Wie Aaron Seeger einen Drachen besiegte: „Heroin war identitätsstiftend für mich“

Das braune Pulver versöhnte Seeger mit der Welt. Bis sein Vater ihn auf einen Berg trug, weit weg von Berlin. Dies ist seine Geschichte.

Aaron Seeger mag die schmuddeligen Ecken Berlins immer noch am liebsten.
Aaron Seeger mag die schmuddeligen Ecken Berlins immer noch am liebsten.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Aaron Seeger stolpert zum Wegesrand und übergibt sich. Mit seinem Vater ist er in den Alpen, sie wandern auf einen über 3000 Meter hohen Berg und immer wieder muss er erbrechen. Mit jedem Meter den die beiden der Berghütte näherkommen, ihrem Ziel, werden sie langsamer. Sie überqueren einen Bach, wieder muss der Sohn sich übergeben. Jetzt bleibt er neben dem Erbrochenen im Gras sitzen. Er ist am Ende.

Als Kind ist er diesen Hang spielend hinaufgelaufen, nun ist er achtzehn Jahre alt, abgemagert, und all seine Glieder tun ihm weh. Sein Vater schnallt sich seinen Rucksack vor die Brust und zieht seinen Sohn am Arm hoch, nimmt ihn huckepack für das letzte Stück Weg.

Aaron Seeger erzählt von dieser Wanderung in einem Café in Kreuzberg, nicht weit vom Kottbusser Tor. Durch das Fenster ist der Straßenlärm und die U-Bahn zu hören. Vielleicht ist es ein passender Ort, um von seinem letzten Heroinentzug zu erzählen. „Eigentlich war der Aufstieg nicht so schwer“, sagt er, „aber da war ich ja schon entzügig.“ Dieses Wort bedeutet, dass ein Körper unbedingt Heroin braucht, aber weil er es nicht bekommt, zeigt er Krankheitssymptome: Zittern, Schwitzen, Brechreiz.

Die Berghütte in den Alpen ist inzwischen ein „Kraftort“ für Aaron Seeger geworden. Er kehrt immer wieder dorthin zurück. In Berlin gibt es hingegen einige Orte, die Erinnerungen an eine Zeit wachrufen, die für ihn schmerzhaft ist. Er ist hier aufgewachsen, mit 14 Jahren rauchte er Heroin und schluckte starke Beruhigungsmittel. Mit 18 Jahren hing er an der Nadel, ein halbes Jahr lang. Später betäubte er sich und seine Gefühle mit Alkohol und Partydrogen. Seit zwei Jahren ist er komplett clean. Seeger will nicht für alle Drogenabhängigen sprechen, er kann nur seine persönliche Geschichte erzählen.

Aaron Seeger ist hochgewachsen, dunkelhaarig und hat weiche Augen: Lange Wimpern umrahmen dunkle Knöpfe, die auch in der Nacht glitzern. Dünn ist er nicht mehr, stolz erzählt er vom Kraftsport. Wenn ihm beim Erzählen etwas peinlich ist, knetet er den Kordelzug seiner Hose, schaut immer wieder verlegen zu Boden oder spricht schneller und leiser, wie um einzelne Teile der Geschichte zu übergehen.

Er tut das zum Beispiel, wenn er erzählt, wie er einer Frau die Handtasche wegriss, wie er seine Mutter beklaute, oder wenn er von der Fuggerstraße am Nollendorfplatz erzählt, dort, wo er auf den Strich ging. Viele Aspekte seiner Geschichte sind ihm heute sehr unangenehm. Deshalb will er seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen, immer wieder wird er darum bitten, Details oder genaue Orte auszulassen. Seeger lebt heute nüchtern – kein Alkohol, keine Drogen, der Aschenbecher auf dem Tisch bleibt leer. 

Er zählt an den Händen ab, wie oft er für den Entzug in der Psychiatrie war: Mehr als zehnmal. Es funktionierte nie. Der Grund dafür war Seegers Ansicht nach zum einen der Zwang, zum anderen der Ort: Sobald er entlassen wurde, konnte er sich innerhalb von zwei Stunden Geld und dann Heroin beschaffen. „Und ich war damals einfach noch nicht bereit, mit allem aufzuhören“, sagt er.

