großklinik.“

Pflegerin gibt Innenansicht der Abläufe

Die deutsche Krankenhauslandschaft ist im Umbruch. Kliniken werden geschlossen, 20 allein im vergangenen Jahr, dieser Trend hält auch während der Corona-Pandemie an. Gesundheitsökonomen verweisen unter anderem auf Dänemark mit seinen sechs Millionen Einwohnern, wo von ehemals 35 Standorten nur zwölf übrig geblieben sind. Auf Superkliniken wird dort gesetzt. Berlin folgt einer ähnlichen Konzeption. Der landeseigene Konzern Vivantes rüstet das Klinikum Neukölln auf, baut das AVK aus. Und nimmt die Stationen des WBK schrittweise bis 2025 vom Netz.

„Vielleicht werden wir am Ende weniger Betten haben“, hat Matthias Kollatz vorige Woche gesagt, der Finanzsenator von der SPD und Chef des Aufsichtsrat von Vivantes. Um die Zukunft der medizinischen Daseinsvorsorge in der Stadt insgesamt ging es da. Mehr ambulante Medizin, mehr digitale Medizin: „Mit Sicherheit wird vieles moderner“, hat Kollatz gesagt.

Das ist die Sicht der Ökonomen, der Manager in Gesundheitsunternehmen und Politik. Die Sicht der Betroffenen artikuliert sich deutlich seltener in der Öffentlichkeit. Vermutlich auch, weil so etwas den Job kosten kann. Für sie gibt es keine Präsentationen auf Powerpoint, kaum eine Lobby. Nicht für das Pflegepersonal, das sich selbst als eine Art Lobby für die Patienten versteht, den Beruf als Berufung, der vergleichsweise bescheidenen Vergütung zum Trotz. Wiebke Schmidt zum Beispiel gehört zu ebendieser Spezies, die zu Beginn der Pandemie noch für ihren Einsatz von Balkonen beklatscht wurde, aber inzwischen wieder vergessen zu sein scheint.

Sie beansprucht für sich nicht, im Namen aller rund 500 Kolleginnen im WBK zu sprechen. Die Mitarbeiter der Station 8 wechselten schließlich freiwillig ins AVK. Schmidt kann das akzeptieren, kann sich persönlich einen solchen Schritt jedoch nicht vorstellen. „Ich zweifle daran, dass es der Anspruch in einer immer älter werdenden Gesellschaft sein kann, eine Superklinik zu haben, in der Patienten zu einer Nummer werden.“

Das Wenckebach-Klinikum verfügt über mehr als 400 Betten, es ist wie ein Dorf aufgebaut mit der Rettungsstelle als Herzstück. „Die Psychiatrien im WBK haben eigene Pavillons und eigene kleine Gärten“, sagt Wiebke Schmidt. Gerade in Zeiten von Corona würden die Patienten das genießen. „Sie sind geschützt, aber nicht isoliert.“ Alleen, Grünflächen, ein Areal, das sich gut vermarkten ließe. In die Jahre gekommen ist es, das ja, aber baulich noch nicht hoffnungslos verloren. 154 Millionen Euro hat Vivantes für die Instandsetzung veranschlagt.

„Am Standort haben wir in denkmalgeschützten Gebäuden, die teilweise über 100 Jahre alt und dringend sanierungsbedürftig sind, praktisch das gleiche medizinische Angebot wie am nahen Auguste-Viktoria-Klinikum“, argumentiert Johannes Danckert, der Geschäftsführer von Vivantes. In das erweiterte AVK sollen insgesamt 600 Millionen investiert werden.

Wiebke Schmidt kommt bei ihrer Abwägung zu einem anderen Ergebnis. Aus der Perspektive der Pflegerin sagt sie: „Im AVK haben wir für die Psychiatrie keinen gesonderten Bereich. Auch die Infrastruktur drumherum ist miserabel. Anders als beim WBK gibt es keinen U-Bahn-Anschluss.“

„High volume, high quality“, sagt dagegen Johannes Danckert und präzisiert: „Je öfter eine bestimmte Behandlung von einem Team durchgeführt wird, desto mehr Erfahrung sammelt das Team mit dieser Art der Behandlung, desto besser das Behandlungsergebnis.“ Das spräche für die Konzentration.

„Früher war die Psychiatrie in Großkliniken untergebracht“, sagt wiederum Wiebke Schmidt, „aber man hat gemerkt, dass eine wohnortnahe Behandlung viel besser ist, weil die Patienten in den Alltagsstrukturen deutlich besser unterstützt werden.“ Das spräche gegen den Weggang nach Schöneberg.

Die Psychiatrie ist gegen Ende der Umzugsprozedur dran, so ist es zumindest geplant. Falls der Neubau am Grazer Damm nicht rechtzeitig fertig werde, sagt Wiebke Schmidt, „gibt es eine Interimslösung“. Abteilungen sollen in alte Gebäude des AVK ziehen, sagt sie: „Offiziell angesprochen worden ist die Abteilung der Geriatrie, aber inoffiziell heißt es, dass mehrere Stationen in die alten Gebäude ziehen sollen.“

Die Rettungsstelle und die Intensivstation des WBK sollten bereits Anfang dieses Jahres geschlossen werden. „Jetzt wurde es auf das Jahresende verschoben“, sagt Wiebke Schmidt. 39 Rettungsstellen hat Berlin insgesamt, lediglich drei liegen in Tempelhof-Schöneberg. Die Auslastung ist entsprechend, grenzt oft an Überlastung, wie Pflegekräfte und Patienten berichten. Nun wird in absehbarer Zeit auch die Rettungsstelle des WBK vom Netz gehen. Das Herz der Klinik wird aufhören zu schlagen.

Schon jetzt halte der Personalschwund an, sagt Wiebke Schmidt. „Viele kündigen, aber kaum Personal kommt nach.“ Und dann noch Corona, die Pandemie, die Belastungen durch erhöhtes Aufkommen an Patienten und die verstärkten Bemühungen um Hygiene. „Die Belegschaft ist ziemlich ausgelaugt“, sagt Wiebke Schmidt. „Es gibt deshalb nur punktuell Aktivitäten gegen den Umzug. Es ist eine gewisse Lähmung entstanden.“

Widerstand regt sich vor allem außerhalb des Klinikums. Das „Bündnis Klinikrettung“ macht sich seit einer Weile für den Erhalt der stationären Versorgung im WBK stark. Eine Tempelhoferin hat eine Petition auf den Weg gebracht, 4616 Unterschriften hat Andrea Huck im Dezember an Senator Kollatz übergeben. Die Linke in Tempelhof-Schöneberg hat in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein Moratorium zur Verlegung der WBK-Stationen ins AVK beantragt. Für Donnerstag kommender Woche ist eine Kundgebung vor dem WBK geplant. Lokale Politiker werden erwartet.

Am 26. September wählen die Berliner ihr neues Abgeordnetenhaus. Corona hat dem Thema Daseinsvorsorge im Gesundheitssektor zusätzliches Gewicht verliehen. Doch ob all die Aktivitäten und Solidaradressen das Aus des Wenckebach-Klinikums verhindern? Wiebke Schmidt wünscht sich zumindest „große Beteiligung an der Kundgebung“. Sie sagt: „Ich will die Hoffnung nicht aufgeben.“ Die Hoffnung, dass von Station 8 vielleicht doch nicht das letzte Signal ausging.