In dem viel zitierten Band von Herlinde Koebl „Spuren der Macht“ wird Angela Merkel 1998 gefragt, ob sie Macht als Droge empfindet. „Ja, aber Freundschaft ist besser“, antwortet sie in dem trockenen Ton, für den man sie kennt. Sie fügte hinzu: „Es gibt ein paar Beispiele von Frauen, die von heute auf morgen aus der Politik ausgestiegen sind. Wahrscheinlich fällt es ihnen leichter als Männern, weil sie auch in ihrer Zeit als Politikerinnen einen größeren Zug zum praktischen Leben spüren.“

Wenn man diese Sätze im Rückblick liest, in Verbindung mit ihrer Ankündigung, sich aus der Politik Schritt für Schritt zurückzuziehen, erscheinen sie womöglich klüger und weitsichtiger, als sie damals gemeint waren. Und es gibt auch Gegenbeispiele: Die britische Premierministerin Maggie Thatcher musste mit aller Macht aus Downing Street gedrängt werden. Merkel fand in letzter Minute die Kraft, sich selbst zu verabschieden. Das hat wohl kein Mann vor ihr geschafft. „Ich bin nicht als Kanzlerin geboren“, sagte sie. Diese Uneitelkeit, diese Ruhe wird einem womöglich fehlen.

Es war zu lesen, dass es in der CDU viele Männer gibt, die froh sind, dass Merkel bald weg sein wird. Die sich seit Jahren wünschen, dass ihre Partei männlicher wird, also polarisierender, entschlossener, deutscher. Sie wollen der männlichsten aller Parteien nacheifern, der AfD, die ganz überwiegend von Männern gewählt wird. Merkel war für viele eine Provokation, allein wegen ihres Frauseins. Ihrer Stimme. Ihres Aussehens.

Was für eine Provokation sie war, obwohl sie sich selbst jeglichen Geschlechterstereotypen entzog, konnte man aus dem Satz herauslesen, der von Horst Seehofer im vergangenen Sommer überliefert wurde: „Ich kann mit dieser Frau nicht mehr arbeiten.“ Diese Frau! Mehr brauchte er nicht, um die Kanzlerin Angela Merkel zu benennen. Jeder wusste, wer gemeint war. Und er machte auch wie nebenher klar, was er als ihr größtes Manko ansah. Sie war kein Mann.

Widerwillige Feministin Angela Merkel

Und was kommt jetzt? Ein Kanzler Jens Spahn, der die Pille danach mit Smarties verglichen hat? Ein Friedrich Merz, der Probleme mit Frauen in Führungspositionen hat?

Merkel war eine widerwillige Feministin. Trotzdem hat sich seit ihrer Wahl als Kanzlerin 2005 viel verändert, Gleichberechtigungsfragen sind keine Rand-Themen mehr, die nur Frauen interessieren, sondern werden als gesellschaftlich wichtig breit diskutiert. Das ist ein Ergebnis von Merkels Kanzlerschaft, wenn auch vielleicht ein Nebenprodukt. Frauenquote, Elterngeld und Elternzeit, Brückenteilzeit, das Gute-Kita-Gesetz, das sind alles Neuerungen, die unter Merkel durchgesetzt wurden. Sie eroberte der CDU neue Wählergruppen: Seit 2009 wurde die Union überproportional von Frauen gewählt, schreibt die Politologin Gesine Fuchs in einer Analyse über weibliches Wahlverhalten.

Als sie auf dem W20-Forum in einer Runde unter lauter Spitzenfrauen einmal gefragt wurde, ob sie sich selbst Feministin nennen würde, zögerte sie. Sie meinte, Alice Schwarzer habe so viel gekämpft, da wolle sie sich nicht mit fremden Federn schmücken. Das war die typische Antwort einer Ostfrau ihrer Generation. Man redete nicht viel über Emanzipation, man machte lieber. Angela Merkel verwandte all ihre Kraft darauf, in einer männerdominierten Welt voranzukommen. Sie wurde die erfolgreichste Politikerin der Welt. Ein irrer Aufstieg, eine Ausnahme, aber auch ein Ansporn für andere.

Engagierte Frauenförderin Angela Merkel

Auch wenn sie das nicht dauernd rausposaunt: Sie ist eine engagierte Frauenförderin: Ihr engster Kreis im Kanzleramt besteht fast ausschließlich aus Mitarbeiterinnen. Junge CDU-Politikerinnen schwärmen von der Aufmerksamkeit, die sie von der Kanzlerin erhielten. Sie holte ihre potenzielle Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer aus dem Saarland.

Als Merkel Kanzlerin wurde, war das 2005 alles ganz neu: Eine Frau, noch dazu aus dem Osten. Inzwischen ist das nichts Besonderes mehr. Wenn man genau hinschaut, sind ostdeutsche Frauen in der Politik auf dem Vormarsch. Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, Sahra Wagenknecht und Katja Kipping bei der Linken. Besonders viele prominente Ostfrauen hat die SPD zu bieten, darunter die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, dazu Bundesfamilienministerin Franziska Giffey oder die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, die aus Thüringen stammt.

„Als erste Frau an der Spitze einer männerdominierten CDU hat sie Zeichen gesetzt und typische Vorurteile souverän gemeistert“, zollte Schwesig der scheidenden Kanzlerin Respekt – und beleuchtete damit auch eine bisher noch wenig beachtete Folge der Kanzlerinnenschaft. Merkel hat einer neuen Generation von Politikerinnen den Weg geebnet – allerdings kaum in ihrer eigenen Partei. Die Erbinnen von Merkel sind zu großem Teil Sozialdemokratinnen. Das ist die Pointe der Geschichte.