Andrea Piest, Fachreferentin für niedrigschwellige Hilfen beim Drogennotdienst Berlin, kritisiert die derzeitigen therapeutischen Maßnahmen rund um den Entzug. „Wir haben eine Drogentherapie, die für alle gleich funktionieren soll“, sagt sie der Berliner Zeitung. „Wir wissen aber aus der Forschung, dass jede Suchterkrankung individuell ist.“ Sinnvoll wäre aus ihrer Sicht, einen niedrigschwelligen Zugang zu gewährleisten und sich an das Tempo der betroffenen Person anzupassen: ein akzeptierender Ansatz, bei dem Therapeuten hinnehmen, wenn ein Patient nur mit einer Droge aufhören will, statt komplett nüchtern zu werden. Die eigene Erkenntnis, falls das nicht klappt, sei viel mehr wert als jeder Ratschlag von Therapeuten und Sozialarbeitern. „Für diesen Weg brauchen wir viel Zeit und wenig Druck“, sagt sie, „das ist aber nicht die Situation, in der wir sind.“

Überflüssig in der Familie

Seegers Sucht begann mit einem Gefühl von Hilflosigkeit. Mit dreizehn Jahren fühlt er sich in seiner Familie überflüssig: Nach der Trennung der Eltern gründet sein Vater schnell eine neue Familie mit einer viel jüngeren Frau – in einer Kleinstadt weit weg von Berlin. Seine Mutter zog mit ihrem Partner in eine andere Kleinstadt. Für Seegers ältere Brüder fanden die Eltern eine Wohnung. Er sagt: „Und ich war irgendwie übrig.“

Vorgesehen war für den Dreizehnjährigen ein Internat in Kanada, an der Grenze zu den USA. Seeger wollte dort nicht hin, er sonderte sich von den anderen Schülern ab und besorgte sich im kanadischen Supermarkt Hustensaft und Beruhigungsmittel für „Pillencocktails“. „Vielleicht habe ich es darauf angelegt, von der Schule zu fliegen“, sagt er. Es gelang ihm jedenfalls. Er lag drei Tage im Krankenhaus, weil seine Leber versagte. „Ich hatte wohl einen toxischen Wirkstoff übersehen.“

„Du kannst bei mir nicht bleiben“, war das erste, was seine Mutter zu ihm am Flughafen sagte. Auch seine Tante wollte ihn nicht bei sich haben. Sein Vater bot ihm das Sofa in seiner Zweizimmerwohnung an. Dort lebten sie nun, drei Erwachsene, ein Neugeborenes, es kam schnell zu Konflikten. An der Oberfläche ging es um Kleinigkeiten, zum Beispiel um das Falten der Wäsche. Seeger: „Wegen sowas haben wir uns geprügelt.“

Der Teenager war oft allein unterwegs, traf am Bahnhof der Kleinstadt eine fünf Jahre ältere Punkerin, die ihn direkt fragte, ob er mit ihr ein „Piece“ rauchen wolle. Seeger dachte, sie meine Cannabis, warum nicht. Erst als sie die Alufolie auspackte, verstand er. „Heroin stellt man sich vor wie einen bösen Drachen“, sagt er. „Und dann lag da dieses kleine Häufchen braunes Pulver.“ Seeger pustet kurz und zuckt mit den Schultern: „Das hätte ich einfach so … wegblasen können.“ Er hat an diesem Tag nicht mitgeraucht.

Wenig später beginnt er ein Verhältnis mit der Frau, raucht dann doch irgendwann mit, schläft bei ihr und „ihrem anderen Freund“ in einem verfallenen Gebäude im Industriegebiet. Vor dem Haus war der Straßenstrich, Frauen in kurzen Röcken warteten auf Freier. Als der Vater seinen Sohn dort einmal abholte, war er schockiert. Er legte ihm die Bettwäsche vor die Wohnungstür – so hat Seeger erfahren, dass sein Vater ihn rauswirft.

„Das verfallene Haus fand ich damals cool“, sagt Aaron Seeger. Das Haus steht noch, er hat es sich noch einmal angesehen, wie alle Orte seiner Drogenvergangenheit. Ein Stockwerk ist komplett eingebrochen, in einem anderen ist jetzt eine Moschee oder ein islamischer Kulturverein. Die leerstehenden Gebäude, in denen er in Berlin zeitweise untergekommen war, sind alle abgerissen. Eines, am Kurfürstendamm, stand noch lange, die Tür war aber zugeschweißt. 

