Widerstand gegen Hertha-Stadion Neubau in Berlin: Darum wollen Anwohner keine reine Fußballarena

Berlin - Fußballbundesligist Hertha BSC trifft bei seinen Plänen für einen Stadion-Neubau auf zunehmend heftigen Widerstand. Bei zwei Diskussionsveranstaltungen binnen 24 Stunden im und am Olympiapark, in dem der Club privat finanziert bauen will, überwogen Skepsis und Ablehnung. Viel zu tun also noch für den Verein, wenn er Öffentlichkeit und Politik für sein Vorhaben gewinnen will.

Am Donnerstagabend hatte die sportpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Nicole Ludwig, zur Debatte über Zukunft und Chancen des Olympiaparks am Rande des Olympiastadions geladen. Es wurde dabei viel über Perspektiven des 120 Hektar großen Areals mit seinen unzähligen Sportflächen gesprochen, das heute vor allem von der Poelchau-Sportschule, Hertha BSC und den Wasserfreunden Spandau 04 genutzt wird, den Bau eines Stadions wünschte niemand.

Viele offene Fragen

Am Abend zuvor hatte der CDU-Wahlkreisabgeordnete und langjährige Sport-Staatssekretär Andreas Statzkowski zusammen mit der Bürgerinitiative Interessengemeinschaft (IG) Ruhleben in die Charles-Dickens-Grundschule in der Nähe des Stadions geladen. Knapp 200 Nachbarn und Interessierte waren gekommen. Einhelliges Fazit: Ein Neubau wird abgelehnt. Der Fußballclub dürfe sich nicht über die Belange der Menschen hinwegsetzen.

Statzkowski ärgert sich schon lange über die aus seiner Sicht unzureichende Bereitschaft von Hertha BSC, über einen möglichen Neubau eines reinen Fußballstadions (Stichworte: „steil, nah, laut“) für rund 55 000 Zuschauer bis 2025 im benachbarten Olympiapark zu reden. Insbesondere sei immer noch offen, wie und wo der Abriss von sechs Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 24 Wohnungen an der Sportforumstraße sowie des Hauses der Sportjugend an der Hanns-Braun-Straße kompensiert werden soll. Die von Hertha favorisierte Baulösung auf den Baumannschen Wiesen am U-Bahnhof Ruhleben sei schon aus Naturschutzgründen keine. Unklar sei zudem noch, wie eine Ertüchtigung der U-Bahn und die Verlagerung der Hanns-Braun-Straße finanziert werden.

Grünen-Politikerin Ludwig fürchtet, dass bei einem Neubau der Olympiapark für die Öffentlichkeit noch weniger nutzbar sei als bisher schon. Sie fordert ein Nutzungskonzept für das Gelände, das sie derzeit „im Dornröschenschlaf“ sieht.

Im Hintergrund stehen bei allen Politikern die bekannten grundsätzlichen Erwägungen. Mit dem Auszug von Hertha verlöre das Land als Eigentümer seinen Hauptmieter. Sollte der Club nebenan selber bauen, würde aus Lärmschutzgründen eine Vermarktung des historischen Stadions mit seinen 74 000 Plätzen noch schwieriger. Es droht ein öffentliches Millionengrab. Statzkowski kann sich einen Umbau des Olympiastadions zur Multifunktionsarena vorstellen, es müsse aber weiter für die Leichtathletik geeignet bleiben. Dazu muss man wissen, dass Statzkowski Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes ist.

Hertha BSC hingegen stößt sich explizit an der Weite des Stadions, die unter anderem durch die Laufbahn bedingt ist. Auch der Senat hatte sich voriges Jahr gegen einen Umbau ausgesprochen. Genauso sieht es Grünen-Politikerin Ludwig. „Ein Umbau geht gar nicht, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.“ Sie wolle „stattdessen lieber eine neues Stadion“. Die Frage ist: wo.

Hertha behauptet, man habe Machbarkeitsstudien für mehrere Standorte anfertigen lassen, Priorität 1 habe danach der Olympiapark erhalten. Indes kritisieren viele Politiker, dass der Verein die Studien nicht veröffentliche. Das sei für eine faire und offene Debatte unabdingbar.

Hilfe für Union Berlin

Doch noch ist die politische Lage offen. Am Mittwoch hat sich Stephan Standfuß, sportpolitischer Sprecher der oppositionellen CDU-Fraktion, via Bild-Zeitung pro Hertha positioniert. „Es geht auch um die Frage, wie wir unsere Stadt gestalten wollen. Wollen wir eine internationale Sportmetropole mit modernen Sportstätten sein – oder eben nicht?“, fragt er. Ihm gehe es auch um Gerechtigkeit. So sei dem Zweitligisten 1. FC Union beim Stadion-Ausbau geholfen worden. „Da hat die Politik alles möglich gemacht. Das finde ich gut. Auch Hertha soll die Unterstützung bekommen“, so Standfuß.

Kritik kommt von der SPD. Für die Regierungspartei bleibe das Olympiastadion „erste Option“ – auch über 2025 hinaus. Das ist in einem Antrag für den Landesparteitag am Sonnabend festgehalten, wie der Tagesspiegel berichtet. Ein Neubau werde zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, solle aber an Bedingungen geknüpft werden, heißt es demnach in dem Papier. Unter anderem müsse die private Finanzierung einen „Risikopuffer“ von 30 Prozent der Baukosten enthalten, heißt es. Außerdem dürfe das Land Berlin das von Hertha favorisierte Baugrundstuck nur „zu marktüblichen Bedingungen als Erbbaurecht“ zur Verfügung stellen, zitiert die Zeitung aus dem Antrag. Ein unabhängiges Gutachten zum Wert steht noch aus.