Mit einer Online-Petition wollen Lehrer aus Berlin und Brandenburg die neuen Rahmenlehrpläne für das Fach Geschichte verhindern. Initiator ist Robert Rauh, Gewinner des Deutschen Lehrerpreises 2013. Er befürchtet, dass durch die neue Lehrpläne historisch notwendiges Wissen verloren geht.

Der neue Rahmenplan sieht ab dem Schuljahr 2015/16 vor, dass die Fächer Politische Bildung, Geografie und Geschichte in der 5. und 6. Klasse in einem neuen, übergreifenden Fach „Gesellschaftswissenschaften“ vermittelt werden sollen. Vielschichtige Themen sollen so in ihrer Komplexität behandelt werden, lautet die Begründung.

„Geschichte ist dort kaum noch zu entdecken“, heißt es hingegen in der Petition, die bereits über 1.200 Bürger unterzeichnet haben. Außerdem soll das Fach Geschichte dann in der 7. und 8. Klasse nicht mehr chronologisch, sondern nur nach bestimmten Themenfeldern geordnet epochenübergreifend unterrichtet werden. „Migration“ oder „Armut“ sind Themenblöcke, die per Längsschnitt durch die Geschichte betrachtet werden sollen.

Werde nicht mehr chronologisch vorgegangen, fehle den Schülern das Verständnis für historische Entwicklungen, sagt Peter Stolz, Vorsitzender des Berliner Geschichtslehrerverbandes. In der 7. und 8. Klasse sollen mindestens vier Themenfelder epochenübergreifend absolviert werden. „Diese Vielfalt führt zu weiteren weißen Flecken im Geschichtsverständnis“, warnt auch der Brandenburger Geschichtslehrerverband. Der Lehrer kann dann neben den beiden Pflichtthemen „Migration“ und „Armut“ zwei weitere Längsschnitte wählen, etwa „Bildung und Erziehung“ und „Handel im Wandel“. Doch dann würden die Schüler beim Wechsel in die 9. Klasse weder etwas über die Aufklärung und die Französische Revolution noch über bedeutende historische Ereignisse im 19. Jahrhundert wie zum Beispiel die Reichsgründung erfahren haben.

Die Bildungsverwaltung reagierte nun in einem Rundschreiben an alle Schulen auf die erregte Diskussion. Das sei „eine für Berlin bisher nicht dagewesene heftige Auseinandersetzung“, teilt der zuständige Fachaufsichtsbeamte mit und kündigte eine Art Gegenveranstaltung an, um die Dinge zu erläutern. Diese soll am 2. März stattfinden.

Die in Berlin mitregierende CDU unterstützt die rebellierenden Geschichtslehrer. Mit dem geplanten Sammelfach Gesellschaftswissenschaften solle vor allem der Fachlehrermangel vertuscht werden, heißt es seitens der CDU. Auf chronologisches Vorgehen könne nicht verzichtet werden. Schüler sollten wissen, wann genau der 30-jährige Krieg in deutschen Landen zu Ende gegangen sei oder wann Martin Luther seine Thesen verkündet hat.

Martin Lücke, der an der Freien Universität Geschichtslehrer ausbildet, unterstützt die neuen Pläne. Längsschnitte durch die Geschichte würden Themen behandeln, die in der heutigen Lebenswelt der Schüler angesiedelt seien. „Das wird zu einer besonderen Motivation der Lernenden beitragen“, so Lücke.

Das darf man sich dann wohl so vorstellen, dass der Komplex zum Thema „Migration“ damit beginnt, dass zunächst das Flüchtlingscamp am Kreuzberger Oranienplatz als aktueller Aufhänger angesprochen wird. Durch Längsschnitte erhielten die Schüler eine genaue Vorstellung von historischen Veränderungsprozessen, schreibt Lücke. In den Klassen 9 und 10 soll die Geschichte seit dem 19. Jahrhundert dann wieder chronologisch behandelt werden.

Einspruch gegen die neuen Rahmenlehrpläne kann bis Ende März erhoben werden.