Noch heute mag Aaron Seeger die „schmuddeligen Ecken“ in Berlin lieber als die anonymen Neubauten, sagt er. Am Kotti will er zeigen, wie das früher funktioniert hat, das Einkaufen. Er geht voraus, in einen tunnelartigen Durchgang am U-Bahneingang. Hier, zwischen Dönerbude und Coffeeshop, traf er 2008 seinen ersten Berliner Heroindealer. Eine Lampe flackert und wirft spärliches Licht auf Graffiti und halb abgerissene Konzertplakate. Auf der anderen Seite des berühmten Kreisverkehr steigen wir über eine benutzte Spritze.

In diesem Tunnel hat Aaron Seeger einen Dealer getroffen.
In diesem Tunnel hat Aaron Seeger einen Dealer getroffen.Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Den Dealer hat nicht interessiert, dass ich damals minderjährig war“, sagt er. „Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis am Kotti war schlecht.“ Rund zwanzig Prozent Heroin enthält das „Zeug von der Straße“ normalerweise – das hat er später gelesen und sich gefragt, was die anderen achtzig Prozent waren, die er in die Lunge sog oder in die Vene drückte. Gestreckt wird die Droge oft mit Milchpulver, Koffein oder Paracetamol. Später traf er seine Dealer in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg.

Aaron Seeger hat viele Erklärungen für seine Sucht. Eine hat mit seiner Geschichte und seinen Eltern zu tun. Eine andere damit, dass er lange Zeit einen Teil seiner Identität unterdrückte. Seeger steht auf Männer, das hat er sich erst nach seinem letzten Heroinentzug eingestanden. „Vielleicht hatte es auch damit etwas zu tun“, sagt er. Das ließe sich aber schwer sagen. Schwulsein war für ihn damals ein Defizit. Der Rausch betäubte diese Gedanken. Wenn er high war, fühlte sich das an wie „eine innere Hand, die sich schließt“. Er fühlte sich dann geborgen. „Man ist kurz mit sich und der Welt versöhnt, das Außen ist komplett ausgeblendet“, sagt er. Er wollte das immer wieder. „Diesem Moment rennt man dann hinterher.“

Polizei- und Sozialarbeit zusammen

Seeger hatte vorher schon gelesen, wie es sich anfühlt. Als Kind hatte er „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Hände bekommen. Die Beschreibungen von Christiane F. hatten für ihn ganz und gar nichts Abstoßendes, sondern etwas Anziehendes. Als Kind und Teenager fühlte er sich oft allein und war auf der Suche nach Zugehörigkeit. Diese Berliner Drogenszene um Christiane F. schien auch eine Familie zu sein und sie bewegte sich außerhalb gesellschaftlicher Normen. Das faszinierte ihn.

Andrea Piest spricht von einer Verschiebung der Treffpunkte der Szene durch Polizei und Baumaßnahmen. Neben der Polizei seien aber auch Sicherheitskräfte der ÖPNV und das Ordnungsamt Auslöser. „Es wäre besser, wenn wir noch enger zusammenarbeiten könnten“, sagt sie. Statt sanktionierend sollte die Ansprache der Polizei Süchtige vielmehr sensibilisieren und auf Angebote hinweisen. „Das geben die Landesstrategie und die gesetzliche Grundlage aber nicht her.“ Für eine Sozialraumverträglichkeit wäre es aus ihrer Sicht sinnvoll, wenn die Stadt mehr kleine Unterstützungsangebote anhand der Daten einer Spritzensammelstudie schaffen würde. So wäre sowohl den Anwohnenden als auch den Betroffenen geholfen.

„Identitätsstiftend“ ist ein Wort, das Aaron Seeger bei den Beschreibungen der Drogenszene immer wieder verwendet. Auch später in der Clubszene war er im Grunde auf der Suche nach Zugehörigkeit. Nach dem Entzug kam er zurück nach Berlin und mixte Drinks auf Sexpartys in seinem Lieblingsclub. Seeger beschreibt das Gefühl so: Er kam aus dem Dreck von der Straße hinein in eine „schillernde Partywelt“. Das erschien ihm wie eine „Offenbarung“.

Auf Sexpartys suchte er früher nach Nähe, hatte aber meist nur One-Night-Stands. Er sehnte sich im Grunde nach einem Retter, sagt er, für den es sich lohnte, mit dem Trinken aufzuhören. „Für mich selbst hätte ich es nicht getan, das war ich mir halt nicht wert“, sagt er. Rückblickend beschreibt er sich als unzufrieden. Er erzählt, wie er sonntagmittags nach seiner Schicht „auf zwei Promille“ durch den Club stolperte und verächtlich vom Resteficken sprach. „Ich hab gar nicht kapiert, dass dieser Rest wahrscheinlich ich bin“, sagt er.

Was man aussendet, kommt zurück, daran glaubt Aaron Seeger inzwischen fest. Und daran, dass ihn in seinen frühen Zwanzigern eine höhere Macht davor bewahrt hat, den falschen Leuten zu begegnen und wieder rückfällig zu werden. „Hätte sich damals eine Situation mit Heroin ergeben“, sagt er und zögert einen Augenblick. „Ich weiß nicht, ob ich auf Alkohol stark geblieben wäre.“ Die neue Rolle als zuverlässige Person gefällt ihm. Innerhalb der Familie und auch für sich selbst. „Es ist wieder alles möglich“, sagt er. „Das will man nicht verlieren.“

Aaron Seeger hat Wege gefunden, mit seiner Alkoholsucht umzugehen. Vor einigen Wochen hatte er Liebeskummer, erzählt er. Er ärgerte sich, dass er nicht wie sonst in seine Stammbar gehen, sich mit seinen Freunden betrinken und sich selbst bemitleiden konnte. Bis er es einfach trotzdem tat: Seeger trank Apfelschorle aus dem Bierglas, stieß mit Cola statt Jägermeister an und jammerte den anderen die Ohren voll. Das funktionierte für den Abend gut, normalerweise hält er sich aber von Bars fern und geht lieber ab und zu im Club tanzen.

Manchmal fühlt er sich trotzdem „ein bisschen abgehängt“. Weil er immer noch studiert, weil er nicht wie seine Freunde und Brüder heiratet oder eine Familie gründet. Andererseits ist er dankbar: Er war jung, als er abstürzte, er hat noch ein Leben vor sich.

Heroin rauchen in den Schulpausen

Eigentlich hatte Aaron Seeger schon bei seiner Rückkehr nach Berlin mit 15 Jahren vorgehabt aufzuhören und seinen Schulabschluss zu machen. Dass er süchtig war, merkte er daran, dass er bettelte, Busfahrern in ihrer Pause die Kasse stehlen wollte und Probleme mit Dealern bekam, weil er und seine Freunde das Zeug rauchten, das sie eigentlich weiterverkaufen sollten. In seiner Vorstellung fand der Entzug bei seiner Mutter zu Hause statt, die Ärztin war und inzwischen wieder in Berlin lebte. Doch sie holte ihn ab und fuhr ihn direkt in die geschlossene Psychiatrie, dort ergab der Test, dass er neben Tabletten auch Heroin konsumierte. Der neue Partner der Mutter wollte den Jungen allein wegen der Tablettensucht nicht in der Wohnung haben. Wieder war er unerwünscht.

Aaron Seeger lebte während der ganzen Zeit nur tageweise auf der Straße. Nach einem negativen Drogentest stellte ihm das Jugendamt eine Wohnung. Er schaffte den mittleren Schulabschluss und rauchte in den Pausen Heroin, das Amt entzog ihm die Unterstützung für seine Wohnung. Er kam in Notunterkünften oder bei anderen Süchtigen unter und besorgte ihnen dafür Stoff. Einer von ihnen wollte ihm irgendwann „an die Wäsche“, eine andere kippte ihm nach einer Auseinandersetzung kochend heißes Wasser ins Gesicht. Mit der Verletzung wandte Seeger sich wieder an seine Mutter, die ihn dann auch verarztete.

Aaron Seeger nahm seiner Mutter damals übel, dass sie sich distanzierte und ihn hinauswarf. Er kommt aus einem leistungsorientierten Haushalt. „Meiner Mutter war Prestige wichtig“, sagt er. Nun versteht er besser, dass es ihr einfach zu viel war. „Das hat auch ihr wehgetan“, sagt er. Anfangs holte sie ihn ab, wenn er mal wieder beim Klauen erwischt wurde, irgendwann brachte ihn die Polizei direkt in eine Zelle und anschließend in die Psychiatrie.

An seinem 18. Geburtstag holte sein Vater ihn aus der Psychiatrie, er war nun mündig und durfte selbst entscheiden, ob er bleibt. Sie gingen ins Berliner Ensemble und sahen „Mutter Courage und ihre Kinder“. Am nächsten Morgen fuhr er seinen Sohn zum U-Bahnhof. Dort angekommen, weinte der Vater und schlug aufs Lenkrad. „Du bringst dich noch um“, schluchzte er. Aaron Seeger schwieg, öffnete die Tür und ging.

Der Spritzenautomat am Bahnhof Zoologischer Garten stand schon dort, als Aaron Seeger die Spritzen brauchte.
Der Spritzenautomat am Bahnhof Zoologischer Garten stand schon dort, als Aaron Seeger die Spritzen brauchte.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Ein halbes Jahr lang benutzte Seeger Spritzen statt Röhrchen. Es sei nicht immer leicht, einen windgeschützten Konsumort zu finden, beim Drücken brauchte er das nicht. Seeger deutet auf seine Arme, auf denen sich deutlich die Adern abzeichnen. „Ich hatte keine Venen mehr und offene Stellen an den Beinen“, sagt er.

Nun steht Aaron Seeger am Bahnhof Zoologischer Garten. Dort lebte er in dieser Zeit. Er zeigt auf ein Zelt in einem Durchgang unter den Gleisen. In einem solchen Zelt unter dieser Brücke hat er auch mal geschlafen, die meiste Zeit wohnte er aber gemeinsam mit drei bis vier anderen Abhängigen im Container. Die Notunterkünfte gibt es nicht mehr, an der Stelle wird zurzeit gebaut. Seeger drückt auf eine Taste des Spritzenautomaten, der am Eingang der Brücke hängt. Der Automat ist leer. Hinter Seeger liegt ein Berg nasser Kleidung, links ein Haufen menschliche Notdurft. Ein paar Meter weiter bildet sich eine Schlange vor der Bahnhofsmission.

Bei all dem Schmerz romantisiert Seeger seine Geschichte teilweise trotzdem: Die Zeit mit seiner Exfreundin, die er bei einem der späteren Aufenthalte in der Psychiatrie kennenlernte, vergleicht er mit „Bonnie und Clyde“. Er klaute, sie ging auf den Strich, so haben sie sich ihre Sucht „crossfinanziert“. Die Haupteinnahmequelle für Seeger war damals das Klauen von teuren Spirituosen, die er dann an Spätis weiterverkaufte.

„Die paar Mal, die ich meinen Körper verkauft habe, das kann ich an …“, Seeger zögert kurz und schaut auf seine ausgestreckten Finger. „… einer Hand abzählen.“ Eines Abends ging er in der Nähe seiner Notunterkunft im Container am Bahnhof Zoo eine Straße entlang. Neben ihm hielt ein Auto, er wusste, was der Fahrer in dieser Gegend von ihm wollte. „Er hat mir dann einen geblasen, so leicht hatte ich noch nie fünfzig Euro verdient“, sagt Seeger.

Nach weiteren Erfahrungen in der Fuggerstraße am Nollendorfplatz ließ er es dann bleiben. Ein Freier schmiss ihn wieder aus dem Auto, weil er abgemagert war und sein Körper Spuren des Drogenkonsums aufwies. Die anderen Situationen umschreibt Seeger lieber: „Die behandeln dich schlecht, schauen herab“, sagt er. Die Geschichte vom Freier, der den Prostituierten von der Straße holt, sei ein Märchen.

Dieser Mülleimer am Bahnhof Zoologischer Garten ist nur für Spritzen gedacht.
Dieser Mülleimer am Bahnhof Zoologischer Garten ist nur für Spritzen gedacht.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Nach den Monaten bat Seeger seinen Vater um Hilfe: Die Idee schwirrte schon länger in seinem Kopf herum. Aaron Seeger wollte auf der Berghütte entziehen, auf der seine Familie früher viele Urlaube verbracht hatte. Der Vater hatte Bedenken, aber er willigte ein. Seegers Freundin „Bonnie“ winkte „wie im Film“ mit einem weißen Taschentuch, bis der Zug aus dem Berliner Bahnhof glitt. Aaron Seeger war zu schwach für den Aufstieg. Doch er war stark genug für den kalten Entzug.

Aaron Seegers letzter und erfolgreicher Entzug vom Heroin war gut vorbereitet, sagt er heute. Sein Vater, selbst Arzt, hatte sich von Fachärzten beraten lassen und packte Ersatzstoffe in seinen Rucksack ein. „Aber das wusste ich natürlich nicht“, sagt Seeger. Seinem Vater hatte er gesagt: „Lass uns in die Hütte in den Alpen gehen, dort könnte es klappen.“ Hauptsache, weit weg von Berlin. „Das war wirklich der letzte Versuch“, sagt er. „Wir haben es schon mehrmals gemeinsam probiert, aber das hat dann nicht geklappt oder ich bin immer wieder abgehauen.“

Danach schrieb Aaron Seeger einen Brief an einen katholischen Bauernhof in Bayern mit Entzugsprogramm. Die fragten nicht weiter nach Unterlagen oder der Kostenübernahme und sagten sofort zu. Seeger blieb dort ein halbes Jahr, weit weg von Berlin. Es folgten eineinhalb Jahre Wehrdienst, die ihn ebenfalls von der Hauptstadt fernhielten. Mit den Kameraden trank er viel. Dann kehrte er zurück – und feierte erstmal sein Leben, nun auf aufputschenden Substanzen wie Kokain, Speed und Ecstasy statt Heroin und Beruhigungsmitteln.

Pilgerfahrt huckepack

Eines Abends saß er mit einem Freund in einer Schwulenbar und betrank sich. Der machte einer Frau ein Kompliment für ihr Sommerkleid. Als sie sich umdrehte, erkannte Seeger „Bonnie“, seine Ex. Er hatte geglaubt, dass das Mädchen, das inzwischen eine Frau war, tot sei – ein falsches Gerücht, das er auf einer Clubtoilette aufgeschnappt hatte.

Sie gingen erstmal zusammen eine Runde um den Block, schließlich gab es viel zu erzählen. Bei der Frage, ob er denn clean sei, machte Seeger einen Witz über seine Alkoholsucht und nannte sie „Upgrade“. Seine Exfreundin lachte nicht und erzählte von ihrer Selbsthilfegruppe – wohin sie ihn bald darauf mitnahm. „Ich hatte Angst, dass es unsere gemeinsame Zeit abwertet, dass ich schwul bin“, sagt Seeger. Es kam anders. Die beiden sind gute Freunde geworden.

Ein neuer „Abschnitt“ begann, so nennt es Aaron Seeger. Er hörte auf zu trinken und Drogen zu nehmen. Er lernte in den Selbsthilfegruppen, dass er jetzt eine „Salzgurke“ sei, was Drogen angeht – er kann keine normale Gurke mehr werden: ganz oder gar nicht. Nimmt er einen Schluck Essig, wird er wieder darin schwimmen. Der Vergleich hinkt etwas, so verstehe er seine Sucht aber besser, meint Seeger.

Aaron Seegers Mutter erkrankte an Krebs und fand zum Glauben. Einige Monate vor ihrem Tod unternahmen die Mutter und der Sohn gemeinsam eine Pilgerreise mit den Franziskanern nach Israel. Allein hätte die Mutter es nicht dorthin geschafft, sie war angeschlagen von der Chemotherapie. Die beiden feierten Silvester 2018/2019 in Israel, im Nachhinein begriff Seeger diese Reise als Versöhnung. Während der Wanderung übergab Seegers Mutter sich ständig. Beim Aufstieg auf den Berg Tabor versagten ihre Beine vollends. Ihr Sohn ging in die Hocke, sie lehnte sich an seinen Rücken. Er nahm ganz vorsichtig ihre zerbrechlich dünnen Beine eins nach dem anderen unter die Arme und trug sie huckepack das letzte Stück hinauf.

Er selbst glaubt an eine „höhere Macht“, so nennt er es, aber nicht im christlichen Sinne. Um das zu erklären, zitiert er Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Weihnachten verbringt Aaron Seeger in diesem Jahr zum zweiten Mal mit einem guten Freund. Nachmittags geht er in die Kirche, er sagt, weil er dort so gerne Weihnachtslieder singt.

Der Drogennotdienst in Berlin hat 365 Tage im Jahr geöffnet. Die Angebote sind vielfältig: von Kinder- und Jugendschutz über Angebote für Geflüchtete, Gesprächsstunden für Nachtschwärmer bis hin zu einem unbürokratischen Entgiftungsprogramm. Die Sofort-Hilfe erreichen Sie unter: 030 19237
drogennotdienst.de